Corinna Harfouch

die grenzenlos verwandlungsfähige Schauspielerin

Corinna Harfouch
Corinna Harfouch in der Rolle der intriganten Hexe Rabia
Corinna Harfouch im Gespräch mit Hanno Gerwin

Im Theater, auf der Leinwand und im Fernsehen ist sie eine der verwandlungsfähigsten Schauspielerinnen. Schon als Kind entdeckte die in Suhl geborene Corinna Harfouch ihre Liebe zu den Brettern, die die Welt bedeuten. Sie hat in mindestens 40 Filmen mitgespielt und bekam mehrfach den Kritikerpreis als beste Darstellerin, den Bayerischen Filmpreis und den Goldenen Löwen. Auf der Leinwand hat sie eine unglaubliche Bandbreite bewiesen: Von der Mutter über die Geliebte, bis hin zur Psychopathin. Zuletzt spielte Corinna Harfouch eine Hexe, die in dem Film „Bibi Blocksberg“ mit bösartigen Tricks und schwarzer Magie ein wahrhaft teuflisches Werk betreibt.

 

Corinna Harfouch, in dem Film "Bibi Blocksberg" spielen Sie die böse Hexe, die einzige wirklich attraktive Frau, den Vamp. Warum ist der tanzende Vamp, der eine ganz tolle Tanzszene hinlegt, eine böse Hexe? Muss das so sein?
Na ja, das Böse muss sich eben anstrengen, in der Welt ein bisschen existieren zu dürfen. In dieser Welt zumindest, in diesem Film. Die Hexe muss daher mehr können als andere.

Und dadurch auch einfach flotter daher kommen?
Dem Bösen zuzuschreiben, dass es schön sein will, finde ich gar nicht unklug. Denn dieses Schönseinwollen hat heutzutage - oder vielleicht schon immer - ganz viel damit zu tun, Macht gewinnen zu wollen. Über die Schönheit gibt es Statistiken, die besagen, dass die schönen Menschen erfolgreicher im Beruf sind, dass die es einfacher haben, dass sie leichter durch jede Tür kommen können als die andern. Und das hat auch eine böse Komponente.

Die Böse ist also die mächtige Intrigante, die wie ein Vamp daherkommt?
Sie ist nicht nur der Vamp. Zu Hause ist sie eine erschöpfte alte Frau, und das will sie nun mal nicht sein. Sie ist so alleine in ihrer Bosheit - die Ärmste! Da sie so böse ist, ist sie auch so einsam. Über die Schönheit will sie wahrscheinlich mit den andern kommunizieren.

Wie ist es Ihnen ergangen, die böse Frau spielen zu dürfen? Hat es Ihnen Spaß gemacht oder wären Sie lieber die gute Hexe gewesen?
Nein, das war ganz schwer. Es macht auch überhaupt keinen Spaß, böse zu sein. Es macht natürlich Spaß, in einem Film mitzuspielen. Es ist für mich ein unglaubliches Ereignis gewesen, diese Kostüme zu tragen. Die Kostümbildnerin ist wirklich eine Künstlerin. Schon allein die Kostümproben waren bereits ereignisreich, denn dort wurde mir die Rolle sozusagen auf den Leib geschneidert.

Sie haben eine völlig andere Figur in dem Film.
Absolut, ja. Das ist großartig, weil es einen frei macht. Erstens hat man nicht das Gefühl, dass man beim Filmdreh immer so schrecklich auf sich achtet, dass man in Wirklichkeit nicht so ist. Hier und da war man befreit von vielen Zwängen. Das war unter anderem das schönste an diesem Film.

Die ganze Geschichte ist ja ein Märchen.
Nein, sie spielt in der Realität.

Wo sehen Sie in dieser Geschichte die Realität? Märchen haben etwas Wahres oder sind vielleicht sogar Wahrheit?
Ich würde eher sagen, dass die Geschichte in der Realität stattfindet. Für Kinder existiert ja dergleichen tatsächlich, also in ihrer Phantasie. Dass sie sich mächtig oder gut fühlen, dass sie Kämpfe durchstehen in ihrer Phantasie, solches existiert in ihrer Wirklichkeit tatsächlich als Realität. Ist diese Welt endlich offen, so ist sie auch für Erwachsene geöffnet, z.B. durch einen Kinderfilm, damit der Erwachsene sieht, so ist die Welt bevölkert.
Es spielen noch ganz andere Dinge eine Rolle, wenn man mit Kinderaugen in die Welt schaut, was man immer mal wieder tun sollte. Es ist wie die Vertreibung aus dem Paradies, das man das als Erwachsener langsam verliert und die Wirklichkeit als real annimmt, mit ihr ringt und macht und tut, anstatt sich eine Wirklichkeit, eine eigene Wirklichkeit zu bewahren. Das ist jedoch unpraktisch im Erwachsenenleben und deshalb verliert man langsam das Paradies. Das finde ich ganz, ganz traurig.

Die Hexe kann alles gestalten. Sie hat unheimlich viel Freiheit im Vergleich zu den Nichthexen. Zu Beginn des Filmes wird ein - wie ich finde - wahrer Satz gesagt: Als was man geboren wird, das kann man sich nicht aussuchen. Die Hexe hat noch den größten Spielraum. Wie bewerten Sie einen solchen Satz? Sind Sie zufrieden mit dem, als was Sie geboren wurden?
Ich habe darüber noch nie nachgedacht, insofern scheine ich damit zufrieden zu sein. Man nimmt das dann an und macht etwas damit.

Wenn Sie real hexen könnten, irgendwie kommt man bei den Dreharbeiten vielleicht auch spaßeshalber darauf. Was würden Sie gern verändern? Wo würden Sie anfangen?
Bei mir wahrscheinlich. Ich würde verschiedene Sachen besser können, viel besser. Ich würde gerne alle Sprachen sprechen können. Und ich hätte gern ein wahnsinnig gutes Gedächtnis. Beides kann und habe ich nicht.

Im Film geht es um übernatürliche Kräfte.
Das ist alles eine Definitionsfrage. Übernatürlich Kräfte bedeuten, dass man etwas als natürlich einstuft. Es existieren Kräfte zwischen Himmel und Erde - ich würde sie nicht unnatürlich nennen - die sind eben da. Sie werden entweder geleugnet oder von bestimmten Menschen, besonders von Kindern, gesehen. Trotzdem sind sie da.

Was sind für Sie diese Kräfte? Alle wichtigen Dinge sind letztlich nicht sichtbar. Das kann also nicht das Kriterium sein. Was meinen Sie damit, wenn Sie sagen, solche Kräfte sind da, werden nur nicht von jedem wahrgenommen?
Ich möchte jetzt nicht spirituell werden. Das ist z.B. auch ein Wunsch, den ich habe, das möchte ich gerne noch werden. Aber wir stehen alle in einem großen Zusammenhang. Und deshalb können Menschen andere Menschen, die sie vielleicht gar nicht kennen und mit denen sie nichts zu tun haben, beeinflussen oder Kräfte aussenden, in Gang setzen, bzw. verhindern. Noch mehr können Menschen Menschen beeinflussen, wenn sie sich sehen und kennen und anfassen. Oder man kann Gedanken tatsächlich übertragen. Oder man kann Tote herbeirufen. Das kann man wirklich. Das ist eine Realität. Das ist wahr.

Haben Sie so etwas schon erlebt?
Ja.

Sie sagen, Sie würden gerne spirituell sein. Das wäre ein Wunsch, wenn Sie hexen könnten. Warum?
Ich glaube, dass man dann vielleicht weiser wird. Dass man sich nicht so unwahrscheinlich wichtig nimmt. Dass man die Welt in ihrer Komplexität besser begreift, auch akzeptiert. Dass man besser begreift, von diesem Kampf, in dem man sich immer befindet, abzulassen. Bei mir wird es langsam besser. Das hat etwas mit dem Alter zu tun. Ich empfinde es als eine unheimlich glückliche Entwicklung, nicht mehr diesen Kampf zu kämpfen, sondern dass man viel gelassener wird. Dadurch bekommt man viel größere Geschenke, in Verbindung mit Menschen.

Das Spirituelle hat immer auch etwas mit dem Jenseits zu tun. Wie stellen Sie sich das Jenseits vor? Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? Können Sie sich das vorstellen?
Nein, das glaube ich nicht. Das zu glauben, gelingt mir nicht so konkret. Ich meine, man ist geradewegs dazu verpflichtet, auf der Welt ein bisschen Energie aufzubauen und Energie zu verschenken und dafür zu sorgen, dass Energie bleibt, also das, was ich meinen Kindern gebe und was ich meiner unmittelbaren Umgebung gebe. Vielleicht was ich auch fremden Menschen geben kann. Wiederum bekomme ich aber auch etwas von meinen Kindern, von fremden Menschen und von anderen Leuten. Da bleibt etwas davon. Das ist die Nahrung der Menschheit, diese Energie, die da bleibt.

Ich denke, dass vielleicht gar nichts davon verloren geht. Denn wir sind in gewisser Weise Energie. Physiker haben herausgefunden, dass man nicht sagen kann, was Materie ist und was Materie nicht ist. Das ist alles Energie. Mit Leben nach dem Tod meine ich nicht, dass Sie als Corinna Harfouch 2, in welcher Form auch immer, wieder da sind. Dennoch sind Sie Energie. Können Sie sich das vorstellen?
Das ist meine feste Überzeugung, dass das so ist. Deshalb muss man sich im Leben entwickeln. Diese Energie muss eine reine sein. Das ist meine Vorstellung davon.

Das Leben also auch als eine Art Katalysator, der das hervorbringt?
Ja.

Im Film geht es um die Jugend. Die böse Hexe will die Formel dafür finden. Haben Sie Angst vor dem Alter?
Ich? Ein bisschen. Die Angst vor dem Alter besteht darin, dass ich dass ich vielleicht nicht mehr spielen oder nicht mehr kommunizieren kann, dass ich nicht mehr lesen kann. Davor habe ich große Angst. Oder dass ich eine Krankheit kriege, die mich die Dinge, die ich liebe, nicht mehr machen lassen. Auf der anderen Seite ist es dann so, dass man sich was einfallen lassen muss und sich auch etwas einfallen lässt. Man muss ja dann das ersetzen, was man verliert. Ich hoffe das einfach.

Man verliert etwas, aber man gewinnt auch etwas.
Ja.

Wenn Sie einmal einen Wunsch frei hätten, aber nur einer, nicht so wie bei der Hexe. Was würden Sie sich wünschen?
Das wechselt täglich etwas. Aber wenn Sie mich jetzt so fragen, würde mir als erstes einfallen, was ich mir wünsche, dass meine Mutter, die im Januar gestorben ist, wieder lebt. Und dass sie vielleicht noch ein bisschen ein glücklicheres Leben hätte als das, was sie gehabt hat. Das würde ich mir zutiefst wünschen.

 

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