Bischof Dr. Wolfgang Huber

ehem. Ratsvorsitzender der EKD

Bischof Dr. Wolfgang Huber
Bischof Dr. Wolfgang Huber im Gespräch mit Hanno Gerwin
Bischof Dr. Wolfgang Huber im Gespräch mit Hanno Gerwin

Er ist Vorsitzender des Rats der EKD und somit der oberster Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Bischof Wolfgang Huber ist von seiner Herkunft ein Badener. Der promovierte Theologe ging in Freiburg auf die Schule und studierte unter anderem in Heidelberg. Nach einer kurzen Zeit als Pfarrer im Württembergischen, widmete sich Wolfgang Huber der Theologischen Wissenschaft und kehrte als Professor für Systematische Theologie an die Universität Heidelberg zurück.
1994 wurde er Bischof von Berlin-Brandenburg, wo ihn die kirchliche Aufbauarbeit im Ost-West-Verhältnis besonders reizte. Mittlerweile ist der Bischof auch für die schlesische Oberlausitz zuständig. Das ist eine Besonderheit der Evangelischen Kirche in Deutschland: Ihr höchster Repräsentant ist gleichzeitig auch Bischof einer Landeskirche.

 

Herr Bischof Huber, was macht Ihnen am Bischofsamt am meisten Freude? Welche Momente, welche Begegnungen sind es, die diese Freude ausmachen?
Die Begegnung mit den Gemeinden, mit den Menschen vor Ort, in Stadt und Land. Und vor allem natürlich bei Gottesdiensten, bei festlichen Anlässen. Es ist wunderbar, die Offenheit der Menschen zu erleben. Die Freude darauf, miteinander ein Fest zu feiern, auf die gute Botschaft von Gottes Nähe zu hören. Das ist für mich der Kern des Bischofsamts. Insofern ist der Bischof im Kern tatsächlich ein Pfarrer.

Ist der Bischof wirklich jemand, der den Leuten ganz nahe ist, und haben Sie den Eindruck, dass die Menschen Sie mögen?
Als ich Bischof wurde, habe ich besonders viel Wert darauf gelegt, die Menschen in Brandenburg kennen zu lernen, da mir die Menschen in der ländlichen Situation Brandenburgs natürlich etwas ferner waren, als die in Berlin. Aber ich habe mich auch sehr darum gekümmert, die unterschiedlichen Mentalitäten in den verschiedenen Teilen Berlins kennen zu lernen. Und das Woche für Woche. Ich glaube, ich bin einer derjenigen, die im Lauf einer Woche, eines Monats, eines Jahres in Brandenburg am meisten unterwegs sind. Ich habe gerade wieder eine Beschwerde bekommen, dass ich zu viele Kilometer fahre.

Das ist doch eigentlich eine gute Beschwerde.
Ja, ich kann damit hervorragend leben.

Hauen Sie auch mal mit der Faust auf den Tisch, wenn man Sie ärgert, oder haben Sie andere Methoden?
Na ja, auf den Tisch hau' ich nicht, weil das der Faust so weh tut und es außerdem in der Situation nichts hilft. Ich bin leider auch nicht sehr begabt darin, so zu tun, als würde es mir gar nichts ausmachen. Ich habe kein ausgeprägtes Pokerface. Meine Enttäuschung kann ich nicht gut verbergen.
Die einen werden dadurch vielleicht gerade noch angestachelt, eine bestimmte Sache weiter zu verfolgen und die anderen denken, jetzt wollen wir doch vielleicht noch mal miteinander überlegen.

Gibt es Momente, in denen auch ein Bischof am Glauben zweifelt, z.B. wenn es um die Frage gibt es ein Leben nach Tod geht?
Wenn es darum geht, was nach dem Tod eines Menschen ist, so gibt es Fragen, bei denen auch ich ein Tastender, ein Suchender bin, obwohl ich weiß, dass alles, was wir als Menschen dazu sagen, doch nur Bilder sind, mit denen wir das unergründliche Geheimnis Gottes zu erfassen versuchen.

Wie stellen Sie sich das Leben nach dem Tod vor? Wenn Sie der Fantasie freien Lauf lassen, wie könnte es aussehen?
Fantasie nehme ich nur dann zu Hilfe, wenn klar ist, dass ich keinen anderen Menschen mit dieser meiner Fantasie festlege. Über die Frage nachzudenken, was kommt nach dem Tod, heißt darüber nachzudenken, dass Gottes Wirklichkeit größer ist als unsere Erfahrungswirklichkeit. Unsere Erfahrungswirklichkeit hat an unserem Tod wirklich ein Ende. Das was darüber hinausgeht, sind Hoffnungsbilder, die für mich ihren einzigen Anhaltspunkt darin haben, dass ich gewiss bin, dass Christus aus dem Tod heraus auferweckt wurde, dass er lebendig geworden und wir darum darauf vertrauen können, dass unser Tod auch für uns selbst kein Ende bedeutet. Weder für uns persönlich noch für die Menschen, denen wir nahe sind.
Was wir als Hoffnung über den Tod hinaus haben dürfen, sieht anders aus als unsere Erfahrungswirklichkeit.

Und darum machen Sie keinen Versuch, sich das Leben nach dem Tod vorzustellen.
Ich mache nicht den Versuch, es mir zu konkret vorzustellen. Ich hänge nicht an der Frage, was künftig über meinen Tod hinaus von der Individualität, die ich jetzt zu haben meine, in einer verwandelten Gestalt bleiben wird. Ich lebe aus der Gewissheit, dass es so ist. Und ich lebe ganz stark aus der Gewissheit, dass kein Mensch tiefer fallen kann als in Gottes Hand. Das stärkste Bild für diese Zukunft ist für mich: Die bergende Hand Gottes, in der ich gehalten und aufbewahrt sein werde, genauso wie alle anderen auch.

Glauben Sie daran, dass Sie andere Menschen wiedersehen werden?
Ich werde anderen Menschen wieder begegnen und vor allem wird durchsichtig sein, wie sich mein Verhältnis zu diesen anderen Menschen entwickelt hat. Zukunft Gottes bedeutet, dass vollkommen klar wird, wie alles miteinander zusammen hängt, was in unserem Leben so dunkel gewesen ist. Im Licht Gottes wird klar, warum es so gewesen ist.

Das heißt, Sie erkennen die anderen dann so, wie sie wirklich waren.
Ja, dann erkenne ich die anderen, wie sie wirklich waren. Ich erkenne aber auch, was ich ihnen möglicherweise angetan habe, was mir vielleicht auch ganz verborgen war. Und ich erkenne, wie die Zuwendung, die wir zueinander hatten, ein Gleichnis für die Liebe Gottes ist, die sich uns allen dann ganz offenkundig darstellt.

Jesus ist immer noch aktuell. Selbst Menschen, die zur Theologie keinen richtigen Bezug haben, sind vom Menschen Jesus fasziniert. Wenn er heute wieder käme, wo würden Sie ihn am ehesten vermuten?
Ich würde ihn am ehesten dort vermuten, wo Menschen Sehnsucht danach haben, dass ihnen geholfen wird, dass sie ernst genommen werden. Ich würde ihn bei den Obdachlosen hier, in dieser Stadt, suchen und vermuten und um der Obdachlosen willen darauf hoffen, dass er da ist.

In der Kirchenleitung würden Sie ihn nicht sehen?
Dort würde ich ihn auch suchen. Es ist kein Zufall, dass wir jede Kirchenleitungssitzung damit beginnen, um seine Gegenwart zu bitten. Das muss man dann auch ganz wörtlich verstehen. Wenn wir uns im Gottesdienst um seinen Tisch versammeln, dann vertrauen wir darauf, dass er da ist. Wenn wir uns vorstellen, dass er käme, würde er um diese Orte keinen Bogen machen.

Es gibt Menschen, die sagen: Kirche nein, Glaube ja, Menschen, die den Glauben nicht in der Kirche finden wollen oder können. Was sagen Sie denen?
Zunächst möchte ich gerne dasjenige aufnehmen, was daran einen guten Sinn hat. Nämlich, wenn Menschen sagen: Glaube ja. Dann bejahen sie selbst und persönlich den Glauben. Hoffentlich wenigstens.
Und selbst wenn sie hinterher zur Kirche einen ganz großen Abstand nehmen, müssen sie doch ehrlicherweise zugeben, dass ihr Glaube aus der Glaubenserfahrung dieser Kirche lebt. Dann muss sich jeder die Frage stellen, ob er ein Recht darauf hat, das, was ihm anvertraut worden ist, für sich selbst aufzuzehren, oder ob er dazu bereit ist, Mitverantwortung dafür zu übernehmen, dass das weitergeht und auch in eine nächste Generation weitergetragen wird. Man muss sich auch fragen, ob ein Glaube, der sich gar nicht mehr erneuern und auch am Glauben anderer reiben und überprüfen muss, nicht allmählich, Schritt für Schritt, in ziemlich skurrile Sonderbarkeiten hineinführt. Und aus diesen ganz praktischen Gründen sage ich, die Kirche ist eine Verantwortungsgemeinschaft für die Weitergabe des Glaubens.
Aus diesem Grund muss die Antwort dann doch heißen: Glaube ja, Kirche ja.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich wünsche mir Zeit.

 

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