Heidemarie Wieczorek-Zeul

Bundesministerin a.D.

Heidemarie Wieczorek-Zeul
Heidemarie Wieczorek-Zeul im Gespräch mit Hanno Gerwin
Heidemarie Wieczorek-Zeul im Gespräch mit Hanno Gerwin

Seit den 70er Jahren ist sie in der Politik aktiv und hat sich dabei genauso lange ihren Spitznamen bewahrt: die rote Heidi. Gemeint ist Heidemarie Wieczorek-Zeul, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und seit über 40 Jahren Mitglied der SPD. Angefangen hat die 1942 geborene Vollblutpolitikerin aus Frankfurt am Main als Lehrerin. Bundesweit wurde Frau Wieczorek-Zeul bekannt als Bundesvorsitzende der JUSOS, der Jungsozialisten. In den Bundestag kam sie 1987 und wurde dann stellvertretende Vorsitzende der Bundes-SPD und schließlich von 1998 bis 2009 Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Das Interview wurde im Januar 2007 geführt.

 

Frau Ministerin, Sie haben das gleiche Ministerium, das Sie unter Bundeskanzler Schröder innehatten, jetzt auch unter Bundeskanzlerin Merkel. Hat das Ihre Arbeit irgendwie verändert?
Jeder Kanzler, jede Kanzlerin hat natürlich seine eigene Art. Aber ich muss sagen, wir haben doch die Kontinuität insofern gewahrt, als wir die Leitlinien, Frieden sichern, Schöpfung und Umwelt bewahren, Globalisierung gerecht gestalten, weiter verfolgen. Außerdem haben wir das Ziel, 0,7% der Finanzmittel für die Entwicklungszusammenarbeit zur Verfügung zu stellen in der Koalitionsvereinbarung zwischen SPD und CDU/CSU verankert. Das ist natürlich ein starker Referenzpunkt gegenüber dem Finanzminister.

Aber für den Ablauf eines Ministeriums ändert so ein Politikwechsel nicht viel?
Eigentlich nicht, zumal es gerade in Fragen der Entwicklungspolitik um die langen Linien geht. Es geht um die Verwirklichung der Millenniumsentwicklungsziele, um die Bekämpfung von Armut, um die Verhinderung von Armut, um dazu beizutragen, dass Kinder in die Schule gehen können. Also um die Ziele, die bis 2015 erreicht sein sollen. Da braucht es einfach die langen Linien und da ist Kontinuität sehr sinnvoll.

Sie sind sehr jung gewesen, als sie Politikerin geworden sind? Was hat Sie daran begeistert? Sie waren vorher Lehrerin und hätten das auch bleiben können?
Ich habe noch zehn Jahre lang als Lehrerin unterrichtet und habe das gern gemacht. Ich treffe heute manchmal noch ehemalige Schüler und Schülerinnen. Das Schöne ist eigentlich immer, dass alle sagen, wir haben bei Ihnen gelernt mit dem eigenen Kopf zu denken. Und es freut mich immer sehr, dass das eigenständige Persönlichkeiten geworden sind. In der Politik ging es und geht es auch immer darum, dass man gerechtere Verhältnisse schafft. Am krassesten sind die ungerechten Verhältnisse in den weltweiten Beziehungen, und dagegen zu handeln, das ist für mich ein Auftrag, der sich für mich aus meiner sozialen und meiner christlichen Überzeugung ergibt. Aber es ist meines Erachtens auch im vernünftigen, aufgeklärten Eigeninteresses unseres Landes so zu handeln. Es ist natürlich eine starke Triebfeder, helfen zu wollen.

Es gibt ja dieses Stichwort "Bewahrung der Schöpfung", das die Kirchen seit vielen Jahren immer wieder laut werden lassen. In welcher Weise spielt das für Sie eine Rolle?
Das spielte für mich in meinem ganzen Leben eine große Rolle. Ich habe auch zu denen in der SPD gehört, die frühzeitig für die Bewahrung der Schöpfung eintraten. Noch während meiner Zeit bei den Jungsozialisten, als Vorsitzende, plädierte ich dafür, dass die SPD die ökologische Frage aufgreift, in einer Zeit, als es die Grünen noch gar nicht gab.

Ist es möglich ganz kurz die Hilfsmöglichkeiten, die Sie in der Welt haben, an einem Beispiel aufzuzeigen? Nehmen wir das Beispiel Armut. Was können Sie, was kann die Bundesrepublik Deutschland tun, um tatsächlich etwas zu erreichen?
Ich greife ein Beispiel heraus: wir unterstützen in rund 30 Ländern Initiativen zu Mikrokrediten. Und mit diesen Mikrokrediten, die manchmal 50, manchmal 100, manchmal 150 Euro ausmachen, haben besonders Frauen die Chance, eigenständig zu sein, ein eigenes kleines Geschäft aufzumachen und damit eine eigene Existenz aufzubauen. Die Familien eingerechnet, erreichen wir so weltweit 50 Millionen Menschen. Da heißt, wir fördern die Eigenständigkeit und Eigeninitiative der Menschen.

Sie waren lange Mitglied der Evangelischen Synode in Hessen Nassau in Ihrer Heimat. Sie sind aber auch gleichzeitig Mitglied der Humanistischen Union. Wie kommt das?
Ich bin Mitglied der Humanistischen Union auch deshalb, weil ich das Engagement in zivilgesellschaftlichen und auch rechtspolitischen Fragen wichtig und wegweisend finde. Man muss ja nicht mit jeder Organisation in der man ist, zu 100 % übereinstimmen. Ich bin immer Mitglied der Evangelischen Kirche gewesen, viele der Überzeugungen, die ich habe, hängen mit meiner christlichen Überzeugung zusammen.

Welche Rolle spielt der Glaube für Sie? Auch für Ihre Politik?
Ich leite daraus keine spezifische Sache ab. Ich glaube, wer den Eindruck vermittelt, ihm werden Dinge von Gott gegeben, sozusagen für das praktische Handeln vorgegeben, der ist gefährlich.

Warum?
Weil politische Entscheidungen ein Spektrum von Möglichkeiten eröffnen, und die Frage, wie man sich jetzt für eine bestimmte Handlung entscheidet, das ist eine Bewertungsfrage. Wenn man hingegen den Eindruck vermittelt, man habe für eine bestimmte Handlung sozusagen einen Auftrag Gottes, dann ist es ja nicht mehr diskutierbar.


Im Neuen Testament gibt Jesus selbst diesen Missionsbefehl: "geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker." Diese Mission, hat die auch etwas zu tun mit Entwicklungspolitik oder ist das was ganz anderes?

Für mich hat das weniger damit zu. Dass man auf der Seite der Armen und Ärmsten steht und sich zu ihnen bekennen muss, ist für mich eine christliche Überzeugung und auch eine Lehre Jesu.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?

In unserem Bereich könnte ich mir viele verschiedene Dinge wünschen. Aber das Wichtigste wäre doch, dass diese skandalöse Zahl von 10 Millionen Kindern, die jedes Jahr an Krankheiten sterben, vermieden werden könnte. Dass diese skandalöse Zahl endlich aus der Welt wäre.

 

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