Elisabeth Noelle-Neumann

die Frau der Zahlen und Daten

Elisabeth Noelle-Neumann
Elisabeth Noelle-Neumann im Gespräch mit Hanno Gerwin
Elisabeth Noelle-Neumann im Gespräch mit Hanno Gerwin

Sie weiß alles ganz genau. Elisabeth Noelle-Neumann ist mit 85 Jahren die große alte Dame der Zahlen und Daten. Gleich nach dem 2. Weltkrieg gründete sie in Allensbach am Bodensee das legendäre Institut für Demoskopie. Seitdem überprüft, misst und befragt sie nahezu alles, was messbar oder statistisch darstellbar ist. Elisabeth Noelle-Neumann ist eine Wissenschaftlerin mit ungeheurem Wissensdurst. Politische Einstellungen, persönliche Lebensweisen, moralische Grundsätze - kaum etwas, das von der empirischen Sozialforschung nicht erforscht werden könnte. Elisabeth Noelle-Neumann hat damit zu einem Zeitpunkt begonnen, als eine wissenschaftliche Karriere für eine Frau noch ganz und gar ungewöhnlich war.

 

Frau Noelle-Neumann, wie kam es dazu, dass Sie es unbedingt genauer wissen wollten, dass Sie Einstellungen und Meinungen, auf den Grund gehen wollten?
Als Zehnjährige sagte ich mir, ich werde Journalistin. Und dabei bin ich ganz fest geblieben. Ich habe nach meinem Doktor als Erstes ein Volontariat gemacht, bei einer großen Berliner Tageszeitung. Das hatte eine sehr merkwürdigen Hintergrund. Ich ging zum Chefredakteur der \"Deutschen Allgemeinen Zeitung\" als der Krieg ausbrach. Ich hatte ihm gesagt, jetzt ist der Krieg ausgebrochen, da kann ich nicht mehr studieren. Da schaute er mich an und sagte: \"Ein Platz bei uns ist Ihnen sicher. Aber vorher promovieren Sie.\"
Ein halbes Jahr später hatte ich meine Doktorarbeit geschrieben, über Meinungsforschung. Meinungsforschung ist systematisch, Meinungsforschung ist wiederholbar, überprüfbar. Wenn wir heute eine Umfrage machen, und jemand sagt mir: ich glaube Ihnen das nicht, dann sagen wir: Gut, schön, wir machen die Umfrage zum zweiten Mal. Dann kommt wieder dasselbe raus. Und das gefällt mir. Diese Festigkeit, mit der ich auf etwas stehen kann.

Können Sie sich an Ihre erste Meinungsforschung erinnern?
Ja, natürlich. Es war am 8. Mai 1947 - unser erster repräsentativer Querschnitt.
Es war an einer Schule in Ludwigshafen am Bodensee und wir fragten z.B., wissen die Bauern, wie wenig die Menschen zu essen haben in den Städten? - Ich wollte damals - gerade eben war der Krieg zu Ende - die jungen Menschen kennen lernen. Die Fragebogen haben wir noch heute. Das war die erste deutsche Meinungsforschung.

Sie können mit solchen Meinungsforschungen auch etwas bewegen. Sie können es anderen vorhalten und sagen: So das ist es!
Es ist nachgewiesen, dass sie mit Meinungsforschungsergebnissen Journalisten beeindrucken, also nicht die Bevölkerung, die sich sagt, Mathematik brauche ich nicht. Schicksale beeindrucken die Menschen. Nicht die Prozentzahlen.

Aber trotzdem ist es ihr Lebenselixier.
Nicht trotzdem sondern gerade! Wir haben seither 11 Allensbacher Jahrbücher herausgegeben. Wer über die komplette zweite Hälfte des letzten Jahrhunderts in Deutschland Bescheid wissen möchte, kann dies tun. Eine tolle Art von neuer Geschichtsschreibung.

Gibt es Erkenntnisse, die Sie persönlich in Ihrem Denken verändert haben? Gibt es Umfragen, die Sie sehr erstaunt haben?
Wann immer ich ein Ergebnis sehe, mit dem ich nicht gerechnet habe, sage ich: Wer sich in einer Sache irrt, der irrt auch in den Zusammenhängen. Da muss ich aufpassen, da muss ich umdenken. Wir leben alle mit vielen falschen Annahmen. Mit einer falschen Weltsicht kann ich nicht leben.

Gab es Umfragen, wo Sie mit Ihren Annahmen völlig daneben lagen?
Es gibt viele Fragen, wo ich doch etwas anderes erwartet hätte. Z.B. bei der Frage: \"Glauben Sie, dass es mehr dankbare oder undankbare Menschen gibt?\" Ich hab\' eigentlich damit gerechnet, dass die Ergebnisse etwas besser ausfallen. Eine Mehrheit meinte, es gäbe mehr undankbare Menschen. Das hat mich traurig gemacht.
Etwas Dankbarkeit ist eine der schönsten Eigenschaften der Menschen. Einen guten Menschen erkennen Sie daran, dass er dankbar ist.

Das ist eine Lebensweisheit von Ihnen
Dankbarkeit ist eine herrliche Eigenschaft. Die Pädagogik braucht noch so viel Demoskopie. Man sollt den Kindern richtig einpflanzen, Freude Dankbarkeit zu zeigen.

Ihr großes Thema ist die öffentliche Meinung, eine soziale Haut, die die Gesellschaft zusammenhält. Wie funktioniert das? Die Meinungen bestimmen, was in ist und was out ist.
Das hat Adenauer so gewundert. Er hat mir einmal gesagt: \"Ich verstehe die Leute nicht, ich mache immer die gleiche Politik. Deutschland muss in die Westbindung aufgenommen werden. Und mal sind die Leute für mich und mal sind sie wieder gegen mich.\"

Woran liegt es, dass da plötzlich Trends auftreten? Was passiert da?
Alle Gesellschaften leben von Gemeinsamkeiten. D.h., es spielt eine große Rolle, wie die andern denken. Man will nicht isoliert sein. Haben Sie schon einmal das Wort Schweigespirale gehört? Das ist der Titel meines Buches.

D.h., man schweigt so lange, bis man wieder dazugehört.
Entweder man schweigt überhaupt, oder aber man versucht zu überzeugen. Ich beschreibe den Propheten Luther. Er erklärt, hier stehe ich, ich kann nicht anders. Erst ist er allein. Aber dann fängt er an, mit seiner ungeheuren Wut, seiner Kraft, mit dem Tintenfass nach dem Teufel zu werfen. Da fängt er an, andere zu beeindrucken.

Und was sind das für Menschen, die andere beeindrucken und diese Trends bestimmen?
Sehr verschieden sind die Menschen in Bezug auf ihre Persönlichkeitsstärke.. Man spricht auch von Meinungsführern. Dafür habe ich einen Test entwickelt mit zehn Aussagen. So können wir beurteilen, wie groß die Persönlichkeitsstärke ist. Und die Persönlichkeitsstärksten, das sind die Anführer, die Meinungsführer.
Gesellschaft entsteht nur, indem es Gemeinsamkeit gibt. Gemeinsame Überzeugungen. Dieses Zusammenhalten in Werten, das macht Gesellschaft aus. Und daher kommt auch das Stichwort Mode. Mode gibt es in allen Gesellschaften.

Religion, Kirche, Glaube sind Dinge, die sozusagen in der öffentlichen Meinung eher out scheinen. Warum war in früheren Jahrhunderten dieses so viel wichtiger für die Gesellschaft?
Zunächst hat sich eine fast weltumspannende Ideologie etabliert, die Sie ruhig eine Religion nennen können und sie heißt Marxismus. Sie hat den atheistischen Grundton. Und der ist nicht so leicht wegzusetzen. Die Menschen der ehemaligen DDR sind nicht religiöser geworden nach der Wiedervereinigung, sondern beinahe umgekehrt. D.h., wir haben erst einmal eine tiefe atheistische Grundüberzeugung. Ich glaube, das wird sich wieder ändern.

Was müsste dazu passieren?
Es passiert schon. In den letzten 10 Jahren sind eine Reihe von Büchern erschienen, über die Nahtodforschung. Die kann einem schon die Religiosität beibringen. Es geht um Menschen, die vom Tod berichten und davon, es sei ein Engel gekommen und habe sie durch einen langen schwarzen Tunnel geführt. Und am Ende habe sie dort Licht erwartet. Wollen Sie noch lange warten und fragen warum? Ich glaube, dass die Religiosität zurückkehrt.

Wie ist Ihre Einstellung zum Tod? Haben Sie Angst davor?
Nein. Wenn jemand einfach so entschieden erklärt, er hat keine Angst vor dem Tod, dann hat er irgendein Erlebnis gehabt. Und ich habe ein Erlebnis gehabt in Ägypten. Da war ich ungefähr 21 Jahre alt. Und dieses Erlebnis hatte einen sehr deutlichen Charakter. Ich stand in einem ägyptischen Tempel Ich war ganz alleine und stand vor einer Wand mit einem Halbrelief. Es war, als ob die Zeit verschwunden wäre. Die Zeit war einfach weg. Wenn Sie so was erleben, dann verlieren Sie ihre Todesangst.

Haben Sie das Gefühl, dass Engel um sie sind und Sie beschützen?
Ja. Ich glaube an Schutzengel. Nicht etwa im Sinne, dass mich jemand an die Hand nimmt und sagt das machst du oder machst du nicht. Das käme gar nicht in Frage, ich fühle mich dabei frei. Aber der Schutzengel, der ist auf jeden Fall Realität für mich.

Wie ist ansonsten Ihre Einstellung zur Religion?
Ich bin wirklich froh, dass es Religionen gibt. Ohne Religion, flach liegend, Beine hoch, fernsehend, rauchend, wartend, wann im Fernsehen der nächste Krimi kommt... Ist das nicht ein Schreckensbild von Mensch?
Was ich sehr liebe sind zwei Grundfiguren von Menschen, den Künstler und den Wissenschaftler. Beide haben das selbe Ziel, doch sind sie beide völlig verschieden: Wissenschaftler und Künstler. Beide sind sie ganz erfüllt von dem Streben nach Erkenntnis, mit dem Unterschied, dass der Künstler nach subjektiver, der Wissenschaftler nach objektiver Erkenntnis strebt.

Sie haben ihr ganzen Leben lang viel Leistung erbracht. Was würden Sie Menschen raten, die das aus irgendwelchen Gründen nicht können?
Ich rate folgendes: Um glücklich zu sein, soll man sich einer Aufgabe verschreiben. Es ist absurd nach dem Glücklichsein zu greifen, wie nach einem Apfel. Man muss etwas tun, das nicht zu schwer ist, sonst verzweifelt man, aber auch nicht zu leicht, sonst langweilt man sich.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich möchte ein Buch über das Glück schreiben und wünsche mir, dass mir das Glücksbuch gelingt. Ich hab seit 20 Jahren an dem Thema gearbeitet. Stellen Sie sich vor, wie es sein wird, wenn man Menschen sagen kann, was sie glücklich macht, damit sie sich keine falschen Ziele setzen oder nicht die Zeit vertrödeln. Das wäre mein Wunsch.

 

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