Galileo

den Mann mit zwei Stimmen in einer Seele

Zwei Stimmen wohnen in seiner Seele. Galileo besitzt die weltweit einmalige Begabung mit einer Sopran- und einer Baritonstimme mit sich selbst im Duett singen zu können. Sein bürgerlicher Name ist Freddy Scholl und schon als kleiner Junge hat er auf einem gespendeten Klavier ohne Hilfe eines Musiklehrers zu spielen gelernt. Heute ist er ein Virtuose am Piano, spielt Jazz und Klassik und begleitet sich selbst, seine beiden so verschiedenen Stimmen. Seine Lebensgeschichte ist erstaunlich und mit seiner CD "Carpe Diem" hat Galileo einen unglaublichen Beweis seiner Sangeskunst vorgelegt.

 

Galileo, wann haben Sie zum ersten Mal beide Stimmen wahrgenommen und gemerkt, dass Sie eine Stimme mehr haben als die anderen Menschen?
Schon als Kind habe ich viel gesungen, natürlich auch in vielen Kinderchören. Meine Aufgabe war es, die höheren Töne zu singen. Als ich dann mit 13 in den Stimmbruch kam, habe ich gemerkt, dass meine Sprechstimme zwar ziemlich tief, meine hohe Sopranstimme jedoch überhaupt nicht beschädigt wurde. Das war das Phänomenale, zumal ich nicht in Punkto Oper ausgebildet bin. Das ist dann mein Credo gewesen, diese zwei Stimmen zu vervollständigen, zu trainieren. Und so singe ich mit mir selber im Duett.

Gibt es dafür eine medizinische Erklärung?
Ich habe längere Zeit in der Klinik gearbeitet, in der Anästhesie. Da könnte man vielleicht denken, ich hätte zu viel Haluthan geschluckt. Aber das ist es nicht. Nein, es gibt keine medizinische Erklärung. Man brauche eine absolut anatomische Voraussetzung des Stimmbandapparates. Und das habe ich natürlich.

Die Stimme ist auch Ausdruck der Persönlichkeit. D.h., so wie einer spricht, ob tief oder warm oder hoch und gequält oder gepresst, das ist immer auch ein Ausdruck der Persönlichkeit. Wie ist das bei Ihnen?
Ich würde mich immer auch ein bisschen als Kanal beschreiben. Ich bin musikalisch nicht ausgebildet und habe mir das Klavierspielen und den Gesang selber beigebracht. Damit besitze ich ein wunderschönes Talent. Es inspiriert mich, mich mit den faszinierenden Möglichkeiten der zwei Stimmen auseinander zu setzen und arbeiten zu können. Den Sopran bezeichne ich als Universum und den Bariton als Erde. In diesem Spannungsverhältnis kreiere ich dann auch meine Songs.

Das ist eine richtig religiöse Aufmachung. Das ganze Universum ist so genommen in Ihrer Person drin. Wie hängt das Universum mit Ihnen zusammen?
Im Religiösen sehe ich mich sehr stark angesiedelt. Ich bin ein sehr spiritueller Mensch. Und das hört man auch an der Musik, die ich geschrieben habe. Sie ist immer eine Mischung aus Klängen, die von der Klassik kommen und Klängen, die im Pop-, Soulbereich zu Hause sind. Aber genau diese Verschmelzung ist es, was so toll wirkt.

Spiritualität, was heißt das für Sie? Wie leben Sie diese im Alltag?
Als Junge bin ich christlich erzogen worden. Meine Kindheit war sehr eigenwillig. Diese unterschiedlichen Stimmungen beim Menschen zu ergründen, hat mich schon immer interessiert. Ich bin ein sehr gläubiger Mensch in dem Sinn, dass ich Zusammenhänge, die wir hier täglich spüren, auch unheimlich schnell in mir aufnehmen kann. Das sind immer auch Teile, die ich dann in meinem kreativen Schaffen verarbeite.

Wie stellen Sie sich eine Macht, eine Kraft oder eine Person wie Gott vor?
Wir Menschen hier, wir versuchen ja sehr viel in die Schöpfung reinzureden und durch die Technik zu verändern. Für mich gibt es jedoch eine ganz klare Philosophie und auch einen ganz klaren Satz, den ich schon immer bestätigt finde und gefühlt habe. Man kann in die Schöpfung nicht reinreden, denn Schöpfung lässt sich nicht aus den Angeln heben. Talente, wie wir sie geschenkt bekommen, haben ebenfalls mit der Schöpfung zu tun. Das sind ganz große Elemente, die den Menschen von der Technik unterscheiden, Elemente, die den Menschen immer noch als ein ganz besonderes Geschöpf ansehen.

So ist Gott für Sie also die Urkraft der Schöpfung. Bestimmt Gott aus Ihrer Sicht letztendlich auch die Maßstäbe?
Würde ich so sagen, ja.

Spielt das alltägliche Christentum für Sie ein Rolle? Beten Sie?
Mein Leben ist dadurch gekennzeichnet, dass ich mit Gott in Verbindung stehe, es aber in vielen Dingen sehr offen gestalte. Ich bin nicht derjenige, der mit erhobenem Zeigefinger auf Probleme aufmerksam machen möchte. Ich versuche es mit einem schönen Kontext und versuche Lösungen mit Menschen zu realisieren. Wenn Sie dann mit mir in Berührung kommen, wenn sie mit mir arbeiten, merken sie, dass dieses spirituelle Leben in mir wirkt und auch eine ganz große Rolle spielt.

Sie hatten eine sehr interessante Kindheit. Ihr Vater war amerikanischer GI. Sie haben ihn nie gesehen und er hat Sie nie gesehen. Ihre Mutter hat Sie sehr früh in ein Kinderheim gegeben. Das war doch im Grunde eine sehr schwierige Situation. Fehlen Ihnen die Wurzeln?
Ich denke, das ist ein ganz besonderes Thema. Man hat noch gar nicht so viel darüber nachgedacht, wie es denn diesen Besatzungskindern erging.
Ich bin 1953 geboren und mit zwei Jahren in ein Kinderheim gekommen. Meine Eltern kenne ich nicht, meine Mutter lediglich aus den Akten, die ich dann mit 21 Jahren einsehen durfte. Das ist schon richtig. Damals ist es nicht leicht gewesen, sich zu entwickeln. Es ist allemal eine ganz hoch interessante Geschichte, die ich momentan auch in einem Buch erzähle, worin ich meine Lebensgeschichte erzähle, die ich später gerne verfilmen möchte. Hinter dieser Geschichte steht eine Frau, der ich sehr viel zu verdanken habe. Und dieser Frau möchte ich - wie sagt man so schön - ein Denkmal setzen. Ohne sie wäre vieles nicht möglich gewesen.

Hat Sie die Funktion der Mutter für sie übernommen?
Sie hat uns als kleine Kinder auf einen wunderschönen Weg gebracht. Auch sie ist in einem christlichen Hause groß geworden. Sie lehrte uns, mit den unterschiedlichen menschlichen Stimmungen zu arbeiten.

Was ist die Besonderheit, die aus Ihrem außergewöhnlichen Schicksal für Ihr Leben hervorgegangen ist? Ist es ein Impuls oder eher ein Verlustgefühl?
Nein, im Gegenteil. Ich habe es sogar als Kraft gesehen, denn ich konnte mich in meiner Umgebung profilieren. Sehr früh habe ich mich auf meine Person konzentrieren müssen, was mich schon in früheren Jahren zu sehr interessanten Dingen gebracht hat. Ich habe damals zunächst meine Ausbildung zum Krankenpfleger gemacht und später in der Anästhesie gearbeitet. Diese vielen Menschen, mit denen ich schon in jungen Jahren Kontakt hatte, haben mich in meiner künstlerischen Entwicklung ziemlich geprägt.

Die CD „Carpe Diem“ haben Sie Ihrer Tochter gewidmet. Haben Sie noch mehr Kinder?
Nein, ich habe nur eine Tochter, die mit großer Liebe großgeworden ist. Auch das ist ein tolles Geschenk. Ich freue mich jeden Tag über meine Tochter. Sie ist übrigens auch sehr musikalisch, singt fantastisch und spielt Klavier. Ich habe vor, mit ihr ein paar Songs aufzunehmen. Uns freut es, wenn wir da ein bisschen was machen können.

Was war Ihnen bei der Erziehung Ihrer Tochter besonders wichtig? Welche Werte oder Ideale wollten Sie an Ihr Kind weitergeben?
Ich habe durch meine Erziehung und durch meine Pflegemutter all das mitbekommen, was der eigentliche Reichtum des Menschen ausmacht: Verständnis, auch Überzeugungskraft, sich selbst ernst zu nehmen, sich auch wie „Ich“ zu fühlen und die Dinge zu erkennen, die man in sich spürt und die man nach außen tragen soll. Meine Tochter habe ich in diesem Sinne erzogen. Sie ist fast schon in meine Fußstapfen getreten, denn sie macht derzeit eine Ausbildung als Krankenschwester. So bekommt auch sie in jungen Jahren unheimlich viele Dinge mit, was später ein riesiger Schatz für sie bedeutet, selbst wenn sie später nicht mehr in diesem Beruf arbeiten sollte.

Der Name „Galileo“ und der CD-Titel „Carpe Diem“ klingen sehr antik und sind auch mit der Historie verbunden. Wie kamen Sie darauf?
Es klingt zum einen antik, zum anderen aber auch abgespaced. Denn wer die Historie von Galileo aus dem 16. Jahrhundert kennt, der kennt auch diesen berühmten Satz „in pulsi more“, und sie bewegt sich doch, diese Erde! Er sollte dem Papst abschwören, weil er als Ketzer angeklagt worden ist. Ich habe die Geschichte Galileos gelesen und Parallelen entdeckt. Auch er hat über Konventionen hinweggedacht. Bei dieser Galileomusik ist das ebenso: Eine Verschmelzung zwischen Klassik und Soul Und dem Einsetzen beider Stimmen, was man so gar nicht kennt. So erweitere ich gleichzeitig auch meine Erlebnisräume in der Musik. Genau diese möchte ich möchte ich mit dem Projekt Galileo weitergeben.

Also ist es die musikalische Welt, die sich da ganz heftig bewegt.
Wovor haben Sie Angst? Kennen Sie das Gefühl?

Das ist eine sehr interessante Frage. In der Tiefe des Menschen gibt es Ängste. Man spürt, wie man das auslebt, z.B. wenn man in Gefahr gerät. Aber ich habe im Grunde überhaupt keine Angst. Bedingt durch meine Kindheit musste ich so viele Klippen umschiffen, dass ich das bis jetzt ganz gut ausbalancieren konnte. Ich wünsche mir natürlich, dass ich weiterhin gesundheitlich fit bleibe und dass Krankheit kein Angstpotential darstellen wird.

Wie stellen Sie sich ein Leben nach dem Tod vor?
Ich bin absolut spirituell, d.h. ich kann mir vieles vorstellen und weiß auch, dass es nach dem Leben weitergeht. In welcher Form wir uns da sehen, das wird immer noch das Geheimnis bleiben. Aber ich denke, dass ich, wenn ich irgendwann mal hier von der Erde gehe, in einer wunderbaren anderen Form weiter existieren werde.

Wenn Sie einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Man wird es mir vielleicht nicht abnehmen, aber ich bin wunschlos glücklich. Denn wenn man so ein Talent geschenkt bekommen hat, braucht man keine Wünsche. Den einzigen Wunsch, den ich habe, wäre der, den Menschen etwas zu hinterlassen, woran sie Freude haben.

 

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