Leonard Lansink

den erfahrenen Schauspieler und Fernsehdetektiv

Leonard Lansink
Leonhard Lansink im Gespräch mit Hanno Gerwin
Leonhard Lansink im Gespräch mit Hanno Gerwin

Er ist ein Schauspieler, der die Balance zwischen Freundschaft und Distanz, zwischen Härte und Einfühlsamkeit spielerisch sehr gut gefunden hat. In vielen großen Filmen hat er bereits mitgespielt: Leonard Lansink war in Til Schweigers „Der bewegte Mann“ ebenso vertreten, wie in „Knocking on Heaven’s Door“ - vor allem ist er aber den Fernsehzuschauern als der Münsteraner Fernsehdetektiv „Georg Wilsberg“ in Erinnerung. Zwar kommt es auch vor, dass es die ein oder andere Rolle erfordert, grob oder hart zu sein, trotzdem verkörpert er doch stets den einfühlsamen Mann.
In dem Kinofilm „Mein erstes Wunder“ spielt er nun auf sanfte Weise einen Mann mittleren Alters, der sich nach seiner Kindheit zurücksehnt. Dabei stehen Freundschaft und Seelenverwandtschaft zu einer Elfjährigen im Mittelpunkt.

 

Leonard Lansink, ein Mittevierzigjähriger - Sie sind 47 - und eine Elfjährige werden die allerbesten Freunde. Das ist etwas, was man sich überhaupt nicht vorstellen kann. Wie kann das gehen? Steckt in dem Erwachsenen noch das elfjährige Kind oder ist es das Mädchen, das so weit ist?
Das Mädchen ist schon sehr weit, und es hat seine Rolle auch blendend gespielt. Auch im Umgang ist die Elfjährige recht weit. Trotzdem glaube ich, dass sich Schauspieler etwas Kindliches bewahren. Es heißt ja auch „Schau-spielen“.

Wenn Sie sich zurückerinnern, was war das Schönste an Ihrer Kindheit?
Na ja, das erste Fahrrad, so weit ich weiß. Das war schon ziemlich gut, vor allem auch, relativ jung mobil zu sein. Ich glaube, ich wollte immer weg. Wenn man im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, möchte man nicht gerne für lange Zeit dort bleiben.

Sehnen Sie sich jetzt nicht auch nach dem Ruhrgebiet?
Es geht so. Ich würde es schon gern wiedersehen, aber es macht mich immer traurig.

Gibt es noch Freundschaften aus der Kindheit, die sich bis heute gehalten haben? Haben Sie eine schöne Freundschaftserinnerung?
Nein, es gibt keine, die gehalten haben. Ich habe das alles irgendwann abgeschrieben.

So gab es auch nicht den großen Kinder- oder Jugendfreund?
Den gab es, bis ich 15, 16 Jahre alt war. Damals sind wir zusammen in Schottland gewesen; danach hat sich die größte Freundschaft doch recht schnell zerbröselt. Gemeinsam zu verreisen ist immer ein bisschen schwierig.

Trotzdem verändert sich unheimlich viel. Sie sind heute ein ganz anderer als mit elf Jahren, schon allein, wenn Sie zwei Fotos nebeneinander halten würden.
Was lässt Sie darauf schließen, heute ganz anders zu sein? Was hat sich am meisten verändert?

Ich bin wacher geworden. Und ich bin nicht mehr so absolut. Als Kind denkt man ja immer, die Welt ist so, wie man sie sieht. Als Erwachsener denkt man auch darüber nach, dass es auch eine andere Welt geben könnte.
Als Kind denkt man, als hätte man Scheuklappen auf; man denkt gerade aus. Als Erwachsener denkt man im günstigsten Fall eher drum herum.

Denken Sie gerne an Ihre Kindheit zurück oder sagen Sie sich, Ich bin um all die Jahre froh, die ich hatte, dort möchte ich nicht mehr sein?
Ich hätte gern den Zustand des Dreißigjährigen zurück.

Warum?
Weil man da auch ein bisschen beweglicher ist, mehr fit und gelenkiger. Aber ansonsten bin ich um jedes Jahr ganz glücklich.

Wenn Sie 20 Jahre in die Zukunft denken, dann sind Sie Mitte 60. Wie stellen Sie sich das vor?
Na ja, ich sitze da, mach\\\' Fernsehen und bezahle meine Miete.

Alles, so wie jetzt?
Ja, vielleicht spiele ich bis dahin bessere Rollen, bekomme bessere Gelegenheiten. Aber ich bin ja schon ganz glücklich, diesen Status quo zu konservieren. Das ist ja auch eine Menge Arbeit.

Wie sieht Ihr eigenes Verhältnis zu Kindern aus?
Ich bin eine Weile mit Kindern groß geworden. Die lernte sie kennen, als sie zwei waren. Ihre Mutter ist schließlich mit den Kindern nach Australien ausgewandert, als diese neun waren. Es handelte sich nicht um meine Kinder. Wir lebten in einer Art WG zusammen. Fremde Kinder kann ich gut ertragen.

Wenn Sie selber Kinder hätten, so müssten Sie diese erziehen. Was wäre Ihnen dabei wichtig?
Glück wäre wichtig. Ich glaube, ich wäre sehr, sehr freundlich zu den Kindern.

Zu freundlich?
Vielleicht.

Was würden Sie einem Kind nicht verzeihen?
Misstrauen.

Und welche Werte wären Ihnen wichtig?
Gute Frage. Um ehrlich zu sein, ich habe nie darüber nachgedacht, was ich Kindern sagen müsste.

Kann man denn Kinder einfach sich selbst überlassen, nach dem Motto: „Die Straße wird\\\'s schon richten“?
Bei mir war es so. Und die Straße hat es gerichtet. Nur, dass es länger gedauert hat. Ich glaube aber, dass ganz gut Aufrichtigkeit wäre. Und einen sicheren Platz zu haben, wo man weiß, da kann man sein ohne Bedrohung.

Wie ist das mit religiöser Erziehung?
Ich war in einem bischöflichen Gymnasium. Das reicht fürs Leben!

Warum? Was haben Sie dort gelernt?
Ein großer Schwerpunkt lag auf der religiösen Erziehung. Ich war natürlich Ministrant, was in dieser Zeit auch Spaß gemacht hat. Später wurde der Religionsunterricht in der Oberstufe relativ wissenschaftlich, mit allen möglichen Bibelübersetzungen. Das reichte dann. So wichtig ist das Buch ja auch nicht. Trotzdem, meine Lieblingsstelle ist immer noch Korinther, 13, 1-13.

Kennen Sie die Bibelstelle auswendig?
Nein, natürlich nicht. Es geht um Glaube, Liebe, Hoffnung. Das kennen wir alle, dieses alte Seemannsmotto mit den Symbolen Herz, Kreuz und Anker. Das ist ein sehr schönes Stück Bibel und ist deshalb meine Lieblingsstelle, weil sie über Religion hinausgeht.

Kann man damit leben oder ist das etwas fürs Hinterkämmerchen?
Klar kann man damit leben!

Was z.B. würde man dann lassen oder was sollte man tun?
Einen kategorischen Imperativ finde ich gar nicht so schlecht. Also alles zu tun, was man jemandem anderen gönnt. Oder dass man alles lässt, was man jemandem anderen nicht gönnt.

Wäre das nicht auch ein recht gutes Motto, um ein Kind zu erziehen?
Das stimmt, das wäre super.

Viele Eltern tun sich damit recht schwer. Sie sind nicht in dieser Situation. Möchten Sie irgendwann noch Familie haben?
Ich führe ein unsicheres Dasein. Diese hin und her Reiserei; ich würde das keinem zumuten wollen, genauer gesagt, wollte das bisher keinem zumuten. Außerdem ist es auch ohne Garantie.

Wenn Sie noch weiter in die Zukunft denken: Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ich hatte mal Krebs. Da ist die Angst vor dem Tod mit eingebaut, und die bleibt auch.

Wie stellte sich diese Erkrankung dar?
Es warf mich etwas aus dem Leben. Ich überlegte: Habe ich mit 40 genug gelebt? Man trifft seine Entscheidungen, wie man weiter leben wird.

Machen Sie manche Dinge nicht mehr, oder machen Sie manche Dinge bestimmt?
Ich rauche genau so viel, ich trinke genau so viel. Das hat sich nicht geändert. Ich lebe nicht gesünder, bin kein Vegetarier geworden. Ich bin ungeduldiger geworden im Umgang mit Menschen und lasse mir weniger gern die Zeit stehlen. Andererseits wurde ich aber netter zu denen, die es nötig haben, die es brauchen.

Sie sind ja ein sehr einfühlsamer Schauspieler. Gelingt Ihnen das immer?
Es gelingt mir manchmal.

Einfühlsamkeit bedeutet, dass man sich in etwas reindenken muss. Ist das hilfreich?
Ja, es hilft. Ich muss mit relativ wenig Talent gut auskommen. Es gibt Schauspieler, die machen einfach eine Schublade auf. Ich hingegen bringe mich mit und dann gucken wir mal, welche Facette von mir zur jeweiligen Rolle passt.

Um nochmals auf die Angst vor dem Tod zu sprechen zu kommen: Hat sich diese Angst - bedingt durch Ihre Krankheitserfahrung - verstärk?
Nein.

Wurde Ihnen die Angst dadurch genommen?
Nein, es gibt keinen, der den Tod überlebt hat, keinen, der davon berichten konnte. Ich weiß nur, dass wir alle irgendwann sterben müssen. Das passiert.

Glauben Sie an ein Leben danach in irgendeiner Form?
Nein, aber an die Nachlebenden glaube ich.

Können Sie sich nicht vorstellen, dass etwas von Ihnen übrig bleibt?
Nein.

Warum nicht?
Ich würde es auch keinem gönnen. Was sollte denn übrig bleiben? Vielleicht ein alter Greis mit Bänderriss und einem kaputten Rücken? Oder wiedergeboren werden als Schmetterling? Nein, ich glaube das einfach nicht. Mir ist das zu kompliziert. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich jemand eine so doofe Welt ausgedacht hat. Diese Ordnung wäre ziemlich kompliziert. Man hätte es ja auch einfacher haben können. Man muss nicht sterben, um irgendwie weiter zu leben. Was für ein Quatsch! Das Leben ist jetzt und hier.

Hätten wir so nicht eine Menge Beschränkungen, die uns durch den Glauben an ein Leben nach dem Tod erspart blieben?
Ich verstehe das. Aber es ist wirklich eine Hoffnung irgendwelcher Steinzeitmenschen, die sich ums Feuer gesetzt haben und gesagt haben, es muss da doch irgendwas geben. Es muss da nichts geben.

Viele glauben aber doch daran und schöpfen auch sehr viel Kraft daraus.Wie sehen Sie das?
Das will ich diesen Menschen nicht nehmen. Schließlich bin ich kein Missionar des Atheismus. Auch Ungläubige glauben an ein Leben nach dem Tod. Das ist ja der Kern der Dinge.

Können Sie sich eine höhere Ordnung vorstellen, die vielleicht auch einen anderen Sinn in dem Ganzen sieht, als wir es verstehen können?
Nein, denn das wäre eine ziemlich unordentliche Ordnung. Das muss eine niedrigere Ordnung sein: Sterben zu müssen, um als Schmetterling über die Wiese zu flattern - also der Reinkarnationsgedanke - oder sterben zu müssen, um ins Paradies oder in die Hölle zu kommen - eine Erfindung eigenartiger Päpste, so weit ich weiß.

Ungeachtet des Fegefeuers oder des Reinkarnationsgedankens, gibt es vieles, was wir nicht begreifen. Könnte es nicht doch eine Ordnung geben, die wir letztlich einfach nicht verstehen?
Ich glaube das nicht. Ich meine, das Gehirn hat so viel Platz und Raum, um sich Gedanken über das Metaphysische zu machen, und damit ist es gut beschäftigt. Der Rest ist Glauben. Es gibt eine Glaubensecke im Gehirn und die ist schön, wenn manche Leute die füllen.

Wenn Sie einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Glück.

 

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