Pater Domenico

Priester

Zu dieser Gedenkstätte in der Türkei, in der Nähe von Ephesus wandern jährlich tausende von Pilger. Pater Domenico, katholischer Priester türkischer Abstammung, hat lange in Italien gelebt und ist hier in „Meryem Ana“ dafür zuständig, den Ort zu bewachen. Denn in türkischem Gebiet ist es nicht so einfach einen christlichen Pilgerort zu unterhalten.

 

Domenico, hier in diesem Ort, Mitten in der Türkei, ist das Christentum sehr präsent. Ist das schwierig, gibt es da Probleme mit der türkischen Bevölkerung?
Wir sind hier ein Pilgerort, ein heiliger Ort für alle Christen und die Leute die hierher kommen, wollen als Pilger kommen. Hier wird gebetet, im Geist der Liebe und im Andenken an Maria. Hier wird zu Maria gebetet in friedlicher Absicht mit der ganzen Welt. Diese Leute, diese Gläubigen kommen aus allen Teilen der Welt. Es sind natürlich viele Christen, aber auch etliche Muslime dabei.

Also ist es nicht schwierig als katholischer Priester in der Türkei zu arbeiten?
Also um eine Person zu mögen, muss man sie kennen und meistens kennt man die anderen Personen eben nicht, das ist das eigentliche Problem. Man empfindet das dann als Bedrohung, weil man es eben nicht kennt. Wir Priester, Prediger, Katholiken oder auch orthodoxen Christen bemühen uns darum, dass unser Glaube bekannt wird, dass er auf Liebe beruht. Das ist eigentlich nicht sehr schwierig unseren Glauben zu leben, aber wir dürfen eben nicht offenkundig als Christen in die muslimischen Häuser gehen. Was heißt dass? Wir dürfen keine Aktivitäten entfalten, um andere Personen zum christlichen Glauben zu bekehren. Die Liebe sagt uns aber auch, dass jede Person auf seine eigene Weise leben und handeln darf, also in Freiheit leben darf. So wollen wir auch keinen Muslimen dazu bekehren Christ zu werden. Genauso können wir auch darauf setzen in unserer christlichen Freiheit zu leben. Jeder nach seinen Vorstellungen in seinem Haus.

Gibt es umgekehrt Versuche Christen zum Islam zu bekehren?
Also es gibt schon etliche Muslime, die das Christentum kennenlernen möchten. Es sind vor allen Jugendliche, die unser christliches Leben kennenlernen möchten. Die auch über das Leben Jesu etwas erfahren wollen oder darüber, was im Evangelium steht. Und natürlich gibt es auch immer wieder mal den Wunsch von so jemandem, Christ zu werden. Wir nehmen solche Personen auf, wollen sie aber vorher gut kennen und auch wissen aus welchen Gründen heraus sie Christen werden wollen. Wollen sie in unsere Kirche kommen, um zu beten, dann können sie kommen. Wollen sie uns kennenlernen, dann können sie kommen. Also, wenn sie Christen werden wollen, dann schauen wir, was für Menschen sind das. Vielleicht wollen sie wirkliche Christ werden, vielleicht gibt es aber auch ganz andre Gründe. Also braucht es in der Regel zwei bis drei Jahre bevor jemand bei uns Christ werden kann.

Ist das nicht gefährlich, wenn der türkische Staat sieht, dass es Interesse am Christentum gibt und Islamangehörige sich dafür interessieren und übertreten wollen?
Ich bin türkischer Priester, habe die türkische Nationalität und den türkischen Pass, aber ich bin dennoch kein Muslim, sondern ich bin Christ.

Gab es in der Vergangenheit nie ein Probleme an der Universität oder in der Familie?
Also in der Vergangenheit vor zwanzig, dreißig Jahren, gab es da natürlich Probleme. Denn ein Christ seien zu wollen, bedeutete einfach anders seien zu wollen. Also in allen sozialen Bezügen, in der Schule, in der Arbeit, war es ein Problem Christ seien zu wollen und damit anders seien zu wollen. Die Mentalität war einfach so. Aber jetzt ist es anders.

Hat man Sie damals versucht zum islamischen Glauben zu bekehren oder stärker einzugliedern?
Das ist schon etliche Male vorgekommen, auch heute noch. Ich bin katholischer Priester und wenn ich das sage, dann gibt es schon einige muslimische Freunde die mich fragen: „Warum bist du jetzt Christ? Schau doch, wir sind Muslime und uns geht es gut, wir leben und lieben genauso wie ihr Christen. Du bist doch in der Türkei, also warum bist du nicht Muslim?“ Dann sage ich: „Pass auf, ich bin nun einmal Christ und ich bin so zufrieden“. Dann fragen mich die Freunde: „Warum willst du nicht zum Islam gehen, was findest du daran schlecht? Warum willst du nicht den Koran und den Islam kennenlernen?“ Dann sage ich: „Ich habe den Islam kennengelernt, aber ich habe eine größere Liebe gefunden in Jesus Christus“.

Können Sie so in Frieden leben oder haben Sie konkrete praktische Probleme?
Also theoretisch lebe ich in Ruhe und in Freiheit, weil ich auch friedliche Absichten verfolge, weil ich ein Priester bin, weil ich ein Mann Gottes bin, weil ich mit meinem Leben ein Beispiel für die Menschen geben kann. Aber, konkret in der Praxis gibt es durchaus große Probleme: Als ich zum Breispiel in Smyrna war, das war vor zwei Jahren in in Mersin, da gab es viele Personen, die gestört haben, die Steine und Flaschen geschmissen haben, Leute, die Fenster eingeschlagen haben, weil wir eben Ungläubige seien. Jetzt danke ich Gott, dass alles ruhig ist.

Also sind die Probleme noch aktuell und es sind noch nicht alle Diskussionen ausgeräumt, die u. U. auch das Christentum in der Türkei benachteiligen?
Hier bei uns sind wir eine kleine Gruppe von Christen, aber wir sind wie eine Familie. Wir wollen wirklich in Frieden in dieser Familie leben. Wir kennen uns, alle Christen kennen sich hier. So wie eben der Hirte seine Schafe kennt und die Schafe bleiben eben zusammen und so halten eben auch wir zusammen. Also, wir wollen in unserer Familie friedlich leben und das Evangelium leben.

Man ist hier an einem Ort, an dem die Christen früher verfolgt wurden und so, wie wir von Pater Domenico hören, ist eigentlich diese Verfolgungssituation, die wo der Glaube sich am besten entwickelt.
Der Glauben ist sehr wichtig, ansonsten wäre das ganze Leben sinnlos und so versuchen eben auch wir täglich unseren Glauben zu leben. Deshalb sage ich, wenn ich zu einer Person sage: „Du bist Christ“. Ich erwarte, dass du dann auch lie-bevoll bist und zwar nicht nur zu Christen sonder natürlich auch zu anderen Muslimen. Denn der Glaube sagt, dass man Gott lieben soll und wenn man Gott liebt, dann muss man auch den Menschen lieben.

Gibt es eine Diskussion mit dem türkischen Staat oder auch mit der islamischen Glaubensgemeinschaft, um noch besser zusammen zu leben, z. B. auch Kirchen zu bauen?
Wir hoffen natürlich darauf, dass sich die Zusammenarbeit mit dem Staat verbessert. Unser großes Problem ist natürlich das die katholische Kirche in der Türkei nicht offiziell anerkannt ist. Und so wollen wir natürlich, dass der Staat uns aner-kennt. Denn auch die Minderheiten in der Türkei haben natürlich ihre Berechtigung und wir wollen in dieser Form auch zur Fülle und zur kraftvollen Entwicklung des türkischen Staates betragen. Denn es ist wichtig immer zu wachsen und so suchen wir die Zusammenarbeit mit dem Staat. Vor allem vor Ort, im lokalen Bereich, versuchen wir Freundschaften auf-zubauen. Mit den Bürgermeistern zum Beispiel, mit den Ämtern und auch mit der Polizei. Das ist für uns wichtig, weil wir eben auch vor Ort leben und so müssen wir das türkische Gesetz natürlich konsequent beachten.

Ist das Militär hier in „Meryem Ana“ ein Zeichen, dass der Staat sich für diesen christlichen Wahlfahrtsort schützend und positiv einsetzt?
„Meryem Ana“ ist ein sehr wichtiger Ort. Es kommen Millionen von Menschen aus der ganzen Welt, dadurch muss natürlich auch die Sicherheit garantiert werden. Denn dieser Ort ist nicht nur wichtig für den Glauben, sondern auch für den Tourismus. Die Türkei will natürlich, dass das Land sich vor allem touristisch weiterentwickelt und wenn hier etwas Schlimmes passiert, dann kommen die Leute nicht mehr.

Also ist das kein Zeichen von Toleranz, dass hier der Staat aufpasst, sondern es ist ein wirtschaftliches Interesse, weil dadurch auch die Touristen geschützt werden, die hierher kommen.
Vielen Dank für das Gespräch.

 

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