Dr. Heiner Geißler

den engagierten Sozialpolitiker

Stark gemacht hat er sich in seiner Partei, der CDU, insbesondere für soziale Belange. Im Jahr 2002 gab der Bundesminister a. D. sein südpfälzisches Bundestagsmandat ab. Der passionierte Gleitschirmflieger und Bergsteiger Heiner Geißler ist seit 1992 Vorsitzender des Kuratoriums Sport und Natur und wurde im Jahr 2002 zum Vorsitzenden der Aktion Courage gewählt. Seit 2003 ist er Leiter des Politischen Clubs der Evangelischen Akademie Tutzing.

 

Als Sozialpolitiker sind Sie in der CDU immer etwas gegen den Strom geschwommen. Warum?
Meine Priorität galt immer den Menschen und dem Land und selbstverständlich auch den Grundsätzen meiner Partei. Man muß sicher immer Rücksicht nehmen auf die Personen, aber nicht umgekehrt.

Sind Sie ein moralischer Mensch?
Das weiß ich nicht. Ich bin der Auffassung, dass die Grundwerte einer Gesellschaft, wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, die Maßstäbe sind und verwirklicht werden müssen. Wenn ich dazu beitrage, dass eine Gesellschaft unfrei ist und ungerecht gestaltet wird, dann lade ich moralische Schuld auf mich. Dass Politiker Menschen sind, die Fehler machen, sogar Sünden begehen, das ist völlig unbestritten.

Haben Sie einen Fehler in der Politik gemacht, den Sie bereut haben?
Es geht weniger um die Frage, ob man ganz bewußt in der Politik eine falsche Entscheidung getroffen hat, sondern viel mehr darum, ob man zu wenig getan oder entschieden genug Widerstand geleistet hat. Ich hätte mich vielleicht noch mehr für die Menschenrechte einsetzen müssen, als ich es schon getan habe.

In der Politik ist es schwierig, Fehler einzugestehen, weil sie von Mehrheiten abhängig sind, weil sie ihre Stärken nach außen tragen müssen. Können Sie zu Fehlern stehen?
Ja, natürlich. Das ist mir selbst schon so gegangen. Ich habe mich in der Politik auch schon entschuldigt. Wenn man dazu nicht in der Lage ist, versagt man auch als Mensch in der Politik.

Zweifeln Sie manchmal am Sinn des Lebens?
Wenn man die Bilder von Auschwitz sieht oder sich noch einmal vergegenwärtigt, was in Jugoslawien passiert ist, das Abschlachten, das Vergewaltigen von Zehntausenden von Menschen, dann kann man schon nach dem Sinn des Lebens fragen. Ich gebe zu, daß ich manchmal ratlos bin. Wer behauptet, er hätte da eine unerschütterliche Auffassung, der täuscht sich selber.

Was machen Sie, wenn Sie zweifeln?
Ich überlege mir: Macht politische Arbeit einen Sinn oder nicht? Wenn ich auf mein bisheriges Leben zurückschaue, kann ich feststellen, dass mein Leben einen Sinn gehabt hat. Entscheidend ist, ob man anderen Menschen helfen und ihre Lebensbedingungen ändern konnte. Das ist mir durch das, was ich politisch gemacht habe, gelungen. Ich muß zugeben: Ich konnte in vielen Fällen auch nicht helfen.

Sind Sie ein konsequenter Mensch?
Man muß sich immer überlegen, wofür man die Arbeit macht. Für ein Klientel oder eine Clique kann ich als Mitglied der christlich-demokratischen Union keine Politik machen. Die CDU ist eine Volkspartei. Es gehört zu meinen Grundsätzen, dass ich mich an der Mehrheit der Interessen des Volkes, auch der kleine Leute, orientiere. Ich versuche, ein christliches Fundament, das christliche Menschenbild, in meiner Politik zu realisieren. Die Menschenwürde ist unteilbar, unabhängig, ob jung oder alt, Mann oder Frau, gesund oder krank ist und unabhängig davon, ob jemand Deutscher oder Ausländer, Jude oder Christ, Weißer oder Schwarzer ist. Diese Grundsätze muß man in der Politik immer wieder berücksichtigen. Die Meßlatte liegt sehr hoch. Aber trotzdem bin ich der Auffassung, dass man den Anspruch des christlichen Menschenbildes aufrechterhält, damit man sich bei allen politischen Entscheidungen daran misst.

Und wie stehen Sie selbst zur Religion?
Das ist keine einfache Frage, weil sie zusammenhängt mit der Frage nach Gott. Gibt es Gott nach Auschwitz? Das ist eine Frage der Abwägung. Die Gottesbeweise sind vielfach versucht worden. Hans Kühn, der große katholische Theologe, hat ein dickes Buch über die Gottesbeweise geschrieben. Aber auch wenn man das alles studiert hat, kommt man zu keinem ganz klaren Ergebnis. Es gibt viele Gründe gegen die Existenz Gottes, und es gibt viele Gründe für die Existenz Gottes. Ich bin der Auffassung, daß die Gründe für die Existenz Gottes trifftiger, zahlreicher, stärker sind.

Was glauben Sie selbst? Glauben Sie, dass es Gott gibt?
Ich glaube, dass es Gott gibt. Aber das ist nicht das Ergebnis eines Hurra-Patriotismus religiöser Art, sondern ein durchaus auch von vielen Zweifeln geprägtes Ergebnis. Die Sinnlosigkeit ohne Gott ist auch evident. Ich gehe auch in den Gottesdienst. Ich bete auch.

Sie sind durch und durch Politiker, und zwar einer mit Bodenhaftung. Ist dafür auch Ihr südpfälzischer Wahlkreis verantwortlich, in dem Sie die Menschen kennen und mit denen Sie in Kontakt bleiben?
Die Menschen spielen für mich deswegen eine große Rolle, weil es viele Menschen gibt, die Hilfe brauchen. Für die will ich da sein. Das fällt manchmal auch schwer, weil man so wenig Zeit hat.

Sie gelten als ein mutiger Mensch. Gibt es Dinge, die Ihnen Angst machen?
An sich nicht. Montagmorgen denke ich: Ach, wäre die Woche nur wieder vorbei - also zeitliche Belastungen. Das ist aber weniger Angst, sondern ist mehr Widerwillen. Daß ich Angst habe, ist ein seltener Zustand.

Worauf freuen Sie sich?
Aufs Skifahren oder aufs Sporttreiben. Darauf, dass in ein paar Tagen mein Sohn aus Boston kommt und ich mehr Zeit habe für meine Familie.

Die Familie spielt eine große Rolle für Sie?
Familie hat immer eine große Rolle für mich gespielt. Ich war immer das, was man einen \\\"Familienhammel\\\" genannt hat. Als die Kinder klein waren, habe ich mir immer viel Zeit für sie genommen. Ich war früh Minister, einer der jüngsten Minister, die es je gegeben hat. Ein Vorteil daran war, daß ich mir die Zeit immer selber einteilen konnte.

Herr Dr. Geißler, vielen Dank für das Gespräch.

 

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