Donna Leon

die Erfolgskrimiautorin mit Faible für die venezianische Unterwelt

Donna Leon
Donna Leon im Gespräch mit Hanno Gerwin
Donna Leon im Gespräch mit Hanno Gerwin

Donna Leon lebt seit vielen Jahren in Venedig und hat die venezianische Unterwelt mit dem eigenwilligen Commissario Brunetti berühmt gemacht hat. Als Erfolgskrimiautorin wurden die Kriminalfälle der Amerikanerin inzwischen in eine ganze Reihe von Sprachen übersetzt. Allerdings nicht ins Italienische, denn Donna Leon schätzt ihr venezianisches Inkognito. Sie hat eine ausgeprägte Liebe zur Musik, allem voran die Oper. So stellte sie allen ihren zehn Krimis Opernzitate voran: „vielleicht beweint sie jetzt zur Stunde meinen Tod...“ heißt es auf Seite eins der „Venezianischen Scharade“. In Commissario Brunettis 6. Fall „Sanft entschlafen“ geht es um eine mafiöse Kirche und religiöse Verschwörungen.

 

Donna Leon, was macht Commissario Brunetti im Moment?
Im Moment ist der Kommissar in Venedig, da habe ich ihn gelassen.

Ist der Kommissar quasi immer in Ihrer Nähe oder gibt es auch sehr viel Distanz zu dieser Figur?
Es gibt jede Menge Abstand zwischen ihm und mir. Er ist nun mal eine Figur meiner Phantasie. Auf der Straße sehe ich ihn nicht.

Gibt es nichts, worin Sie dem Kommissar ähnlich sind?
Doch. Er liest z.B. die Bücher, die auch ich lese, über griechische und römische Geschichte. Er isst gut und lebt gut, und er hat seine ganz eigene Moral. Für ihn ist das Gesetz und die öffentliche Ordnung gar nicht wichtig. Ihm geht es vor allem darum, was für ihn selbst der Maßstab ist.

Und wie ist das bei Ihnen? Haben auch Sie Ihre ganz eigene Moral?
Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, dass jeder Mensch seine eigene Moral hat.

Was heißt Moral für Sie genau?
Das heißt vor allem nichts tun, was anderen schadet, sondern andere in Frieden lassen. Basta!

Also sind Sie jemand, der selbst viel Freiheit braucht und diese auch anderen zugesteht?
Ja, es ist für mich sehr wichtig, frei zu sein. Vor allem auch, weil ich als Amerikanerin der Freiheit verpflichtet bin. Ich möchte so denken, wie ich will und möchte das sagen, was ich zu sagen habe und genau das tun, was ich tun möchte, ohne anderen damit zu schaden oder sie zu behindern. Ich finde, das ist eigentlich nicht viel.

Sie sind in einer richtig amerikanischen, großen, schönen und heilen Familie großgeworden. Und jetzt, wo Sie in Venedig als Schriftstellerin leben, beschäftigen Sie sich mit dem Untergrund, mit dem Schmutz. Warum ist das so?
Mir geht es um Unterhaltung. Für einen guten Krimi brauchen Sie dieses Umfeld, diese Probleme, diese ganzen Geschichten von Mördern und Tod u.s.w.

Wie lernen Sie diese Umgebung kennen? Oder entspringt alles nur der Phantasie?
Das habe ich alles hier in meinem eigenen Kopf. Dann brauche ich natürlich nur eine italienische Zeitung zu lesen, und schon habe ich Stoff für mindestens zehn Bücher.

Seit Ihrem ersten Buch „Venezianisches Finale“ sind Ihre Bücher immer politischer und engagierter geworden. Wie kam es dazu?
Eigentlich habe ich mein erstes Buch nur als eine Art Scherz geschrieben, um meinen Freunden einen Spaß zu bereiten. Ich hatte keine Ahnung, was es für ein großer Erfolg werden würde. Aber dann, als ich das zweite Buch geschrieben habe und wusste, welchen Erfolg es wohl haben würde, bin ich sehr viel aufmerksamer gewesen und habe viel stärker darauf geachtet, welche Aussagen ich machen möchte. Mich interessiert die Politik sehr, diese Welt, in der wir leben.

Haben Sie eine bestimmte Botschaft, die Ihnen wichtig ist?
Nein. Darum geht es mir gar nicht.

In einem Ihrer Bücher – in Commissario Brunettis sechstem Fall „Sanft entschlafen“ – geht es um die katholische Kirche. Wie sind Sie darauf gekommen?
Mir geht es eigentlich nicht in erster Linie um die Kirche, sondern um deren Missbrauch und die Verformungen, die in dieser Institution möglich sind. Denn diese Personen, von denen das Buch handelt, missbrauchen das Vertrauen, das die Menschen in die Kirche haben. Diese Verbrecher innerhalb der Kirche – in meinem Buch – benutzen die religiöse Maske nur, um die Menschen zu betrügen, Gewalt zu erzeugen, Missbrauch zu betreiben oder Vertrauen zu missbrauchen. Und das kann ich absolut nicht ertragen.
Also die Kirche lasse ich ganz in Ruhe, denn ich respektiere die Religion. Aber dieser Missbrauch des Vertrauens, das macht mich richtig wütend.

Welche Erfahrung haben Sie selber mit der Kirche im katholischen Italien gemacht?
Wenig Erfahrungen. Ich bin auch nicht katholisch. Ich bin mehr eine Christin im kulturellen Sinne, weil ich im Christentum aufgewachsen bin. Natürlich sieht man in Italien die Kirche überall aber für mich ist das kaum noch eine Religion, die wirklich lebt.
Wenn ich in die Kirche gehe, sehe ich nur alte Leute oder die ganz jungen, die Lieder singen oder Gitarre spielen. Meines Erachtens fehlt der Kirche das richtige Personal. Für mich ist es weitgehend eine Religion der Alten. Es genügt, nach Rom zu sehen und diese riesige, lange Reihe von uralten Männern anzuschauen. Was haben die zum heutigen Leben noch zu sagen? Eigentlich gar nichts. Soll sich die Jugend kasteien? Ich bitte Sie!

Wie müsste eine Religion aussehen, damit sie Ihnen gefällt?
Es muss eine Religion sein, die mich auf jeden Fall als gleichberechtigt ansieht, wo auch ich als Frau Priesterin werden könnte. Das Paradoxe ist ja: Sie sagen, die Frauen sind die Quelle, sind die Besseren, die Frauen haben die natürliche Nähe zum Guten und zu Gott. Wo kommt dieser Mythos her, wir wären tüchtiger, religiöser, gläubiger und besser? Aber dann sagen sie: Die Priester müssen auf jeden Fall Männer sein. Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Wenn die Frauen die besseren sind, die näher bei Gott sind, warum sind sie dann nicht die Priester?

Also eine Religion, die Ihnen gefallen soll, müsste auf jeden Fall weibliche Priesterinnen haben?
Das auf jeden Fall. Und außerdem müsste der Mythos aufhören, die Frauen wären die besseren. Dann wünsche ich mir eine Kirche, die vernünftig auf diesen Planeten einwirkt. Statt dessen sollen sie mich mit den ganzen Diskussionen in Ruhe lassen über Sex, Abtreibung und all diese Sachen, die die Leute im Bett tun. Das interessiert mich nicht.
Schließlich diese ganze Verschwendung! Es müsste ein Gesetz geben, das festlegt, dass nichts verschwendet werden darf. Der ganze Kirchenapparat dürfte diesen Überfluss nicht haben. Man darf auf seiner eigenen Erde nichts nehmen, was einem nicht wirklich gehört. Denn das sind für mich die größten heutigen Probleme: Dieser riesige Unterschied von äußerster Armut und großem Reichtum, und die Kirche sagt nichts dazu.

Vieles, was Sie erzählen, ist offensichtlich typisch für die katholische Kirche, so wie Sie sie in Italien wahrnehmen. Sehen Sie das bei den evangelischen Kirchen auch? Unterscheiden Sie die Kirchen?
Die evangelischen Kirchen sind für mich etwas anderes, sie sind viel realer und leben viel stärker in diesem Jahrhundert. Alle evangelischen Kirchen beschäftigen sich mit den heutigen Problemen, während die Kirchen der Alten noch im Mittelalter lebt.

Wie stellen Sie sich ein Leben nach dem Tod vor?
Ich erinnere mich daran, wie ich einmal meine Mutter gefragt habe. Ich wollte von ihr wissen, ob sie an ein Leben nach dem Tod glaubt. Und meine Mutter, die eine sehr, sehr gute Frau war und auch sehr tüchtig, hat etwas nachgedacht und dann gesagt, es wäre eine schöne Sache, wirklich eine sehr, sehr schöne Sache! Aber ich weiß es nicht.

Gibt es Dinge, vor denen Sie Angst haben?
Nein, ich habe im Grunde keine Angst. Ich erinnere mich gut an einen Philosophen, der gesagt hat, es sei absurd vor dem Tod Angst zu haben, wo man doch gar nichts darüber wisse. Der Tod ist eben ein Geheimnis, und niemand kann ihm entfliehen. Insofern ist es Unsinn, davor Angst zu haben.

Was ist die wichtigste Sache in Ihrem Leben?
Die Musik! Ganz klar, die Musik. Leider fehlt mir das Talent dazu.

Wenn Sie einmal einen Wunsch frei hätten, was wäre es?
Singen zu können. Ich wünschte mir eine Stimme mit einem Mezzosopran.

 

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