Carlos Martinez

Pantomime

Carlos Martinez ist Pantomime, das heißt er erzählt Geschichten, indem er schweigt. Der gelernte Schauspieler und Referent für nonverbale Kommunikation drückt sich auf der Bühne durch Gesten, Mimik und Bewegungen aus. Er setzt sich pantomimisch auch mit anspruchsvollen Themen auseinander, etwa wie den Menschenrechten oder der Bibel.

 

Es ist ja sehr wichtig, dass das was man mit Gesten zeigt und das was man sagt auch übereinstimmen. Wie hängen Körpersprache und das was man sagt zusammen?
Wenn wir sprechen, dann planen wir mehr oder weniger, was wir sagen wollen. Aber unsere Bewegungen kontrollieren wir normalerweise nicht, sie kommen einfach spontan und können auch Dinge verraten, die wir nicht sagen wollen. Die Menschen richten ihre Aufmerksamkeit mehr auf die Worte und nicht so sehr auf die Körperbewegungen. Es wäre aber gut, wenn wir mehr auf unsere Bewegungen achten würden.

Haben Sie ein typisches Beispiel dafür, wo die Menschen mit dem Körper etwas ganz anderes sagen als sie eigentlich denken?
Wenn wir zum Beispiel behaupten, dass wir glücklich seien, unser Körper aber eher eng und zusammengezogen wirkt, dann ist das ein klarer Gegensatz. Wenn die Hände eng beieinander sind, dann drückt das aus, dass etwas klein ist. Wenn die Hände weit auseinander und offen sind, dann ist etwas groß. Wenn jemand z. B. behauptet, dass seine Firma sehr groß sei, dann sollten seine Hände offen sein. In der Pantomime achten wir auf solche Sachen. Wenn eine Wand oder ein Glas sehr groß ist, öffnen wir die Hände weit, wenn die Dinge klein sind, schließen wir die Handflächen.

Es ist natürlich für jeden Menschen wichtig, dass er sich gut ausdrücken kann, auch mit Körpersprache. Was kann man da lernen?
Ich glaube, dass die Basis die Gefühle sind. In unserer Gesellschaft bemühen wir uns immer noch zu sprechen, ohne Gefühle auszudrücken. In der Pantomime ist das nicht möglich. Wir müssen Gefühle ausdrücken, weil sie international sind. Ich kann eine ganze Menge Sachen sagen oder ausdrücken, aber die Bedeutung kann von Land zu Land verschieden sein. Gefühle jedoch sind international. Wenn ich z. B. Glück, Traurigkeit, Ärger oder Angst ausdrücke, dann wird das überall verstanden. Deshalb hoffe ich, dass wir durch die Pantomime lernen können, uns besser auszudrücken.

In Ihrem Stück "My Bible" beschäftigen Sie sich mit der Schöpfung. Sie stellen sehr schön die Erschaffung von Mann und Frau dar. Wie sind Sie auf die Idee gekommen gerade die Bibel als Pantomime umzusetzen?
Die Idee ist mir gekommen, weil ich die Geschichten in der Bibel mag. Für manche Menschen ist die Bibel ja nur ein Buch mit Regeln oder Geboten. Aber ich als Schauspieler sehe dort Geschichten, Charaktere, Konflikte und Beziehungen. Als ich die Schöpfungsgeschichte las, sah ich dort keine Gesetze. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, diese Situation als Schauspieler in der Fantasie durchzuspielen. Vor mir haben bereits viele Schauspieler die Schöpfungsgeschichte gespielt, ich bin nicht der Erste, der das macht, aber ich habe die Perspektive geändert. Ich wollte die Schöpfungsgeschichte nicht aus meiner Perspektive nachvollziehen, sondern aus der Perspektive Gottes. Deshalb blicke ich in meiner Darstellung nach unten. Normalerweise schauen wir ja nach oben, wenn wir uns Gott vorstellen. Ich änderte also den Blickwinkel. Das war für die Zuschauer etwas Neues.

Nun ist die Bibel auch ein Glaubensdokument, es geht natürlich um historische Geschichten und auch erfundene Geschichten, aber es geht vor allen Dingen um die Menschen, die geglaubt haben. Wie stellt man dieses Immaterielle dar? Zeigt sich das mit den Nebentönen, mit dem Lächeln, dem Humor, der Freundlichkeit, die Gott in Ihrem Gesicht zeigt?
Menschen, die sich eine Pantomime-Show ansehen, müssen glauben, denn es ist ja nichts da. Ich benutze keine Objekte auf der Bühne. Ich muss das Publikum überzeugen, dass etwas da ist. Wenn ich nur den kleinsten Fehler mache, dann werden sie mir nicht glauben, dass da eine Wand ist oder ein Baby in meinen Armen oder ein Glas in meiner Hand. Um es glaubhaft zu machen, muss ich sehr genau und präzise sein. Und das ist auch sehr wichtig an der Bibel. In der Bibel ist alles so präzise beschrieben, dass es einfach für uns ist, daran zu glauben.

Also ist Pantomime eine moderne Art zu predigen?
Es ist eine internationale Art zu predigen. Mit dieser Geschichte kann ich überall hingehen, die Menschen verstehen die Humanität darin. Wir wissen ja nicht so viel über Spiritualität, aber vom Menschlichen verstehen wir eine ganze Menge. Meine Kunst ist es, menschliche Geschichten auf der Bühne darzustellen. Manche Geistliche möchten, dass ich etwas Spirituelles zeige, aber ich bin ein Pantomime und muss menschliche Geschichten darstellen. Ich predige nicht, sondern stelle Parabeln dar.

Man kann also sagen, dass sie auch Theologe sind. Sie haben ein bestimmtes Bild von Gott, ein freundlicher Gott, der stark mit seiner Schöpfung kommuniziert.
Wenn ich die Schöpfungsgeschichte darstelle, dann muss ich zu allererst einmal klar machen, dass ich Respekt vor Gott und der Geschichte habe. Ich kann die Geschichte oder Gott nicht ändern, aber ich möchte die Menschlichkeit Gottes zeigen. In meiner Geschichte kann man die Gefühle Gottes sehen. Mir ist klar, dass es für Gott ganz einfach war, die Erde und das Leben zu schaffen. Was schwierig für ihn ist, ist sein eigenes Leben hinzugeben. Wenn man das in der Bibel liest, dass er sein Leben gab für uns, dann wird klar, dass das schwierig war. Aber Leben zu geben war einfach. Vielleicht sagt er aber auch, wenn ich einmal mit ihm spreche, dass ich Unrecht hatte.

Glauben Sie das wirklich?
Nein, aber ich möchte mir ein Hintertürchen offen lassen. In der Bibel gibt Gott Eva schließlich keinen Kuss. Aber in meinem Stück musste ich das so zeigen. Gott hat die Frauen mit etwas Besonderem erschaffen und das muss ich auf meine Art mit Körpersprache zeigen.

Ist der Glaube für Sie auch ein persönliches Anliegen?
Glaube ist für mich sehr wichtig. Als Schauspieler braucht man einen Regisseur. Jemanden, der einem bei Gesten und Bewegungen hilft. Und wenn man das schon bei der Schauspielerei braucht, braucht man das erst recht im wahren Leben. Es ist wichtig zu wissen, dass da jemand ist, den man Vater nennen kann, den man als Regisseur bezeichnen kann. Jemand, mit dem man kommunzieren kann, der Sorge für einen trägt, auch wenn man ihn nicht sehen oder berühren kann. Ich habe durch die Pantomime gelernt, dass ich Dinge nicht immer berühren kann, aber trotzdem weiß, dass sie da sind.

Das ist eigentlich eine gute Schule für den Glauben.
Wenn ich die Schöpfungsgeschichte spiele, dann sehen die Zuschauer, was ich zwischen meinen Händen halte, auch wenn da nichts ist. Wenn wir die Erde sehen, dann sehen wir den Schöpfer nicht, weil der Schöpfer unsichtbar ist. Wenn ich das aus meiner Perspektive heraus mache, dann ändert sich das völlig. Wenn wir den Schöpfer sehen, sehen wir die Erde nicht. Noch einmal: Ich ändere nicht die Geschichte, nur die Perspektive.

Aber das ist eine interessante Theologie, die dann beginnt wenn man aufhört darüber zu reden.
Wir leben in einer Gesellschaft, in der viel geredet wird. Aber es ist auch gut, wenn man die Zeit findet zu denken. Es geht nicht darum, unsere Art zu sprechen zu ändern, die Geschichte oder die Theologie, das ist nicht mein Ziel. Man muss nur alles aus einer anderen Perspektive sehen. Viele Prediger haben mir gesagt, dass sie ihre Predigten in der Stille finden.

Wenn Sie einmal einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich erfreue mich immer sehr an der Ruhe und am Frieden. Unsere Gesellschaft ist so hektisch und immer in Eile. Ich wünschte mir, mehr Ruhe zu haben. Dank der Pantomime erreiche ich das. Ich bin ja Spanier und habe spanisches Temperament, aber wenn ich auf der Bühne bin, muss ich alle Bewegungen kontrollieren und ruhig sein. Dadurch dass ich spanisches Blut habe, ist das sehr schwierig für mich. Mein Wunsch wäre es, mehr Ruhe in mein Leben zu bringen und das mit anderen zu teilen.

 

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