Chris Howland

alias Mister Pumpernickel

Chris Howland
Chris Howland im Gespräch mit Hanno Gerwin
Chris Howland im Gespräch mit Hanno Gerwin

Seit nahezu 60 Jahren moderiert er Radio- und Fernsehsendungen und darf als eine Art Urgestein der deutschen Moderatoren und Discjockeys bezeichnet werden. Chris Howland wurde 1928 in London geboren und hat Zeit seines Lebens den englischen Akzent zu seinem Markenzeichen gemacht. Als Mister Pumpernickel war er in den 60er Jahren Deutschlands Spaßmacher Nummer 1. „Dann hau ich mit dem Hämmerchen mein Sparschwein“ war einer seiner legendären Schallplattentitel, der noch vielen in Erinnerung sein dürfte. Auch als Schauspieler machte er sich einen Namen und wirkte in etlichen Filmen mit, so z.B. als kauziger Reisender in „Winnetou“. Unvergessen bleiben auch seine Radiosendung „Musik aus Studio B“ oder die Fernsehreihe „Vorsicht Kamera“.
Chris Howland ist heute noch aktiv und gut aufgelegt, und offensichtlich ein Kenner des schönen Geschlechts, denn als Jurymitglied bei den Miss Germany Wahlen im Europapark Rust bestimmte er unlängst mit, wer die schönste Frau Deutschlands werden sollte.

 

Chris Howland, Schönheit wird als sehr subjektiv empfunden. Trotzdem wird uns durch Werbung und Filmstars ein Schönheitsideal suggeriert. Was zählt für Sie zu einer schönen Frau?
Innerhalb der ersten Sekunden bekommt man vielleicht einen visuellen Eindruck, was jedoch nur eine Visitenkarte ist, mehr nicht. Innerhalb der ersten fünf Sekunden finden Millionen, Milliarden kleiner Impulse im Gehirn statt und schon ist das Resultat da. Das ist etwas Schönes - wie ein schönes Bild oder eine schöne Melodie, aber mehr nicht.

Wie wichtig ist für Sie Schönheit?
Schönheit ist schön, wie eine Blume an einem schönen Sonnentag. Aber das ist nur äußerlich und meistens nur visuell. Richtige Schönheit muss ein bisschen tiefer gehen, sie kommt von innen. Im Englischen sagen wir: Beauty is only skin deep. - Schönheit ist nur so tief wie die Haut. Alles was darunter ist, ist die richtige Schönheit.

Wenn Sie einen Menschen beurteilen sollen, was ist wichtiger als Schönheit?
Noch wichtiger ist seine Seele. Wenn jemand in der Lage ist, nicht nur sich selber zu sehen, sondern zu versuchen, andere zu verstehen, zu verzeihen, zu helfen, so sind das Leute, die sich darüber freuen, auf dieser Welt zu sein, die auch geben, nicht nur nehmen möchten. Das ist Schönheit und die kann in Gestalt eines Mannes, eine Frau, sogar eines Tieres sein.

Schönheit ist etwas sehr Vergängliches. Bedauern Sie das?
Nein, alles lässt nach, nicht nur die Schönheit. Vielleicht wird man weiser mit den Jahren. Die Schönheit wandelt sich in Weisheit. Äußere Schönheit ist für den ersten Blick. Gemischt mit der inneren Schönheit ist das wunderbar. Wenn sich die äußere Schönheit ändert, so muss das die innere unterstützen. Ich finde, alles sollte sehr ausgewogen sein. Wenn das eine vergeht, wird es hoffentlich kompensiert mit irgendetwas anderem.

Im Fernsehen und im Radio waren Sie immer sehr humorvoll. In den 60er-, 70er-Jahren waren Sie der Fernsehspaßmacher Nr. 1. Sind Sie auch weise geworden mit den Jahren?
Humor ist so wichtig. Wenn ein paar weise Leute etwas mehr Humor hätten, dann würden mir diese höchstwahrscheinlich besser zuhören. Humor stellt den Kontakt zu den Leuten her. Das können wir alle. Wir sollten viel, viel mehr lachen. Wir sollen mehr Witze miteinander machen, denn so kommt man sich näher. Daher bin ich weiser. Wenn ich nicht weiser geworden wäre, dann hätte ich mein Leben lang meine Augen verschlossen gehabt.

Kommt auch Erfahrung dazu?
Ja. Ich bin erfahrener. Ich weiß, welche Richtung ich nicht einschlagen sollte.

Welche Fehler haben Sie gemacht, als Sie jung waren?
Das ist ein Fehler, den ich immer wieder gemacht habe. Ich habe einfach immer zu schnell reagiert. Heute weiß ich, wenn man vor einer Mauer steht, muss man lernen umzudrehen und zurückzugehen. In meinem Alter versuche ich den sicheren Weg zu gehen.

Wovor haben Sie Angst?
Ich habe Angst vor den Menschen. Alles Schlimme, was in der Welt passiert, ist von Menschen gemacht. Nicht von Tieren.

Haben Sie Angst vor der Vergänglichkeit oder dem Tod?
Nicht mehr Angst als jeder. Der Tod ist so natürlich wie die Geburt. Wie alles, was im Leben passiert, hat auch der Tod eine ganz natürliche Funktion. Vor einem furchtbaren Tod mit Schmerzen habe ich Angst, aber nicht vor dem Tod an sich.

Es heißt, Sie wären Atheist. Wie sind Sie zu dieser Einstellung gekommen?
Ich habe eine sehr religiöse Kindheit gehabt, die aber nicht von meinen Eltern ausging. Meine Kindheit verbrachte ich in drei Internaten. Dort musste ich immer in die Kirche gehen und mit zwölf Jahren wollte ich sogar Priester werden. Ich liebe die englische Kirchenmusik. Sie ist fantastisch.

Besuchen Sie heute ab und zu noch Kirchen?
Nein. Ich gehe nicht in die Kirche, um zu tun, wofür die Kirche steht. Wenn ich in eine Kirche oder Kathedrale gehe, dann ist das aus reinem Interesse am Bau, oder weil ich zu einer Hochzeit geladen bin. Aus Glaubensüberzeugung jedoch nicht.

Wie kam Sie von dieser christlichen Erziehung und dem Wunsch Priester zu werden, dazu zu sagen, ich glaube das nicht mehr?
Das passierte während eines Gottesdienstes. Der Priester sagte: „Lasst uns Gott dafür danken, dass er den Krieg beendet hat!“ Ich dachte bei mir, sollen wir ihm auch dafür danken, dass er ihn begonnen hatte? Denn wenn er ihn beendet hatte, und wir mussten Dankeschön sagen, warum sollten wir dann nicht auch Dankeschön dafür sagen, dass er ihn begonnen hatte? Von diesem Moment an fing ich an zu überlegen.
Normalerweise rede ich nicht über den Glauben. Es ist eine große Ausnahme, dass ich es hier tue. Denn der Glauben ist eine so private Sache, wie ich finde. Es ist immer interessant, wenn zwei Leute das selbe glauben und man darüber diskutieren kann. Es ist aber auch interessant, wenn man verschiedene Meinungen hat. Man muss jedoch vorsichtig sein, denn Leute wie ich haben keine Religion. Mit anderen Worten: Wo findet man einen Papst für den Atheismus? Es gibt keinen. Wir sind alleine. Bei Diskussionen kommt man immer zunächst mal auf uns. Wir haben keine, die hinter uns stehen. Irgendwann werden wir wissen oder nicht wissen, wer recht gehabt hat. Ich werde es wohl nie wissen.

Vielleicht doch?
Das wäre ein wunderbares Geschenk. Die Religionen kommen überwiegend aus Nahost. Das war die Region, die außer China als erste einen sozialen Zusammenhang hatte.

Wie finden Sie die Zehn Gebote?
Wunderbar, ausgezeichnet! Ich glaube, ich halte die Zehn Gebote höchst wahrscheinlich viel besser ein als sehr viele Christen.

Warum ist Ihnen das wichtig?
Wenn wir zusammen in einer Gesellschaft leben wollen, dann müssen wir diese Regeln beachten oder sollten es zumindest versuchen. Bei den Zehn Geboten handelt es sich überwiegend um Verbote. Ich finde, es sollte außerdem zehn positive Gebote geben, die man machen muss, nicht weil man dies oder jenes nicht darf. Lachen, freundlich zueinandersein, solche Dinge. Kombiniert mit den Zehn Geboten wäre dies ein riesiger Erfolg.

Haben Sie die Kirche mit erhobenem Zeigefinger erlebt?
X-Mal! Ich sage manchmal freche Sachen und da kriege ich dann schon mal diesen Finger zu sehen. Zwei von meinen besten Freunden oder guten Freunden sind Priester. Einer ist Katholik, einer ist Protestant. Wir verstehen uns wunderbar. Wir diskutieren. Der Protestant hat mich gebeten, bei einem Gottesdienst über Atheismus zu sprechen. Das habe ich getan, und es war herrlich! Viele sind hinterher zu mir gekommen und wollten einen Abdruck meines Textes. Ich habe sie nicht versucht zu überreden, und die haben mich nicht versucht zu überreden. Das war ein schönes Erlebnis für mich. Und es zeigte mir, dass dieser Priester sehr clever war und ein korrekter Mensch.

Was sagen Sie zu einem Menschen wie Jesus?
Ich glaube, dass er gelebt hat. Man darf allerdings nicht vergessen, dass er nicht schreiben konnte. Die ersten Aufzeichnungen über ihn wurden ungefähr 60 Jahre nach seinem Tod geschrieben. Und in 60 Jahren - mein Gott! - da kann man sehr viel erfinden.

Paulus hat immer versucht sich auf das zu beziehen, was Jesus wusste, gehört und geglaubt hat.
Paulus war zunächst gegen die Christen gewesen. Später sah er dann, wie diese für ihren Glauben starben. Das hat ihm imponiert und er hat das Christentum studiert. Aber das war längst nach Christus Tod.
Ich glaube nicht, dass Jesus nur für den Frieden war. Warum brauchte man, als man ihn festnahm, so viele Soldaten? Er lief durch den Tempel mit der Peitsche in der Hand. Jesus war ein Revolutionär und wurde als solcher behandelt.
Außerdem frage ich mich: Warum ist der Papst kein Jude? Warum haben die Juden gar nichts mit den Christen zu tun? Es ist zu viel unverständlich.

Ist es nicht unverständlich, dass Jesus, der ja ein Jude war, von den Juden nicht als solcher erkannt wurde?
Manche behaupten, dass er tatsächlich von König David abstamme. Ich habe viele Bücher zu diesem Thema gelesen. Meines Erachtens wurde da so viel zusammengereimt. ich habe Respekt vor jedem, der glaubt. Aber für mich gibt es keine Beweise. Dass ein Mann namens Jesus Christus gelebt hat bestreite ich nicht.

Muss man denn Religion und Glauben beweisen können?
Man muss von innen das Gefühl haben. Sie haben mich gefragt, ob ich Angst vor dem Tod hätte. Viele haben Angst vor dem Tod. Darum ist es ein schönes Gefühl wenn man sagt, ich bin nur für eine gewisse Zeit hier und dann habe ich ein Leben im Paradies. Aber warum zeigt man dann so viel Traurigkeit, wenn einer stirbt? Die Christen sollten sich freuen, tun es aber nicht. Warum soll man dem Tod ausweichen, wenn es so schön ist, im Paradies? Die Angst vor dem Sterben steckt ganz tief in uns.

Vielleicht möchte man dem Tod nicht ausweichen, aber es ist doch auch sehr traurig, einen Menschen zu verlieren. Nicht, weil man denkt, dass es dem Verstorbenen jetzt schlecht ginge, sondern weil man ihn vermisst und gerne noch mit ihm zusammen wäre. Wie denken Sie darüber?
Es ist mehr als das. Die Leute wissen, dass man mit dem Tod nicht scherzt. Mit einem Wort: tot ist tot! Wenn wir in den Himmel kommen, was passiert mit den anderen Geschöpfen? Kommen Insekten, Hunde, Elefanten und Schlangen alle auch in den Himmel?

Warum nicht? Das kann ich mir durchaus vorstellen.
Ein bissiger Hund wird dann nicht mehr bissig sein und die Schlangen haben kein Gift mehr.

Ich stelle mir das vor, dass es eine andere Welt ist. Wir wissen nicht, wo wir herkommen und wir wissen auch nicht, wo wir hingehen. Ob man daran glaubt, ist in der Tat etwas, was man nicht durch Argumente weitergeben kann. Man Kann es nicht beweisen.
Ja, da haben Sie recht. Ich habe großen Respekt vor jedem, der glaubt. Ich kann nur hoffen, dass die, Sie recht haben.

Wenn Sie einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Da fallen mir ungefähr eine Million Dinge ein. Ich wünsche mir nicht, für immer und ewig zu leben, länger oder kürzer zu leben als meine Frau. Wenn die Leute später einmal auf mich zurückblicken, so wünsche ich mir, dass sie sagen: Er hat nie versucht, jemand anders weh zu tun.

 

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