Dr. Rupert Neudeck

den Menschenretter von Cap Anamur

Rupert Neudeck
... im Gespräch
... mit Hanno Gerwin

Er hat das Helfen zu seiner absoluten Lebensaufgabe gemacht hat. Rupert Neudeck gründete Ende der 70er Jahre die Hilfsorganisation Cap Anamur, um mit seinem Rettungsschiff ertrinkende Vietnamesen aus dem chinesischen Meer zu retten. Über 11.000 Schiffbrüchige hat er in jenen Jahren aus dem Wasser gezogen und vor dem sicheren Tod bewahrt. Das Schiff Cap Anamur ist weltweit im Einsatz. Mit seiner internationale Hilfsorganisation ist Rupert Neudeck zur Zeit unter anderem in Bosnien, Afrika, Nord-Korea, Tschetschenien und in Afghanistan tätig. Millionen Menschen unterstützen Rupert Neudeck dabei und er selbst ist rastlos unterwegs um über die Notleidenden zu informieren.

 

Sie sind sehr viel herumgekommen und haben sehr viel Not gesehen in vielen verschiedenen Ländern, an ganz unterschiedlichen Orten. Wo ist die Not am größten?
Das kann ich schlecht sagen. Ich kann sagen, wo sie jetzt am größten ist, nämlich in Afghanistan. Das ist das aktuellste Feld, was wir kennen. Aber ich schließe nicht aus, dass es auf der Welt Ecken gibt, wo gehungert wird, wo gestorben wird und wir nichts mitbekommen. Uns umtreibt manchmal eine quälende Frage: Wissen wir alles von den Regionen der Habenichtskontinente Afrika, Lateinamerika? Möglicherweise wissen wir das nicht. Worüber wir etwas wissen, ist es gegenwärtig sicher Afghanistan.

Wenn Sie eine solche Notsituation erreicht, sind Sie ja nie ganz unvorbereitet, weil Sie viel zu sehr am Puls der Not sind. Was geht dann in Ihnen vor, bis Sie sagen, jetzt muss ich sofort irgendetwas tun? Steht das Organisatorische an erster Stelle oder ist es persönliche Betroffenheit?
Zunächst muss ich da hin. Das ist das Erste. Man kann sich leider nicht im vollen Sinne auf das verlassen, was man durch die aktuellen Medien liest, was man hört, was man sieht. Nicht weil diese falsch sind, sondern weil der Eindruck, den man bekommen kann, ein noch viel massiverer sein kann oder ein geringerer.
Damals in Ruanda z.B. konnte mir das Fernsehen nicht den Leichengeruch vermitteln, der über der ganzen Landschaft lag. Das war für mich ein Schlüsselerlebnis. Man muss erst am Ort sein, um zu sehen, um erfahren zu können, wie ist die Not, wie konkret sie ist. In welcher Weise ist die Not dieses Mal eine Hungersnot oder eine Not der Verzweiflung? Ist sie eine Not der Menschen, die ohne Dach über dem Kopf sind, die dabei sind zu erfrieren, zu ertrinken? Das muss man alles durch einen sofortigen Besuch vor Ort erfahren, nicht anders.

Wie stark ist der persönliche Teil, dieser Betroffenheitsteil? Ich meine, Sie sind ein Organisator, ein perfekter Organisator. Es gibt doch aber auch diesen Punkt, wo Sie einfach betroffen sind. Wie ist das bei Ihnen?
Diese Betroffenheit ist so groß, dass ich mich immer bemühen muss, sie nicht zu groß werden zu lassen. Sonst bin ich unfähig, für die anderen etwas zu tun. Das halte ich auch für den großen Vorteil dieser humanitären Tat, dass ich mich nicht zu lange damit abgeben kann. Meine eigene Rührseligkeit zu streicheln - Nein, das hilft den Menschen dann nicht. Man muss auch mit den Augen dessen kucken, der sich fragt, was können wir jetzt tun. Welches Flugzeug muss kommen, welche Wagenladungen, welche Tonnage, welche Hilfsgüter? Wie können an einem Ort innerhalb von sechs Tagen Zelte aufgebaut und die ersten medizinischen Versorgungen gemacht werden? Ich muss immer wissen, hilft das den anderen - so ist es gut.

Gibt es auch so etwas wie Wut auf die Verursacher, oder spielt das für Sie keine Rolle und Sie sagen, ich sehe nur den Notleidenden?
Nein, das ist ganz wichtig, dass Sie das fragen. Denn das ist manchmal ein Missverständnis der humanitären Arbeit, die ja in einem sehr erklärbaren Sinne als neutral und unpolitisch erläutert wird. Ich halte mich natürlich nicht für einen politischen Eunuchen, der da rumkraucht, dem es egal ist, woher Not und Verzweiflung, Zerstörung und Elend kommen.
Nein wir sehen diese Dinge als Menschen mit Gefühlen. Wir wollen nicht nur den Samariter, der unter die Räuber gefallen ist, beistehen und ihm ein bisschen Geld geben, wenn wir weggehen. Sondern wir möchten die Räuberei auch gerne beenden, damit nicht mehr so viele unter die Räuber fallen.

Nach dem 11. September musste in Afghanistan schnell gehandelt werden. Wie geht das einfach vor sich?
Das Gute ist, dass wir in unserer kleinen Organisation im Grunde so wenig Strukturen haben, dass die Schnelligkeit fast schon garantiert ist. Der Vorteil ist, dass man im Grunde werktags und sonntags sofort anrufen kann und sagen kann, das muss jetzt gemacht werden.
In Afghanistan war diese Situation wirklich gegeben. Wir mussten unbedingt das größte Frachtflugzeug voll stopfen mit dem, was an Medikamenten, an medizinischem Equipment an Nahrungsmitteln und an warmen Wintersachen auf dem Markt ganz schnell greifbar war. Acht Tage waren dafür da. Innerhalb von 12 Tagen waren die Hilfsgüter da, wo die Menschen sie dann auch gleich gebrauchen konnten.

Wenn Sie die heutige Situation mit den Anfängen vergleichen, was hat sich verändert in diesen 20 Jahren Ihrer humanitären Tätigkeit? Sind Sie der Gleiche geblieben in der Wahrnehmung der Not oder sind Sie auch anders geworden?
Ich denke, es hat sich schon einiges verändert. Und ich weiß nur nicht, ob es zum guten oder zum schlechten ist.
Ich finde die Nichtregierungsarbeit, so wie sie in freien Gesellschaften, wie der Deutschen entstanden ist, ist ein Ruhmestitel. Das ist etwas, das müssen wir hüten wie unseren Augapfel. Was ich erlebe ist, dass zu viel staatliche Beeinflussung greift.

Wenn Sie sich an die Anfänge zurückerinnern, gibt es so eine Art Schlüsselerlebnis?
Ich selbst war am 30. Januar 1945 mit der Mutter und den drei Geschwistern auf dem Wege von Danzig, wo ich geboren bin, nach Gotenhafen. Als wir ankamen, waren wir zwei Stunden zu spät, um auf das Schiff "Wilhelm Gustloff" zu kommen. Jeder weiß im Moment, was es mit dieser Wilhelm Gustloff auf sich hatte...(Anmerkung der Red.: Am Abend des 30. Januar 1945 wurde die "Wilhelm Gustloff" von drei Torpedos getroffen, abgefeuert von einem russischen U-Boot. Von etwa 10.000 Menschen an Bord überlebten nur etwa 1.200. R. Neudeck war seinerzeit Augenzeuge der Rettungsaktion)

Gehen Sie so weit, dass Sie sagen, ich erwarte eigentlich bestimmte Dinge von den Menschen, denen ich geholfen habe?
Das ist die Anstrengung, die wir machen müssen. Wenn wir in ein Dorf im Kosovo gehen, dann holen wir die Dorfgemeinschaft zusammen und sagen, wir haben hier ein Angebot. Wir geben euch das Dachpaket, das kostet so und so viel. Aber ihr müsst das Haus in einer Woche beginnen zu machen. Und in acht Wochen muss es fertig sein. Und das muss unterschrieben werden und wenn nicht, wird das Material wieder abgeholt.
Für manche meiner Mithelfer gilt das als ein antihumanitärer Impuls. Jedoch Rührseligkeit ist das Gegenteil von humanitärer Hilfe. Wir müssen Bedingungen schaffen, die das größte Maß an Gerechtigkeit für die Betroffenen herstellt.

Wovor haben Sie Angst?
Dass einem der Mitarbeitern was passiert und ihm das Leben geraubt wird. Davor habe ich deshalb um so mehr Angst, da ich fest davon überzeugt bin - und das ist der große Widerspruch-, dass wir in einer besonderen Weise geschützt sind, bei dieser Arbeit. Ich kann das nicht erklären. Ich kann das niemandem erklären.
Ich kann nur immer sagen, ich habe dieses Gefühl, ich habe diese felsenfeste Gewissheit, dass uns nichts passieren kann. Und dennoch habe ich natürlich Angst. Angsthaben ist auch eine Qualität. Man muss auch Angst haben können. Und natürlich habe ich Angst.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein. Ich habe nur Angst davor, dass wir in unserer Gesellschaft nicht mehr wissen, was das ist. Und ihn vielleicht irgendwann mal richtig ausschalten wollen aus unserem gesellschaftlichen Leben.
Das ist ja etwas, was ich zu meiner großen Beglückung in anderen Gesellschaften erlebe. Dass Geburt Erwachsenwerden, Tod, dass das die Pfeiler des gesellschaftlichen Lebens sind. Hierzulande gibt es aufgrund auch der technologischen und medizinischen Entwicklung einfach immer mehr den Versuch, sich daran vorbeizulügen.

Wenn Sie einmal einen Wunsch frei hätten, ein einziges Mal, was würden Sie sich wünschen?
Ich möchte gerne arabisch können.

Das kann man doch lernen, oder nicht?
Ja, aber das werde ich nicht mehr schaffen. Das wäre mein größter Wunsch.

 

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