Gotthilf Fischer

Herr der singenden Heerscharen

Seit Jahrzehnten ist er dafür bekannt, Chöre von Chören zu dirigieren. Gotthilf Fischer wird deshalb auch „Herr der singenden Heerscharen“ genannt. Mit 14 Jahren dirigierte er seinen ersten Chor, und seither sangen wohl hunderttausende, wenn nicht Millionen von Menschen im Laufe der Jahre bei den „Fischerchören“ mit. Gotthilf Fischer ist nun 80 Jahre alt und blickt auf eine bewegte und bewegende Geschichte zurück. 1974 hatte er seinen ersten Auftritt mit einem Riesenchor bei der Fußball-WM in München. 1998 konnte er einen Weltrekord mit dem größten Wasserchor der Welt verzeichnen. 2001 nahm er an der Loveparade in Berlin teil und wurde darüberhinaus bekannt durch die Sendereihe „Straße der Lieder“. Seinen Vornamen Gotthilf trägt er tatsächlich zu Recht.

 

Gotthilf heißt ja „Gott, hilf!“ und wenn ich mich recht erinnere, dann ist Ihnen diese Hilfe in Ihrem Leben mehr als einmal widerfahren. Sie standen ganz dramatische Erlebnisse durch, überlebten sogar mehrere Flugzeugunglücke.
Die Flugzeugunglücke waren vor etwa 30 Jahren. Einmal geriet ich zwischen Rio und Sao Paulo mit einer Zweimotorigen in einen tropischen Sturm. Wir flogen direkt in den Urwald hinein. Nach zwei Tagen fand man uns. Da kann man nur sagen, Gott hat geholfen. Meine Geburt war dramatisch. Der Taxifahrer, der meine Mutter zur Klinik fuhr, hatte einen Unfall, war schwer verletzt und starb kurz darauf. Meine Mutter wurde schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Es hieß, sie käme nicht durch und das Kind könne nicht auf die Welt kommen. Aber sie kam durch und ich kam auf die Welt. Die Krankenschwestern baten meinen Vater auf Knien, mich Gotthilf zu nennen, da alles so sensationell gut gegangen war. So hat mich der Name durch mein ganzes Leben getragen. Ich wurde oft gebeten, ich solle ihn ändern. Das sei doch kein Name! Aber das interessiert mich alles nicht. Ich heiße Gotthilf und im Ausweis steht Gerhard Albert, Rufname „Gotthilf“ Fischer. Aus diesem Grund bin ich stolz, diesen Namen tragen zu dürfen.

War Ihnen damit das Thema Glauben bereits in die Wiege gelegt oder haben Sie sich erst später damit beschäftigt?
Wenn ich als kleiner Junge von zu Hause weglief, wusste meine Mutter ganz genau, ich konnte nur in der Kirche sein und unter dem Kreuz sitzen. Warum ich das gemacht habe, weiß ich nicht, aber ich „flüchtete“ regelrecht in die Kirche, setzte mich ans Kreuz und blieb brav sitzen, bis meine Mama mich abholte. Es war mir damals schon klar, dass es Gott gibt, dass es nur einen Gott gibt und dass ich ihn mag. Für mich gibt es keinen katholischen, evangelischen oder sonstigen Gott. Es gibt „einen“ Gott an den ich glaube.

Die Kirche ist heute einer der wenigen Orte, wo noch regelmäßig gesungen wird.
Wenn man in der Kirche singen darf, ist das für mich das Schönste. In der Kirche wird die Musik als etwas ganz Besonderes präsentiert. Dann die großartige Akustik, die sakralen Chöre! Wer das Sakrale nicht kennt und beherrscht, sollte alle andere Musik bleiben lassen. Denn aus ihr kommt alles und geht alles. Man kann sagen, die Kirche ist der erste Platz, wenn es um Musik geht. Ich konzertierte bereits in vielen Kirchen. Das Erlebnis, mit einer Menschenmasse zu singen, werde ich nie vergessen. Im Petersdom waren 80.000 Menschen aus der ganzen Welt im Publikum versammelt. Wir waren mit eintausend Damen und Herren der Fischerchöre in Washington, um die Friedensmesse, die ich dem damaligen US-Präsidenten Jimmy Carter widmete, aufzuführen. Es gab einen Orkan von Applaus! Zuerst störte ich mich daran, denn in der Kirche habe ich Applaus nicht gerne. Aber die Menschen klatschten eine Viertelstunde lang, bis wir schließlich die Kirche verließen.

Wann kam Ihnen die Idee, Chöre der Chöre zu leiten?
Als ich nach dem Krieg 1945 in mein Heimatdorf zurückkam, machten mich die Leute auf die Singstunde im Ort aufmerksam, ich sollte dazukommen. Ich setzte mich ans Klavier, und nach zehn Minuten hieß es: „Ab heute bist du unser Dirigent.“ - Das sprach sich im Kreis Esslingen herum. Innerhalb weniger Wochen hatte ich sechs Chöre am Hals. Auf die Frage, „wie nennen wir uns denn“, antwortete ich: „Das ist ganz einfach. Ich bin der Fischer und das sind die Fischerchöre.“ Es macht einfach Spaß mit über hundert Menschen Pianissimo zu singen. Das klingt wie ein Teppich. Das ist Musik, da fängt sie an. Wir studieren die Lieder nach Noten ein, und singen dann auswendig. Wenn man den Chor nicht in der Hand hat, singt er an einem vorbei, und dann geht’s auch am Herzen und an der Seele vorbei.

Wie kam es zu Ihren Weltrekorden, wie beispielsweise dem größten Wasserchor der Welt? Da muss man ja erst mal drauf kommen.
Was die Vielzahl meiner Ideen anbelangt, könnte ich dreitausend Jahre alt werden. Ich habe sie alle verschenkt, die Ideen. Ich verschenke, was ich verschenken kann. Wichtig ist mir, dass die Ideen umgesetzt werden. Wo Menschen sind, wird gesungen. Man stelle sich die Welt, unser Dasein ohne Musik vor! Eine Beerdigung, eine Hochzeit, ein Fest, ein Kirchentag oder ein Massentreffen ohne Musik wäre tot. Das Singen steckt in uns. Man braucht keine Noten, keinen Geigenkasten, keine Trompete. Gott schenkte uns die Stimme, also müssen wir sie auch einsetzen. Alles was wir haben und was er uns geschenkt hat, ist gut.

Hat das auch mit dem Lob Gottes zu tun?
Gott ist es, der uns führt und über unsere Dummheit sogar lacht. Wenn wir Wege gehen, um ihm zeigen zu wollen, wie es geht, lässt er uns wieder aufwachen. Gott hat alles geschaffen, und wir haben leider die Begabung, es kaputt zu machen.

Was passiert mit Menschen, wenn Sie singen?
Das muss man beobachten, wenn ich eine Chorprobe abhalte: Die Leute kommen zunächst ein bisschen bösartig an, weil die Bahn nicht fuhr, das Auto nicht ansprang oder weil sie im Stau stecken geblieben sind. NAch zehn Minuten sind das dann ganz andere Menschen, die zehn Jahre jünger aussehen. Seele, Geist, Atem, Herz, alles ist drin. Das kommt von innen und geht über die zwei Stimmbändchen. Ärzte müssten, wenn die Damen und Herren 50, 60 oder 70 Jahre alt sind, verschreiben, jeden Tag ein Lied zu singen, weil das nachgewiesen gesund ist.

Sie sind das beste Beispiel dafür.
Ja, mir fehlt überhaupt nichts. Und wenn ich mal ein bisschen das Gefühl habe, eine Grippe zu bekommen, schaue ich in meinen Terminkalender, und schon ist sie weg.

Was ist Ihre liebste Bibelstelle?
O, da müsste ich die ganze Bibel zitieren. Sie ist für mich das interessanteste und vor allem das unheimlichste Buch der Welt. Man muss sie nur lesen können. Man muss sich Zeit nehmen und die Kapitel jeweils 20- oder 30-mal lesen. Da ist alles drin, was man sich nur denken kann. Die für mich wichtigste Stelle in der Bibel steht bei Markus (Mk. 10, 32-33): „Wer nun mich bekennet vor den Menschen, den will ich bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ Bekennst du dich als Mensch zu Gott, dann ist auch Gott bei dir.

Ein schönes Wort, auch für die Osterzeit.
Ja, Ostern ist Leben, ist Auferstehung. Man spürt, wie alles erblüht. Es ist ein Durchatmen, das uns Kraft und Mut gibt, um weiterzumachen.

 

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