† Gottfried John

Schauspieler und Romanautor

Mit dem James-Bond-Film Goldeneye hatte er als bester Bösewicht einen Welterfolg. Gottfried John der geborene Charakterdarsteller. Zahlreiche Kino- und Fernsehfilme hat er gedreht. Vor einigen Jahren schrieb er sein bewegtes Leben in einem autobiografischen Roman auf. Nun hat er einen spannenden Roman über die Geheimnisse des Lebens geschrieben. „Das fünfte Wort“ heißt das Buch, in dem es auch um Gut und Böse geht. Hanno Gerwin führte das Interview im Herbst 2003, Gottfried John verstarb im September 2014.

 

Gottfried John, wenn man als Schauspieler Rollen interpretieren muss oder als Autor Personen oder Handlungen erfindet, wo fängt man an? Ist es die Neugierde oder das Interesse an etwas Vorgefallenem, oder ist es reine Phantasie?
Ich würde sagen, es ist eine Art Schizophrenie. Man stellt sich Figuren, andere Menschen vor und nach einiger Zeit verselbständigen sie sich. D.h., man ist dann fast nicht mehr sich selber, sondern man ist eine andere Figur. Das ist eine Konzentrationsfrage, sich da hinein zu versetzen. Aber das Grundsätzliche besteht darin zu fragen, wo und was ist das ICH überhaupt.

Kann das auch vollkommen konträr zu Ihrer eigenen Persönlichkeit sein?
Man muss sich die Frage stellen, was die eigene Persönlichkeit gewissermaßen ist. Beim Schauspielen macht man genau das Gegenteil von dem, was man ist. D.h. ich spiele natürlich gerne die sehr selbstsicheren, starken Typen. Ich würde jedoch eher von mir behaupten, das Gegenteil zu sein.
Ich entdecke oder finde Teile von mir selbst, die interessant, aber auch fremd sind. Ich versuche mich hineinzufinden, bis sich diese Eigenschaften verselbständigen und man tatsächlich so wird.

Sie sind dann also eins mit der Rolle, die Sie spielen. Wenn Sie diese Person dann tatsächlich leben, so sind Sie dadurch glaubwürdig. Empfinden Sie das so?
Ich empfinde es so, dass ich in diesem Moment diese Person sei.

Können Sie eine Figur aus Ihrem Buch „Das fünfte Wort“ nennen, die Ihnen entspricht oder eventuell völlig anders ist?
Nein, denn wenn wir gut und böse nehmen oder - wie Goethe das gemacht hat - Faust und Mephisto, so handelt es sich hierbei um ein und dieselbe Person, die lediglich aufgespaltet ist, sowohl in die eine, wie in die andere Richtung. Und beide Seiten streiten miteinander. Die Sehnsucht ist also, das ICH als Einheit zu finden, eine Einheit zu werden.

Man versucht also, die Gegensätze zusammenzubringen, die in der Regel auseinanderfallen. Gut und böse ist der wohl krasseste Gegensatz und ist sicherlich jedem Menschen inne. Die Diskussion um Werte zeigt uns, dass wir dennoch bestrebt sind, das Gute zu tun. Was wäre für Sie eine gute Eigenschaft bei Menschen?
Bei den Begriffen gut und böse stelle ich generell in Frage, ob sie in diesem puren Sinn existieren. Die Gesellschaft versucht einem sozusagen zu erzählen, was gut sei und was böse sei. Ich würde das gerne aufrollen anhand von dem Begriff Liebe. Es gibt verschiedene Formen von Liebe, die alle als Liebe empfunden werden. Es gibt die eifersüchtige Liebe, die besitzergreifende Liebe und es gibt die altruistische Liebe, die über einen hinausgeht und einen anderen oder etwas anderes mit ein schließt. Die höchste Form der altruistischen Liebe ist für mich, wenn ein Mensch sich für einen anderen aus Liebe opfert.

Das wäre doch auch eine gute Tat. Selbst wenn es sich dabei vielleicht um einen schlechten Menschen handelt.
Wenn man bei dem Begriff gut und böse bleiben möchte, so wäre es eine gute Tat.

Braucht man solche Werte nicht, um sich in der Gesellschaft zu orientieren?
Ich glaube schon, dass man solches als Halt braucht. Von dem Moment an allerdings, wo man als Künstler sozusagen reflektiert, muss man alle Aspekte der menschlichen Existenz ausleuchten, sie gegeneinander stellen und sie betrachten. Man kann nicht sagen, es gäbe nur gut oder nur böse. Nehmen wir Friedrich Schillers Figuren aus „Die Räuber“, Franz Moor und Karl Moor. Karl, der Gute, ist die langweiligere Figur, weil er in seiner Geradlinigkeit, in seiner Sauberkeit etwas unglaubwürdig ist. Das ist das, was alle erstreben und wünschen, was aber in dieser Form nicht existiert.
Je positiver das Bild ist, das die Gesellschaft von einem hat, um so gefährlicher ist es. Denn je mehr das Negative verdrängt wird, um so größer ist die Gefahr, dass es plötzlich aufbricht.

Es gibt ein volkstümliches Sprichwort: „Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten“. Wäre das auch ein Aspekt?
Ja, auch in der Bibel steht ein sehr spannender, schwieriger Satz: „Wehret nicht dem Übel.“ Man fragt sich, wieso nicht. Was heißt das eigentlich? Ich glaube, man muss das Übel zunächst erkennen können, um eine andere Dimension sozusagen der Menschwerdung oder des Menschseins zu bekommen.

In der Bibel stehen auch die Zehn Gebote. Sie vermitteln das, was man tun soll sowie das Gute, wenn man es überhaupt in Gebote fassen kann, umschreiben soll. Finden Sie das gut?
Die Zehn Gebote sind eine Hilfestellung und geben Halt. Sowie man diese Gebote in Frage stellt, muss man etwas anderes erfinden, was adäquat ist. Ich denke, dass sie Allgemeingültigkeit in der Gesellschaft haben, damit die Menschen zusammen leben können. Ich vermute, das ist in fast allen Religionen ähnlich. Es ist also jetzt nicht nur unsere christliche Religion, die uns das etwas gestreng sagt. In allen Religionen wird in das Gleiche in unterschiedlichen Varianten gesagt.

Die Religion versucht im Grunde das Positive als eine entfernte und vielleicht abstrakte Größe dem Menschen näher zu bringen. Man spricht auch von dem lieben Gott. Gott ist gut. Wie ist Ihre Einstellung zur Religion?
Das ist eine Frage der Liebe Gottes. Sie wird so personifiziert, in dem man sich sozusagen ein Abbild macht. Alle Religionen - inklusive der christlichen - sagen, man soll sich kein Abbild machen, da man durch das Abbild in gewisser Weise das wirklich Lebendige verletzt.

Aber vielleicht muss man doch eine Vorstellung haben, wenn auch nicht figürlich. Wie stellen Sie sich Gott vor?
Wenn man sich den Begriff „Gott“ oder das Unnennbare vorstellt, so würde ich sagen, dass Gott ist in jedem von uns ist. Das Unnennbare ist das Lebendige an sich, der göttliche Funke. D.h. es wandelt sich alles um. Energie geht nicht verloren, wie wir sagen. Dieser permanente Wandel, das ist das göttliche Prinzip.

Können Sie zu diesem Gott beten?
Selbstverständlich. Das Beten ist eine Hilfestellung, die dazu dient, zu personifizieren. In der christlichen Religion gibt es den Begriff des Herzens. Man braucht keinen festen Ort, man muss kein bestimmtes Bild vor sich haben. Man kann nach innen gehen und man wird es innen finden.

Das Gebet ist dann ein permanentes Gebet. Welche Rolle spielt für Sie Jesus Christus?
Ich denke, dass er ein hochinteressanter Mensch gewesen ist, der versucht hat, das Prinzip „Ursache - Wirkung“, Auge um Auge, Zahn um Zahn, also Rache, zu durchbrechen. Indem er gesagt hat, eine Menschwerdung ist in dem ich, ich kann es nur durchbrechen, indem ich es annehme. Ähnlich ist das im Buddhismus, wo man sich das Leben wie ein Rad vorstellt und durch Veränderungen permanent versucht, in die Mitte, in die Narbe zu kommen.
Aus diesem Prinzip von Ursache und Wirkung, entstehen Kriege und Hass. Daraus entstehen unsere ganzen Probleme. Jesus hat versucht, dies mit sehr starken Sinnbildern zu erklären. Zunächst versteht man nicht, warum jemand sagt: „Wenn du auf die eine Backe geschlagen wirst, halte die andere hin.“ Aber es handelt sich dabei um das gleiche Prinzip.

Man sollte also diesen Teufelskreis durchbrechen, nicht wahr?
Ja.

Die Religion spielt in der Kindheit oft eine Rolle. Man lernt es von z.B. von den Eltern. Sie haben selbst eine sehr bewegte und auch unruhige Kindheit gehabt. Wie war das bei Ihnen?
Ich bin überhaupt nicht religiös erzogen worden. Meine Mutter sagte mir, ich solle selber herausfinden, was ich glaube, was ich denke. Über viele Umwege habe ich mich dann den verschiedenen Religionen genähert. Und dann eben auch der Bibel, die ich am schwierigsten finde, weil die Sinnbilder für uns heute sehr schwer zu verstehen sind. Aber wenn man sie versteht, wenn man sie für sich umsetzen kann, so sind sie ganz tief, ganz toll. Wenn man richtig darüber nachdenkt, so sind das tiefe, philosophische Gedankengänge.

Gibt es einen biblischen Satz, der Sie besonders anspricht?
Ein sehr spannender Satz ist: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.
D.h. an den Auswirkungen, egal was jemand sagt oder erzählt oder wie heilig er tut, man soll sehen, was daraus entstanden ist. Ich finde es auch sehr, sehr spannend, dass im Neuen Testament deklariert wird, ein Priester solle sich nicht besonders kleiden, nicht besonders hervorheben. Das ist auch ein Grund, warum ich Probleme mit der Firma Kirche habe.

Wenn Sie einmal einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Weiß ich nicht...

Sind Sie wunschlos glücklich?
Ich weiß nicht, ob ich wunschlos glücklich bin. Aber ich bin relativ wunschlos, glaube ich. D.h. ich versuche das Leben im Moment so anzunehmen, wie es ist.

 

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