Michael Degen

Renommierter Theater- und Filmschauspieler jüdischer Herkunft

Er ist ein renommierter deutscher Theater- und Filmschauspieler. Michael Degen begann seine Schauspielausbildung bereits 1946 am Deutschen Theater im damaligen Ost-Berlin. Dann spielte er im Ensemble von Bertold Brecht und arbeitete mit berühmten Regisseuren wie Peter Zadek, Ingmar Bergmann, Claude Chabrol und George Tabori. Bekannt wurde er dem breiten Fernsehpublikum durch zahlreiche Fernsehfilme und TV-Serien, darunter "Diese Drombuschs" und die Thomas-Mann-Verfilmung "Die Buddenbrooks". Michael Degen hat eine geradezu dramatische Kindheit und Jugend erlebt. Seiner jüdischen Abstammung wegen, überlebte er das Naziregime nur, weil er mit seiner Mutter unter falscher Identität versteckt wurde, entkam dem Konzentrationslager durch Flucht während der Deportation und musste den Tod seines Vaters im KZ Sachsenhausen mit nur acht Jahren erleben. Diese Erlebnisse verarbeitete Michael Degen als Schriftsteller in dem hochgelobten Buch "Nicht alle waren Mörder", dem weitere Bücher folgten. In seinem neueste Roman "Der Steuerhinterzieher" geht es auf amüsante Weise um das Reizthema Steuern, verbunden mit einer Portion Gesellschaftskritik und einer spannenden Vater-Sohn-Geschichte.

 

Herr Degen, wenn man Ihre Biografie betrachtet, die vielen großen Theaterrollen und Filmrollen, die Sie bisher spielten, die Bücher, die Sie vorher geschrieben haben, auch Ihre Biografie, dann ist man schon ein bisschen verwundert darüber, wie Sie auf das Thema Steuerhinterziehung. Warum schreibt Michael Degen einen Roman über Steuern? Wie kam das dazu?
Na ja, ich habe das mehr aus Wut geschrieben. Es gab einige Vorfälle, beispielsweise auch in Hamburg, die mich in Wut brachten, eine distanzierte Wut. Da reagierten die Finanzämter sehr merkwürdig. Ich persönlich kann überhaupt nicht klagen, denn ich habe - zugehörig dem Husumer Finanzamt -überhaupt keine Schwierigkeiten. Das sind dort sehr nette Leute. Aber in Hamburg ist das schon sehr viel anders.

Ist es mehr die Wut über die Behörde, das Steuergesetz, oder ist es mehr über die Steuermoral?
Sowohl als auch. Da der Staat sehr lässig mit seiner Administration umgeht, wird der Bürger natürlich immer mehr demoralisiert. Und das hat zur Folge, dass Erscheinungen wie Ackermann auftreten. Über den Vorfall Volkswagenwerk wollen wir gar nicht reden! Im Grunde sieht es mit Moral, oder sagen wir mal besser mit Solidarität überhaupt sehr, sehr schlecht aus.

Wie ist Ihre persönliche Moral? Nehmen wir beispielsweise die Zehn Gebote. Spielen die eine Rolle für Sie?
Die Zehn Gebote spielen eine große Rolle für mich. Sie sind die Basis für ein Zusammenleben. Man kann ohne die Zehn Gebote nicht auskommen. Wenn man ohne sie auskommen will, geht sofort das Chaos los. Es geht gar nicht anders.

Andererseits könnte man sagen, wenn sich alle Leute an diese wenigen Gebote halten würden, wäre es doch eine ganz andere Welt.
Das kann man wohl sagen. Aber man hält sich ja nicht daran. Man hält sich an Persönlichkeiten wie Moses, oder wie Jesus. Man hält sich nicht an die Zehn Gebote. Sie erscheinen immer wieder. Sie sind eine Art Mahnung, eine Art Warnung. Aber es funktioniert nicht.

Ist das Resignation oder wie kommen Sie zu dieser Überzeugung?
Ja die Überzeugung kommt daher, weil es nicht funktioniert. Aber das heißt nicht, dass man dagegen immer wieder und unverdrossen ankämpfen soll.

Sie sind jüdischer Abstammung, Angehöriger der jüdischen Religion, in der das Alte Testament eine einen hohen Stellenwert einnimmt. Welche Rolle spielt es für Sie?
Das Alte Testament wirkt auf mich sehr zwiespältig, teilweise ist es von einer ungeheuren Wucht und einer unglaublichen Fantasie. Aber mich stören einige Dinge, über die ich wirklich nicht näher sprechen möchte. Es tauchen plötzlich rassistische Zeichen auf. Wenn Sie etwa daran denken, wie das Volk Israel das Land Kanaan einnimmt und den Befehl bekommt, alles auszurotten, was nicht jüdisch ist, was nicht zu ihm gehört, sich nicht mit ihnen zu verbinden, zu verbrüdern oder gar mit ihnen zusammenzuleben. Das halte ich für sehr rassistisch. Andererseits es ist das Heilige Buch, ein ganz großes Buch, wenn Sie an die Propheten denken.

Wie empfinden Sie als Jude das Verhältnis der jüdischen Religion zu den christlichen Kirchen?
Es gab einen Papst, ich glaube es war Johannes XXIII., der darüber sprach. Der auch vom Zorn der Kinder gegen den Vater gesprochen hatte. Mit Kindern meinte er die Christen - das Verhältnis vom Neuen zum Alten Testament. Das fand ich ungeheuer eindrucksvoll! Er sagte, dass man den Vater ehren muss und wissen soll, woher man stammt, dass es im Grunde eine gemeinsame Religion ist.

Ich würde gern das Stichwort "Vater" aufgreifen. Sie selbst haben Ihren Vater nur sehr kurz kennen gelernt, sind aber selber auch Vater. Welche Eigenschaften sollte der ideale Vater haben?
Ich glaube, es gibt keinen idealen Vater. Der Vater ist im Grunde ein sehr behindertes Geschöpf. Allein schon dadurch, dass er - und das ist ja heute immer noch so - arbeiten muss und mehr oder weniger für die Familie zu sorgen hat. In dem Moment, wo die Frau Kinder bekommt, ist sie gezwungen, die Kinder zu versorgen und er ist gezwungen zu arbeiten. Damit geht ein großer Teil seiner Zeit, die er dem Kind widmen könnte, ab.

Also wäre der ideale Vater häufiger zu Hause.
Ja, im Grunde genommen der Hausvater. Mutter geht arbeiten, Vater ist zu Hause. Ich glaube, dass wenn er dann den Charakter oder das Einfühlungsvermögen hat, das Frauen natürlicherweise sehr viel sensibler entwickelt haben, dann könnte er ein idealer Vater werden.

Wie ist es mit Strenge?
Ich bin nicht für Strenge, ich bin für Aufklärung und Überzeugung. Gut, bei Kleinkindern oder auch noch bei sechsjährigen Kindern kann man nicht immer überzeugen müssen. Man kann keine Argumente gebrauchen, die einfach noch nicht ankommen können. Dann ist ein Klaps auf den Hintern schon mal ganz gesund. Ich glaube, das Kind provoziert das auch manchmal. Es will wissen, wer der Herdenführer ist.

Waren Sie ein Herdenführer?
Ja, eine Zeitlang schon.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich würde mir wünschen, noch lange genug zu leben, um noch einiges von dem zu verwirklichen, was ich verwirklichen möchte.

Und was wäre das?
Es sind noch einige Bücher zu schreiben. Aber ich möchte auch sehen, dass meine Kinder das schaffen, was sie sich vorgenommen haben. Sie sind auf einem sehr, sehr guten Weg. Meine Tochter hat ihren Magister gemacht und mein Sohn ist drauf und dran, sein Abitur zu machen und einen sehr interessanten Weg zu gehen. Das möchte ich noch ein bisschen erleben.

 

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