Maybrit Illner

ZDF Moderatorin und Fernsehjournalistin

Maybrit Illner
Maybrit Illner im Gespräch mit Hanno Gerwin
Maybrit Illner im Gespräch mit Hanno Gerwin

Ihr Gesicht verkörpert den Polit-Talk im ZDF: Maybrit Illner moderiert seit 1999 die politische Talkshow „Berlin Mitte“, die seit 2007 ihren Namen trägt. Darin bringt sie Politiker ins Gespräch, mitunter auch in Rage. Maybrit Illner stammt aus Berlin, studierte in Leipzig Journalistik und war in der ehemaligen DDR Fernsehjournalistin. Nach der Wende kam sie zum ZDF und moderierte nach dem Morgenmagazin politische Sendungen. Sie begegnete vielen Politikern aus Ost und West. Maybritt Illner weiß, wie Politiker denken, reden und was sie alles nicht sagen. Sie schrieb ein Buch darüber, wie politische Aussagen zu verstehen sind.

 

Frau Illner, eigentlich müssten Politiker doch wissen, dass Sie sagen, was Sie gar nicht wirklich meinen.
Ja, das ist eine goldrichtige Bemerkung. Ich schrieb das Buch nicht für Politiker, sondern für die aufgeweckten Bürger des Landes, die hier und da einfach gerne diese Übersetzungshilfe zur Hand nehmen, um sich auf eine augenzwinkernde Art noch ein bisschen Nachhilfeunterricht geben zu lassen.

Warum nehmen Politiker in Kauf, nicht wirklich ernst genommen zu werden?
Weil die Politiker in verschiedensten Situationen versuchen, sich mit wagen und vor hässlichen Wahrheiten davonlaufenden Äußerungen aus der Not zu bringen. In der Regel ist das ein klassisches Ausweichmanöver oder eine Fehlervermeidungsstrategie. Es werden Aussagen gemacht, die morgen noch gelten könnten und auch übermorgen kein Zwang zur Korrektur der Äußerungen bestehen. Variante Nummer Zwei tritt ein, wenn sich der Politiker in einem Werbefeldzug befindet, wir sagen Wahlkampf dazu. Da wird ordentlich die Trommel gerührt, für die Partei geworben und für den Politiker Höchstselbst. Hier greifen Politiker wahnsinnig gerne zu diesen Stanzen und Floskeln, Schönsprecherei und Euphemismen, um nicht nur die Welt und Deutschland, sondern auch sich selbst viel, viel toller erscheinen zu lassen als sie wirklich sind. Auch als muntere, ausgeschlafene und kritische Politikkonsumenten wissen wir, dass wir nicht alles glauben sollen, was uns im Wahlkampf erzählt wird.

Wie stark konfrontieren Sie die Politiker damit? Haben Sie schon mal einem gesagt, dass Sie ihm nicht glauben?
An die tausend mal. In meiner Sendung mache ich in der Regel wenig anderes als Übersetzungsarbeit. Es geht mir darum, einer Äußerung eines Politikers so lange auf den Grund zu gehen, bis ich das Gefühl habe, dass es tatsächlich die Antwort auf meine Frage ist. All das findet unter dem Arbeitstitel statt „Wie kommt es eigentlich, dass ich Sie nie verstehe?“ Es gibt verschiedene Mittel, das herauszufinden, entweder fragt man dreimal hintereinander, was das oder jenes nun tatsächlich bedeuten soll, man versucht daran zu erinnern, welche Äußerung seitens des Politikers vor einem halben Jahr zu diesem Sachverhalt gemacht wurden oder man zitiert Parteifreunde.

Wann ärgern Sie sich über Politiker? Oder müssen Sie sich an dieser Stelle völlig zurücknehmen?
Ich bin grundsätzlich nicht mit missionarischem Eifer unterwegs, um die Politiker zu anderen Menschen zu machen. Das wäre anmaßend und dumm. Trotzdem ist in der Kommunikation zwischen Politik und Volk zwischenzeitlich vieles verloren gegangen. Politiker haben nicht wirklich einen guten Ruf.

Warum macht es mal einer nicht anders, und sagt von Anfang an immer die Wahrheit? Vielleicht wäre er ein strahlender Held.
Sie haben natürlich alle ihre ehrlichen Momente.

Wenn Sie Ihre Arbeit heute mit Ihrer journalistischen Tätigkeit zu DDR-Zeiten vergleichen, gab es einen großen Unterschied?
Es gab einen großen Unterschied. Zu DDR-Zeiten wurde man dazu erzogen, zwischen den Zeilen zu lesen. Es gab das sogenannte Leitmedium, und die anderen Zeitungen der anderen Parteien, die sogenannten Blockflöten, haben die Leitinhalte abgeschrieben. Es wurde immer gerne behauptet, dass die DDR ein Leseland gewesen sei. Korrekterweise hätte man sagen müssen, sie war ein Buchleseland. Die Bücher hatten die Funktion des Journalismus übernommen. So gab es Diskussionen, wie sie in der Presse nicht stattfanden. Damals war ich noch nicht in der Politik unterwegs, weil ich die Politik nicht so verlockend empfand. Ich hatte mir mit 13 Jahren aus unerklärlichen Gründen gewünscht und zum Entsetzen meiner Eltern, Sportreporterin zu werden. Ich bewarb mich in der Sportredaktion des DDR-Fernsehens heimlich auf ein Volontariat, weil ich davon träumte, den Olympischen Marathon zu kommentieren und zwar so, dass sich die Zuschauer zwischendurch nicht aufs Klo getraut hätten! Bis 1989 arbeitete ich dann in der Sportredaktion des DDR-Fernsehen. Ich habe ehrlichgesagt nie den Olympischen Marathon kommentiert.

Was war das Beste, was Ihnen Ihre Eltern mitgegeben haben?
Meine Eltern haben in mir das Bedürfnis nach einem nicht angepassten Denken geweckt. Sie erzogen mich zu einem sehr neugierigen Menschen, und dafür bin ich Ihnen wirklich dankbar. Sie gaben mir ein ganz sonniges Gemüt. Das ist ein Segen.

Wenn Sie selbst Kinder erziehen, was sollen diese unbedingt von Ihnen mitbekommen?
Sie sollen wach, frech, mutig und möglichst neugierig sein.

Welche Werte sind Ihnen sehr wichtig?
Ich bin gepolt auf Ehrlichkeit. Ich mag es, wenn mir Menschen aufrichtig begegnen. Ich mag Vertrautheit, denn wenn man sich jemanden zum Freund gemacht hat, trägt man für ihn Verantwortung. Ich bin auch eine sehr treuen Seele.. Eigentlich sind Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit die beiden wichtigsten Werte. Ich hasse Bigotterie, und ich hasse Verlogenheit.

Wie ist Ihre Einstellung zur Religion?
Ich bin nicht konfessionell gebunden und bin weder katholisch noch protestantisch oder Anhängerin des Buddhismus. Für diese großartige Frage gibt es dankenswerter Weise noch keine Antwort, ähnlich wie die Frage nach dem Sinn des Lebens, der darin besteht, sich auf die Suche nach dem Sinn des Lebens zu begeben. Wahrscheinlich besteht der Sinn von Religion darin, sich immer auf die Suche nach dem Größeren zu begeben. Das wäre der Versuch einer Antwort. Mit dieser Frage eröffnet sich ein neuer Horizont. Ich glaube daran, dass die Dinge, die im Leben geschehen, tatsächlich Fügung oder auch Schicksal sein können, die durch einen selbst nicht wirklich beeinflussbar sind. Auf der anderen Seite bin ich aber eine große Erkenntnistheoretikerin und der Auffassung, dass es auch wahnsinnig schön ist, bestimmte Dinge zu wissen, wodurch wir sie uns zu nutzen machen können. Es gibt offensichtlich Materie, die sich so hoch spezialisieren kann, dass sie uns denken lässt. Es ist das größere Wunder sich vorzustellen, dass uns irgendjemand kreiert hat.

Das klingt wie eine Art Versöhnung zwischen denen, die es mit der Schöpfung erklären und denen, die es auf diese Differenzierungsweise erklären. Letztlich ist das Wunder das gleiche.
Richtig. Es hat einen irrsinnigen Zauber des sich noch nicht erklären Könnens, und wenn wir es uns dann erklären können, bin ich die erste, die „Hossa“ schreit und sagt, es ist klasse, dass wir es uns erklären können und wir gegebenenfalls einen Nachweis dafür haben, warum die Dinge sich so ereignet haben, wie sie sich ereignet haben.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Woody Allen würde jetzt sagen: „Ich glaube an Reinkarnation.“ Ich glaube nicht an Reinkarnation.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe eine extreme Angst vor einem langen, quälenden und einsamen Sterben. Ich weiß, wie ich sterben möchte und ich weiß, wie nicht sterben möchte.

Verraten Sie uns, wie Sie gerne sterben würden?
Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mir nicht lange bei einem Leiden zuschauen würde und auch ziemlich sicher, dass ich nicht alleine sein möchte und auch nicht sein werde.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Dann würde ich mir Frieden wünschen.

 

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