Wim Wenders

den deutschen Starregisseur

Wim Wenders
Wim Wenders und Hanno Gerwin im Gespräch
Wim Wenders und Hanno Gerwin im Gespräch

Er ist der Star unter den deutschen Filmregisseuren.
Vor seinem inneren Auge entstehen genau jene Geschichten, die dann von den Kameras aufgezeichnet werden. Mit vielen Filmen wie z.B. "Paris, Texas", "Der Himmel über Berlin" oder "The Million Dollar Hotel" wurde der 1945 geborene Wim Wenders zum erfolgreichsten Filmemacher seiner Generation.
In schönen poetischen Bildern erzählt er harte Alltags-, aber auch zarte Liebesgeschichten, für die er unzählige Preise bekommen hat. Und dass Wim Wenders in einem frühen Leben mal Philosophie studiert und später sogar einen Ehrendoktor einer katholischen Fakultät erhalten hat, merkt man seinen Filmen in gewisser Weise an.

 

Wim Wenders, wie ist das für einen Regisseur: Sind zuerst die Bilder im Kopf und dann suchen Sie die Geschichte oder haben Sie eine Geschichte im Kopf und suchen reale Bilder?
Es bestimmt nicht nur der Kopf. Filme werden auch aus dem Bauch raus gemacht und mit den Augen. Ich bin jemand, der nicht so sehr Bilder erfindet, als vielmehr Bilder findet. Zum Beispiel das "Million Dollar Hotel", das gibt es in Downtown Los Angeles. Und ich habe mich von diesem Ort inspirieren lassen. Ich habe ihn so zeigen wollen wie er ist, aber auch gleichzeitig so schön wie möglich und poetisch wie möglich darstellen wollen. Die Filmgeschichte dagegen hat angefangen als eine Begeisterung für diese Figuren, die darin vorkommen. Diese Figuren waren der Grund, weshalb ich diesen Film machen wollte. Nicht so sehr die Geschichte.

Wenn Sie dann die einzelnen Einstellungen und Bilder vor Augen haben, wie bringen Sie dann das Team dazu, diese umzusetzen? Wie beeinflussen Sie die Menschen, mit denen Sie arbeiten?
Indem ich ihnen zeige, was ich haben möchte. Natürlich habe ich mich mit meinem Kameramann schon lange vorher zusammengesetzt. Dabei besprechen wir vor Ort die Einzelheiten. Wenn ich z.B. weiß: das würde ich gern von außen sehen, müssen wir draußen einen Kran bauen, damit wir durch dieses Fenster von außen reingucken kann. Da braucht ein einzelner Kameramann manchmal 20 Leute, um eine Einstellung so vom Licht her hinzukriegen, dass ich sie haben will.

Muss ein Regisseur im Grunde alles können? Kameramann sein, Techniker auch?
Das sind alles wichtige Sachen, von denen man eine Ahnung haben muss. Man muss vor allem ein Organisator sein. Als Regisseur bin ich auch eine Art Reisebüro. Man muss auch Psychologe sein. Man hat ja mit vielen Menschen zu tun, die mitunter nicht unbedingt alle miteinander können. Ich möchte gerne, dass jeder sein Bestes gibt. Die Schauspieler vor allem. Und um all diese Flöhe in einen Sack zu kriegen, so dass sie tatsächlich alle das Beste tun, muss man ein ganz raffinierter Psychologe sein.

Psychologische Methoden sind die Methoden Ihrer Wahl. Sie hauen nicht mit der Faust auf den Tisch?
Da kriegt man meist nicht das Beste raus, nein.

Der Film One Million Dollar Hotel, ich sage es mal: ein typischer Wim-Wenders-Film. Es kommen lauter Wim-Wenders-Typen vor. Ich meine damit Menschen, die durchsichtig sind für eine Wahrheit, die hinter ihrer Alltagsrealität steht. Da ist der Izzy, der ist tot. Der bestimmt aber den ganzen Film. Da ist er Tom-Tom, der ist eigentlich verrückt, aber er ist klüger und weiser als alle anderen. Da ist der harte selbstbeherrschte FBI-Mann Skinner, der in Wirklichkeit gefühlvoll und auch weich ist. Und die Prostituierte Eloise, die im Grunde so zart und durchscheinend ist wie eine Heilige. Warum ist Ihnen das so wichtig, diese Wahrheit oder Realität hinter der Alltagsrealität?
Gerade in Amerika werden viele Menschen sehr schnell klassifiziert, vor allem nach dem Erfolg. Die Erfolglosen, die Heimatlosen sind die Kaste der Ausgestoßenen. Und gerade in so einem Hotel gibt es ja viele Erfolglose, Gefallene. Dass diese Menschen, die da untergekrochen sind, trotzdem noch die ganze Schönheit haben, die alle Menschen haben sollen, das möchte ich zeigen.

Warum wollen Sie das zeigen? Geht es Ihnen um das Menschliche, um den wahren Menschen? Geht es Ihnen um Politik?
Nein, mir geht es um das Selbstwertgefühl, dass es keine Menschen gibt, die weniger wert sind als andere.

Es geht auch um Liebe. Was ist Liebe für Sie?
Für mich ist Liebe der wichtigste Lebensgrund, der wichtigste Sinngeber im Leben. Ohne Liebe wird aus keiner Arbeit etwas wertvolles finde ich. Man kann nur mit einer liebevollen Zuneigung, Menschen erreichen. Zynismus ist für mich das Gegenteil von Liebe. Er bringt manchmal Erfolgreiches zustande, aber nichts was in meinen Augen irgendwie etwas wert ist.

Wie kann man Liebe bewahren?
Das weiß ich nicht.

Haben Sie es noch nie versucht?
Sicher, aber wie man es kann? Man muss sich anstrengen.

Was kann man tun für Liebe?
Man muss nicht sagen, was kann man tun für Liebe, sondern was kann man aus Liebe tun, und vor allem dabei nicht erst mal dran denken, was kriege ich dabei. Ich glaube, Liebe ist vor allem ein Akt des Gebens.

Kann Liebe ewig halten? Also ein Menschenleben lang?
Ja sicher. Unbedingt! Klar.

Im Film One Million Dollar Hotel spielt die Hauptrolle eigentlich eine Person, die tot ist. Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Das weiß ich nicht so richtig. Ob ich das so ähnlich glaube wie Tom-Tom im Film. Tom-Tom ist ja auch ein sehr einfältiger und kindlicher Mensch.

Ist das hilfreich, wenn es um den Glauben oder die Vorstellung vom Leben nach dem Tod geht?
Wenn man sich nicht eine gewisse Kindlichkeit behält, wird kaum etwas glaubhaft im Leben. Also ohne eine gewisse Kindlichkeit, geht es in keinen Lebensfragen mehr um Glauben, sondern nur noch um Wissen. Und das ist natürlich ein sehr trockenes Gelände.

Was ist Glauben?
Glauben ist etwas so hoffen, dass es eine Art Gewissheit wird.

In Ihrem Film gibt es den Satz: Wenn alle an etwas glauben, dann wird es wahr. Bezieht sich das jetzt auf die Religion oder auf das Fernsehen?
Das bezieht sich in diesem Fall ganz spezifisch auf unsere Verrückten im Film, die der Welt ja ein Schauspiel bieten und die Welt zum Narren halten. Das bezieht sich da ganz spezifisch auf das Fernsehen. Wenn man denen das nur lang genug erzählt, dann wird es auch wahr.

Die Bibel spielt immer wieder in Anklängen in Ihren Filmen eine Rolle. Es gibt biblische Zitate, biblische Gestalten. Welche Rolle spielt die Bibel für Sie?
In meinem Leben ist es das wichtigste Buch.

Können Sie einen Satz sagen, der Ihnen besonders wichtig ist?
Am Anfang war das Wort.

Nicht das Bild.
Ja.

Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Glauben gemacht, persönlich?
Ich bin in einem sehr katholischen Elternhaus aufgewachsen, wollte auch in meiner Jugend durchaus mal Priester werden. Wie das dann so ist, in den Sechziger Jahren: Studentenunruhen. Da bin ich davon weggerückt. Weggerutscht, ohne meinen Glauben zu verlieren. Aber den Glauben an die Kirche als Organisation habe ich ziemlich gründlich verloren damals. Und wie das dann so ist als Jugendlicher, man macht alles mit, hier mit einem Mädchen Erfahrungen, Philosophie, der Sozialismus, der Buddhismus. Ich habe mich viel umgekuckt und bin eigentlich erst über den Tod meines Vaters - nach einem langen Umweg sozusagen - wieder dahin zurückgekehrt, wo ich mal angefangen habe. Ich habe gemerkt, das ich das nicht verloren hatte, sondern dass ich das im Innersten meines Herzens auch nie bestritten oder nie in Frage gestellt habe. Bin also auf einem langen Umweg wieder Christ geworden, obwohl ich es eigentlich nie nicht gewesen bin.

Und diese religiöse Botschaft, die ist auch in Ihren Filmen zu finden.
Ja, ich denke schon. Darüber würde ich mich freuen.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich brauche das nicht. Ich bin wunschlos glücklich.

 

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