Dr. Gabriele Krone-Schmalz

Journalistin und ehem. Moskaukorrespondentin

Bekannt wurde Gabriele Krone-Schmalz als ARD Korrespondentin in Moskau. Sie kennt die russische Seele sehr gut und ist bis heute in den deutsch-russischen Dialog eingebunden. In ihrem neuen Buch reflektiert Gabriele Krone-Schmalz ihr Leben, begonnen mit der Kindheit, über das Erwachsensein, den Beruf bis hin zum Sinn des Lebens.

 

In Ihrem Buch schimmert an ganz vielen Ecken Ihre Jugend und Ihre Kindheit durch. Wird diese Zeit immer wichtiger, wenn man älter wird?
Ich glaube, dass das stimmt. Und dadurch, dass ich sehr früh sehr viel aufgeschrieben habe und mir auch immer sehr viel von der Seele geschrieben habe, kann man dann im späteren Alter feststellen, was schon ziemlich früh angelegt war und wie sich das dann entwickelt oder verfestigt hat.

Sie staunen zum Beispiel darüber, wie tiefgründig Sie mit vierzehn Jahren gedacht haben, wo man ja eigentlich ganz was anderes im Kopf hat.
Den ältesten Text habe ich geschrieben als ich vierzehn war und ich habe mir über das Phänomen Zeit Gedanken gemacht. Wenn ich das heute lese, dann führt das bei mir dazu, dass ich versuche alle Erwachsenen darauf hinzuweisen, was junge Menschen im Kopf haben und dass man die um Himmels Willen nicht unterschätzen sollte. Wenn man so authentische Aufzeichnungen hat, kann man damit besser argumentieren. Erwachsene sollten stärker darauf achten, was Kindern etwas bedeutet und worüber die sich schon Gedanken machen. Wenn Erwachsene das dann so abbügeln, ich glaube dann macht man mehr damit kaputt als sich mancher denkt.

Ihre frühesten Erinnerungen reichen zurück bis ins vierte Lebensjahr. Es ist schon erstaunlich, dass Sie sich daran erinnern können.
Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mich an diese Zeit erinnern kann. Aber ich habe die Erinnerung sehr präsent, ich musste nämlich eine Blinddarmoperation überstehen als ich knapp vier war. Ich bin selbst erstaunt darüber, dass man offensichtlich doch mehr mitbekommt, als man manchmal glaubt. Vielleicht liegt es daran, dass ich zu der Zeit ohne meine Eltern war und sich dieses Erlebnis wie eine Art Trauma so eingeprägt hat.

Wie wichtig sind Ihnen Ihre Eltern, wenn Sie heute zurückschauen?
Ich kann gar nicht mit Worten ausdrücken, wie wichtig sie für mich waren und sind. Denn ich hatte das Glück, in einem Elternhaus groß zu werden, was sehr liberal, sehr tolerant, aber auch sehr wertegefestigt war. Meine Eltern haben uns Kinder immer darin bestätigt Dinge herauszufinden, nicht alles zu glauben was man so hört. Sie haben uns darin bestärkt unseren Weg zu gehen, auch wenn Sie ihn nicht immer gut fanden. Ich glaube, dass man nur so zu einer stabilen Person werden kann, die die Vorteile eines demokratischen Systems, was ja auf mündige Bürger angewiesen ist, nutzen kann.

Sie schreiben davon wie Ihnen Ihr Vater das Dritte Reich erklärt hat oder die Frage warum Deutsche sich schuldig fühlen müssen. Die Art wie er Ihnen das kindgerecht näher gebracht hat, finde ich sehr gut und beispielhaft.
Ich finde es auch sehr gut, wie er es mir erklärt hat. Auch deswegen ist er für mich der größte Held meines Lebens. Er hat mir viel beigebracht und er hat mir viel an Substanz, an Grundsteinen gelegt, worauf ich aufbauen konnte. Im Volksschulalter einem Kind kindgerecht zu erklären, dass das Deutsche Volk natürlich Schuld auf sich geladen hat, aber dass es trotzdem nicht dazu führen muss, dass junge Menschen, die das nicht miterlebt haben mit einem gesenktem Kopf durch die Gegend laufen.

Hat Ihnen das geholfen?
Das hat mir sehr geholfen, weil ich dadurch ziemlich früh begriffen habe, dass es erstens Widersprüche im Leben gibt, die sich nicht auflösen lassen, so gerne man das möchte. Wie zum Beispiel der Ost-West Konflikt oder die Kalte-Krieg-Ideologien. Und ich habe sehr früh begriffen, dass man nur menschlich durch die Gegend laufen kann, wenn man differenziert. Wenn man nicht diese „entweder oder“ Positionen aufbaut oder gar denkt "Wenn du nicht für mich bist, dann bist du gegen mich".

Gerade im Bezug auf Deutschland und Russland ist dieses Thema ja sehr wichtig. Denken Sie, dass Ihr Vater Ihnen so zu einem anderen Auftreten in Russland verholfen hat?
Das ist sicher richtig. Wobei ich sagen muss, dass ich in meiner Zeit als Russland-Korrespondentin schon damit gerechnet habe, dass irgendwann einmal der Punkt kommt, wo mir Menschen dort genau das vorwerfen. Ich habe gelernt, wie großherzig die Menschen in Russland damit umgehen. Sie haben zwar diese Schuld Deutschlands und des Dritten Reiches sehr präsent, weil sie ja nun unerlässlich darunter gelitten haben. Aber sie werfen das mir oder jemandem anders, der nicht persönlich schuldig ist, nicht vor. Diese Form der Differenzierung finde ich sehr großherzig.

Russland ist ja in den Köpfen der Menschen ein atheistischer Staat. Gleichzeitig ist die russische Seele für ihre Warmherzigkeit und auch für ihre Frömmigkeit bekannt. Wie bringen Sie das zusammen, wie haben Sie das erlebt?
Man muss ja ganz klar feststellen, dass der Kommunismus es nicht geschafft hat den Glauben kaputt zu kriegen. Ich war ja in der Zeit von 1987 bis 1991 in der Sowjetunion und da fing das System dann an zu bröckeln. Man traute der kommunistischen Partei nichts mehr zu und sie verlor allmählich ihren Führungsanspruch. Funktionäre der kommunistischen Partei schickten Ihre Kinder in Sonntagsschulen zum Popen. Und als ich damals dann als Journalistin gefragt habe, wie man diesen Widerspruch auf die Reihe kriegt, erklärte mir ein hoher Parteifunktionär, dass es ja mit dem Kommunismus nicht so gut geklappt hätte, aber wenn man die Ideen des Kommunismus und die Ideen des Christentums auf einen Tisch legen würde, dann gäbe es ja so viele Unterschiede eigentlich nicht. Und deswegen war sein Fazit, dass seine Kinder Orientierung bräuchten und wenn das mit dem politischen System Kommunismus nicht funktioniert hat, dann würde er sich für das Christentum entscheiden. Denn das Christentum hat Werte und ein stabiles Raster und an irgendetwas müssten sich die jungen Menschen ja orientieren. Und ich finde, damit hat er Recht.

Das ist jetzt eine sehr reflektierte Position. Aber wie ist es mit dieser warmen russischen Seele? Das ist ja ein Vorurteil wie manches andere Vorurteil über Russland auch. Würden Sie das bestätigen?
Es ist immer schwierig über Mentalitäten zu reden, aber ich persönlich habe auch sehr viel Großherzigkeit, Herzlichkeit, Melancholie, Nähe und Innigkeit erlebt. Vielleicht wird man auch eher so, wenn man in einem Land lebt, das von den Dimensionen und den großen Unterschieden kaum zu verkraften ist. Vielleicht bedeuten einem Dinge dann mehr, über die wir so drüber springen, weil wir in einem Staat und in einem Land mit Strukturen leben, die so überschaubar und durchstrukturiert sind.

Spielt denn die Frömmigkeit, die Religion im Alltag eine Rolle?
Ich denke schon, dass die Religion im Alltag eine Rolle spielt. Ich habe zwar noch die Zeit erlebt als die Kirchen nur mit alten Frauen voll waren und der Rest sich nicht getraut oder sich nicht interessiert hat. Das ist heute ja ganz anders, die Kirchen sind voll und zwar querdurch. Ich persönlich glaube auch, dass Frömmigkeit oder der Glaube an etwas, das man das braucht, präsenter ist wenn man mit existenziellen Sorgen zu kämpfen hat.

Sie schreiben ja in Ihrem Buch ganz deutlich das Sie selbst in Gott Vertrauen haben. Was bedeutet das für Sie?
Gottvertrauen bedeutet für mich eine gewisse Demut. Ich kann zwar viel bestimmen, aber ich kann nicht alles bestimmen. Ich bin aber kein Verfechter des Fatalismus. Aber ich habe schon Gottvertrauen in dem Sinne, dass es einem Kraft gibt schwere Zeiten zu überstehen. Und wenn man darüber nachdenkt, haben einen auch Dinge, die leidvoll waren, vielleicht innerlich weitergebracht. Oder man hat Menschen kennengelernt, die man sonst nie kennengelernt hätte.

Sprechen Sie diesen Gott an, ist er Ihnen gegenüber, beten Sie?
Ja, ich bete zu Gott. Aber er sagt immer nichts, dafür hört er mir zu. Davon bin ich überzeugt.

Wie wird in Russland Weihnachten gefeiert?
In Russland wird später als bei uns gefeiert, aber dann auch sehr feierlich mit Kirche, Festmahl und Familie. Mittlerweile könnte ich mir vorstellen das Weihnachten in Deutschland und in Russland sich ähnlicher geworden sind als sie es früher waren.

In Ihrem Buch schreiben Sie immer wieder über die Menschlichkeit in Russland. Was hat sie dazu bewegt eine Patenschaft zu übernehmen und was sind das für Menschen gewesen?
Das ist ein junges Paar gewesen, er hat im Bergbau gearbeitet und das damals unter schlimmen Umständen, das war alles sehr lebensgefährlich und menschenverachtend, das kann man nicht anders sagen. Diese Geschichte begann als der Glaube im normalen Leben eine Rolle spielen konnte und durfte und man sich taufen lassen durfte ohne Nachteile zu bekommen. Ich habe mich natürlich als Journalist dafür interessiert und dort auch Filme darüber gemacht und auch Bücher darüber geschrieben. Aber ich habe mich auch als Mensch interessiert und ich habe meinen Beruf immer so verstanden, dass ich auch von mir etwas preisgeben muss, damit ich von den Menschen etwas zurückbekomme. Und dieses junge Paar und ich haben festgestellt, dass wir da Berührungspunkte sehen, weil wir an die selben Dinge glauben und von den selben Werten überzeugt sind. Und diese Vertrauenssituation hat dann dazu geführt, dass sie mich gefragt haben, ob ich Taufpatin sein möchte. Der Kontakt hat über zehn Jahre gehalten. Wie haben uns dann leider aus den Augen verloren, aber ich gehe davon aus, dass es ihr gut geht.

Wenn Sie einmal einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Der Wunsch ist nicht sehr originell und vielleicht auch egoistisch, aber ich würde mir wünschen, dass die Menschen, die ich liebe und ich gesund bleiben und den Rest kriegen wir schon hin.

 

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