Urich Wickert

Moderator der Tagesthemen, Erfolgsautor und Kosmopolit

Ulrich Wickert
Ulrich Wickert im Gespräch mit Hanno Gerwin
Ulrich Wickert im Gespräch mit Hanno Gerwin

Als „Mister Tagesthemen“ gehört er zu den bekanntesten Gesichtern der deutschen Fernsehkultur. Ulrich Wickert ist seit 1991 Erster Moderator der ARD-Nachrichtensendung. 1942 in Tokio geboren, ging er in Heidelberg und Paris zur Schule. In Bonn und in den USA studierte er Politik und Jura. Dann schlug er eine journalistische Laufbahn ein. Er war ARD-Redakteur beim Fernsehmagazin „Monitor“ und Korrespondent in Washington, dann in Paris. 1981 wurde er ARD-Studioleiter in New York, drei Jahre später übernahm er die gleiche Aufgabe in Paris. Seit Beginn der 90er Jahre hat Ulrich Wickert die „Tagesthemen“ mit seinem Stil geprägt, sein unvergleichliches „Das Wetter...“ wurde regelrecht berühmt. Für seine Medienverdienste erhielt er viele Preise. Seit Jahren ist er ein erfolgreicher Buchautor, und widmet sich gerne dem Thema „Werte, Moral und Tugend“.

 

Ulrich Wickert, Sie haben schon so viele Nachrichten gehört und verlesen. Gibt es noch Dinge, die Sie schockieren können?
Es gibt immer wieder Dinge, die einen schockieren können. Weil wir uns ja gar nicht vorstellen können, was alles passieren kann.

Ändert sich auch nichts daran, wenn sich Ereignisse zum zweiten- oder drittenmal wiederholen?
Nein. Was z.B. am 11. September passiert ist, das war noch nicht da gewesen. Ähnliche Dinge können passieren, ganz andere Dinge können passieren, von denen wir nicht wissen, dass sie passieren.

Und wenn der Schock groß ist, wie gehen Sie damit um? Man darf es Ihnen nicht ansehen.
Nein, dann muss ich das versuchen zu verstecken.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, richtig mächtig in die Politik einzugreifen, an welcher Stelle würden Sie anfangen?
Ich glaube, das ist etwas ganz schwieriges. Denn ich könnte natürlich sagen, ich würde erst mal Gerechtigkeit schaffen. Aber dann müssen wir darüber diskutieren, was Gerechtigkeit ist. Oder ich würde sagen, ich will Freiheit schaffen. Dann müssen wir darüber diskutieren, was Freiheit ist. Ein Politiker sollte in diese Dinge nicht eingreifen. Wenn ein Politiker irgendwo eingreifen soll, dann vielleicht in das Funktionieren des Staates, indem er dort all das abschafft, was Last ist, z.B. die Bürokratie.

Fragen Sie sich hin und wieder, warum Politiker auf bestimmte Weise gehandelt haben und ob sie das nicht anders hätten machen können?
Meistens kennt man ja die Zusammenhänge. Und dann sage ich mir, er mache das, weil er Wähler beeindrucken möchte.

Und leuchtet Ihnen das immer ein?
Es gibt Dinge, bei denen ich mir hinterher sage, das hätte ich nicht gemacht. Aber der jeweilige Politiker ist eben so konditioniert, dass er es macht.

Sind Sie froh darüber, dass Sie nicht Politiker sind?
Das wäre mir zu einfach, denn es würde bedeuten, dass ich Politiker für etwas Negatives halte, was ich überhaupt nicht tue. Die Mehrzahl der Politiker sind Leute, die sehr viel von ihrem eigenen Leben aufgeben, um für die Gemeinschaft etwas zu tun. Es ist ungerecht, wenn auch die Presse zu viel Negatives über die Klasse der Politiker sagt.
Von dem ein oder anderen Politiker würde man sagen, der ist kein Ruhmesblatt. Aber es gibt auch den ein oder andern Journalisten, der für den Journalismus kein Ruhmesblatt ist. Insofern ist das sehr arrogant, wenn Journalisten sagen, Politiker gehören zu der absolut schrecklichsten Rasse Mensch. Jede Gemeinde wird von irgendwelchen Menschen regiert, die ihre Arbeit größtenteils ehrenamtlich machen. Vor denen sollte man erst mal Respekt haben.

Sie haben Bücher zum Thema Werte, Moral und Tugenden geschrieben. Welche Werte sind Ihnen wichtig?
Für mich als politischen Journalisten bietet es sich natürlich an zu sagen, dass mir die Werte am wichtigsten sind, die von der französischen Revolution getragen wurden: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Das sind die politischen Grundwerte, die ihre Wurzeln in den Menschenrechten haben.

Wenn Sie Kinder mit diesem Werthintergrund erziehen müssten, was wäre Ihnen wichtig und wie würden Sie das tun?
Wichtig für Kinder ist es zu lernen, dass sie in einer Gemeinschaft leben und dass sie Verantwortung haben dafür, dass diese Gemeinschaft nach den Regeln funktioniert, die die Gemeinschaft sich gibt.
Man kann Kindern keine abstrakte Werte lehren, sondern muss ihnen erklären, dass jeder Wert eine Ordnung darstellt, die hilft, dass Menschen in einer gemeinsamen Umgebung ihr Leben damit regeln.
Man muss den Kindern außerdem erklären, dass Freiheit nichts absolutes ist, sondern stets relativ gesehen werden muss, relativ zu den Zuständen, relativ zur Gemeinschaft.

Kennen Sie das Gefühl, Angst zu haben?
Es wäre vermessen zu sagen, ich würde das Gefühl Angst nicht. Angst besagt, dass man von einem fürchterlichen Unwohlsein befallen wird, ohne zu wissen, warum und wovor man Angst hat. Wovor ich Angst habe, kann ich Ihnen nicht sagen. Denn Angst beinhaltet, dass man sozusagen vor einem schwarzen Loch steht. Anders ist es mit der Furcht. Man kann sich z.B. vor dem Wolf fürchten.

Das klingt sehr philosophisch. Wovor fürchten Sie sich?
Ich fürchte mich vor dummen Menschen. Denn mit dummen Menschen kann man nicht reden. Sie leben von Vorurteilen und verzichten meistens freiwillig auf das Denken. Und vor solchen Menschen fürchte ich mich, weil diese Menschen häufig - das hat die Geschichte gezeigt - in ihrer Dummheit zur Gewalt greifen. Und vor Gewalt fürchte ich mich auch.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Nein, ich habe keine Angst vor dem Tod.

Können Sie sich ein Leben danach vorstellen?
Nein, das kann ich mir auch nicht vorstellen.

Wie ist Ihre Einstellung zur Religion?
Jede Religion ist ein wichtiges Element, das dem Menschen hilft, Fragen zu beantworten, die er sich aus wissenschaftlichen Quellen nicht geben kann.

Wenn Sie das auf Ihr eigenes Leben beziehen - gibt es solche Fragen für Sie?
Für mich gibt es Fragen, die ich nicht beantworten kann. Aber ich kann damit leben, dass ich sie mir nicht beantworten kann. Ich weiß z.B. nicht, wo die Erde herkommt. Über die schwarzen Löcher wissen wir immer noch relativ wenig. Selbst Hawkins hat seine Theorie letztens widerrufen. Ich weiß nicht, was danach sein wird. Ich glaube, wenn man stirbt, dann passiert das, was die Physik mit einem vorsieht. Wenn man Glück hat, bleibt man in Erinnerung bei denjenigen, mit denen man zu tun hatte.

So würden Sie bei vielen Leuten in Erinnerung bleiben.
Ja, aber die sterben auch.

Wenn Sie ein Bild von Gott malen sollten, würden Sie ein leeres Blatt abgeben?
Ich würde auf jeden Fall keine Figur malen.

Sondern?
Ich weiß es nicht. Ich frage mich, ob es einen Gott gibt.

Was halten Sie von den Zehn Geboten?
Die Zehn Gebote sind Regeln, die das Zusammenleben der Menschen besser machen soll.

Haben die für Sie Gütligkeit?
Ja, die haben Gültigkeit.

Alle?
Diejenigen, die auf Gott bezogen sind, haben für mich keine Gültigkeit. Aber die Gebote nicht zu lügen, nicht zu stehlen usw., die auf jeden Fall.

Was ist Ihrer Meinung nach an der Bibel sinnvoll? Oder halten Sie die Bibel für ein überflüssiges Buch?
Die Bibel ist ein absolut spannendes Buch und wahrscheinlich die Basis für einen großen Teil der Kultur der westlichen Welt. Es ist natürlich ein unendlich wichtiges Buch. Man kann keine Kirche verstehen ohne die Bibel. Sie können einen Großteil der Malerei ohne die Bibel nicht verstehen. Sie können einen Großteil der Literatur ohne die Bibel nicht verstehen. Insofern ist sie das Referenzbuch für die westliche Kultur.

Das ist jedoch sehr im Hinblick auf die Vergangenheit betrachtet. Auch in 1000 Jahren könnte man das sagen.
Gut möglich, dass in 1000 Jahren jemand Bilder malen wird, die Bezug nehmen auf die Bibel und dass jemand Bücher über König David und wen auch immer schreiben wird. Es wird immer wieder Gründe dafür geben zu sagen, die Bibel bleibt das wichtigste Buch.

Was ist für Sie der Sinn des Lebens?
In erster Linie haben wir eine biologische Herkunft, die vorsieht, dass wir uns wie die Tiere vermehren. Der Sinn des Lebens besteht darin, dass wir im Unterschied zu den Tieren die Fähigkeit haben, zu denken. Dieses Denken kann bewirken, dass wir handeln. Und das Denken kann unser Handeln führen. Aufgeklärt zu denken und im Sinne von Verantwortung zu handeln, das ist ein Teil dessen, was ich den Sinn des Lebens nenne. Jeder wird für sich einen anderen Sinn finden. Der eine sagt, er möchte sich selber finden, der andere, er möchte anderen Menschen helfen.

So hat für Sie dies Sinnfindung sehr viel mit dem Kopf zu tun.
Für mich ja.

Die meisten Menschen kennen einen großen Teil der Realität nur aus den Nachrichten. Die meisten haben weder Lady Di gesehen. Noch waren sie je im Irak, in Israel oder in Palästina. Sie hingegen sind schon als Kosmopolit groß geworden. Worin besteht der größte Unterschied zwischen selbsterlebter Welt und der Welt, die man aus Ihren Nachrichten kennt?
Die selbsterlebte Welt sieht immer anders aus als eine Nachrichtensendung. Eine Nachrichtensendung fasst zusammen, was an den verschiedenen Ecken der Welt passiert ist. Ich berichte über das, was im Irak passiert, z.B. über Attentate. Aber ich habe nie ein Attentat selbst erlebt. Ich berichte über Fluten, über Stürme, die ich auch in der Form nicht miterlebt habe und die die meisten von uns nicht miterlebt haben. Die Wirklichkeit der Nachrichten ist eine andere Wirklichkeit, als die des Zuschauers.

Ist es nicht auch gefährlich, wenn durch die Nachrichten suggeriert wird, man sei dabei und wüsste Bescheid, und in Wirklichkeit stimmt das gar nicht?
Das halte ich nicht für gefährlich, weil der Zuschauer diesen Unterschied selber machen kann.

Sie haben ein schönes Buch über Paris geschrieben. Was fasziniert Sie an dieser Stadt nach wie vor?
Paris ist eine Stadt, in der ich für ein paar Jahre eine französische Schule besuchte und in der ich zehn Jahre lang als Korrespondent für die ARD arbeitete. Paris ist eine Stadt für mich, in der ich eine Biografie als Zigeuner habe und die mir Heimat gibt.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Mehr Zeit.

 

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