Wolf Maahn

deutscher Soulmusiker mit Vergangenheit

Wolf Maahn
Wolf Maahn im Gespräch mit Hanno Gerwin
Wolf Maahn im Gespräch mit Hanno Gerwin

Seit über 25 Jahren macht er als Musiker eine Solokarriere der etwas anderen Art. Nach seiner ersten Deutschlandtour 1982, folgten Alben, Tourneen und Fernsehauftritte. Ununterbrochen widmete sich Wolf Maahn der Musik und ist somit das Gegenteil eines schnell an die Spitze der Hitparade springenden Showstars, der ebenso schnell wieder verschwunden wäre. Wolf Maahn ging es in seinen Liedern mit engagierten Texten immer um Gefühl. Mit seiner souligen Stimme ist er ein Vollblutmusiker zum Anfassen, mit Tiefgang und Vergangenheit.

 

Wolf Maahn, auf Ihrer CD „Direkt ins Blut“ gibt es einen interessanten Text: „Wir wissen es, wie die Zeit vergeht, wir wissen jetzt wohin die Welt sich dreht“. Heißt das, es hat sich vieles in den letzten 25 Jahren verändert? Was wissen Sie heute, was Sie damals nicht wussten?
Der Text bezieht sich auf die neusten Erkenntnisse der Wissenschaft, dass wir selbst die Verursacher des Klimawandels sind, dass es immer noch kriegerische Handlungen in vielen Krisenherden gibt und das in einer Phase, wo alle zusammenhalten müssten, länderübergreifend, konfessions- und religionsübergreifend. Wir brauchen keinen Kampf der Kulturen. Eine Globalisierung könnte hier positiv wirken, in dem man sich grenzüberschreitend zusammenschließt. Das passiert jedoch nicht. Es ist wie Stühle rücken auf der Titanic.

Hat sich Ihre Musik in den letzten 25 Jahren sehr verändert?
Im Kern nicht. Die Musik ist für mich etwas völlig Unerklärliches, und ich glaube, sie wird mir geschenkt. Wenn ich einen tollen Song schreibe, fliegt es einfach an mich ran, und ich fühle mich dann wie ein Beschenkter, der verantwortlich ist, es so gut wie möglich umzusetzen.

Wie kommt ein Song wie „Kind der Sterne“ zustande?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie ein Song entsteht: Ich spiele Gitarre, finde zwei, drei schöne Harmonien die gut zusammenpassen und summe irgendwas dazu. Ich wurde gebeten, eine Filmmusik zu einem Schimanski Kinofilm beizusteuern und schrieb einen englischen Text, „Born beautiful“. Später habe ich den Song ins Deutsche übersetzt.

Gibt es Lieder, mit denen Sie eine ganz klare Botschaft an den Zuhörer weitergeben möchten?
Das ist von Song zu Song verschieden. Jeder Song hat seine kleine Botschaft. Ich bin pazifistisch eingestellt. Es ist grotesk, dass gerade heute aus Glaubensgründen gekämpft wird. Es muss eine Weiterentwicklung geben, sonst können wir direkt zurück in die Steinzeit. Wenn wir Menschen es nicht schaffen, uns über diesen Punkt, welcher Gott wohl der richtige sei, hinaus zu entwickeln, dann ist es einfach maßlos traurig, dass wir so bescheuert sind.

Über Gott sollte man also nicht streiten?
Zumindest nicht mit Bomben.

Wie würden Sie sich Gott vorstellen?
Ich stelle ihn mir nicht bildlich vor.

Wie wurden Sie erzogen, was das Gottesbild angeht?
Ich bin evangelisch. Mir wurden die Bilder des gekreuzigten Jesus, seine Leiden und verschiedene biblischen Bilder gezeigt. Ich erinnere mich noch an den Konfirmandenunterricht. Wir hatten einen sehr, sehr strenger Pfarrer, der viel mit Angst arbeitete.

Hat Sie das vom Glauben abgehalten?
Ich dachte, ich müsste zwanghaft glauben, wovon ich mich zunächst erholen musste. Ich glaube, man muss seinen ureigenen Weg finden. Es gehen leider immer weniger Leute in die Kirchen. Das hat vielleicht auch mit einer Art von Beklommenheit zu tun, die in den Kirchen oft herrscht. Da ist man nicht so frei. Ich merke oft Unterschiede, wenn ich in Italien unterwegs bin, wo die Menschen lachend durch die Kirchen gehen.

Wie würden Sie sich die ideale Kirche wünschen?
Die ideale Kirche ist die, die sehr viel Individualität zulässt, die ein soziales Bindeglied für die Menschen ist, ein Platz, an dem sich Leute treffen können, eine Begegnungsstätte für die verschiedensten Menschen. Es sollte auch einen Raum geben, an dem alles ganz ruhig ist, wo jeder andächtig meditieren und beten kann. Es muss vor allem ein lebendiger Ort sein – besinnlich und lebendig.

Müsste die Kirche auch musikalisch anders sein als im Moment?
Ja. Ich bin nicht der besondere Klassik-Fan. Manche Stücke entdecke ich jetzt so langsam, aber ich bin sehr, sehr rhythmusbetont. Ich brauche immer den Groove, und das haben natürlich Gospelsongs. Gregorianische Gesänge lösten bei mir durchaus auch etwas aus, was spirituell war. Es ist aber der Moment der Freude, der mir in der Kirchenmusik oft fehlt.

Sie selbst haben einen Sohn, der noch nicht so ganz erwachsen, aber auch kein Kind mehr ist. Finden Sie es wichtig, dass Kinder mit dem Glauben in Kontakt kommen oder eine christliche Erziehung erhalten?
Auch da sollte natürlich jeder selbst seinen Weg finden. Ich finde, man sollte Kinder den Glauben nicht aufzwingen. Ich versuche mit dem Glauben frei umzugehen. Ich bin auf eine „überkirchliche“ Art religiös, das heißt, ich glaube daran, dass es etwas gibt zwischen Himmel und Erde gibt, was wir nicht erklären können. Wenn wir alles erklären könnten, würden wir restlos größenwahnsinnig werden. Wir sind eh schon größenwahnsinnig genug.

Das wäre bestimmt furchtbar langweilig, da alle Spannung verloren gehen würden.
Auch das. Auch bei der Musik kann mir keiner erklären, warum sie diese Wirkung hat, warum den Leuten auf einmal ein warmer Schauer über den Rücken läuft oder bei Konzerten die Wunderkerzen angehen. Man hat diese wunderbaren Gefühle. Die Musik ist etwas Großartiges, das steht für mich außer Frage. Ich habe auch gelernt, die Schöpfung zu spüren, je mehr ich als Vorstadtkind aus der Stadt raus kam. Früher war ich selten im Grünen, spielte immer nur auf betonierten Höfen. Ich weiß, es gibt etwas Höheres, das auf mich aufpasst und mir gewisse Aufgaben stellt.

Beten Sie auch?
Ja, das ist dann mein persönlicher Umgang mit dieser unerklärlichen Größe, und natürlich versuche ich dann auch die Fragen zu beantworten, die ich nicht klären kann.

Können Sie dadurch getröstet werden?
Ja, dadurch kann ich getröstet. Es eröffnet mir die Möglichkeit, mit offenen Augen durch den Tag zu gehen, das Wunderbare zu erkennen, was mir wiederum irgendeine Art von Tür zeigt. Das Leben ist manchmal wie ein verzwickter Irrgarten. Man läuft rum und überlegt sich, wo es denn lang gehen soll. Man wird mit Menschen konfrontiert, die man nicht versteht oder nicht mehr versteht.

Wovor haben Sie Angst?
Ich habe Angst davor, dass die Welt verrückt wird. Mich erschrecken die Zustände in unserer Gesellschaft. Es kann einem Furcht einjagen, wenn die Menschen sich dadurch verändern.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich würde mir wünschen, vielmehr Dinge verstehen zu können, aber so verstehen, dass ich damit umgehen kann.

 

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