René Weller

den ehemaligen Profiboxer und Playboy

René Weller
René Weller im Gespräch mit Hanno Gerwin
René Weller im Gespräch mit Hanno Gerwin

Er zählte zu den schillerndsten Figuren im deutschen Boxsport: René Weller, gebbürtiger Pforzheimer, war ehemals Boxweltmeister im Superfliegengewicht, Europameister und Deutscher Meister im Leichtgewicht. Das war 1984. Aufgrund seines playboyhaften Auftretens wurde er auch gerne der „schöne René“ genannt. Der gelernte Heizungsmonteur widmete sich in den 90er Jahren einer eigenen Goldschmuckkollektion. Dann kam er auf die schiefe Bahn und wurde 1999 wegen Rauschgiftdelikten und Waffenbesitz zu Gefängnis verurteilt. Im Januar 2003 wurde er wegen guter Führung vorzeitig entlassen.

 

René Weller, Sie haben ein sehr bewegtes Leben hinter sich. Es gibt kaum Menschen, die so viel erlebt haben wie Sie. Sie waren ganz oben und – im Hinblick auf die Zeit im Gefängnis – auch ganz unten.
Für viele ist man dann ganz unten. Aber im Gefängnis war es gut für mich sagen zu können, ein besseres Leben zu haben als viele zu Hause.

Aber es gibt doch auch für Sie Tiefpunkte und Höhepunkte.
Ja, das gibt's auch. Man kann alles negativ sehen und positiv. Ich versuche stets das Negative zum Positiven zu machen.

Das heißt, Sie lassen sich nie unterkriegen.
Nie! Ich lebe nach einem schönen Spruch: "Ich bin immer vorne, bin ich einmal hinten, dann ist hinten vorn."

Machen Sie sich dann nichts vor?
Man muss seinen Glauben haben.

Was hilft Ihnen? Wo nehmen Sie die Kraft her? Den meisten Menschen fällt es sehr schwer, immer positiv zu sehen.
Mir hilft meine Disziplin. „Disziplin“ ist das Zauberwort für alles auf dieser Welt. Und wenn man sie beherrscht, kommt man mit allem klar.

Wie hat Ihnen im Gefängnis die Disziplin geholfen? Das haben Sie sich so nicht vorgestellt.
Genau. Vor allem, wenn man so freiheitsliebend ist wie ich! Ich bin immer nur unterwegs. Selten, dass ich mehr als drei Tage an einem Platz schlafe. Ich wurde verhaftet und kam in eine Zelle, die drei Meter breit und sechs Meter lang war. Ein kleines Ding mit einem Stuhl, einem Tisch und einem Bett. Ich stand da und dachte: ‚Du träumst, du musst jetzt aufwachen! Das kann doch nicht sein!' Das dauerte vielleicht 14 Tage, bis ich merkte, dass es kein Traum war. Es war die pure Wahrheit. Das war ein echtes Scheißgefühl, da drin zu sein. Ich wusste, dass ich mir andere Prioritäten setzen musste, dass ich mir irgendwelche Aufgaben stellen musste, um nicht unterzugehen.

Inwiefern haben Sie sich im Gefängnis verändert?
Überhaupt nicht. Ich habe mich doch gekannt. Wer kennt mich besser als ich selbst? Ich mache mir nichts vor und weiß, wer ich bin, was ich kann und wie ich mich verhalte. Ich weiß, ich bin ein sehr positiver Mensch.

Haben Sie sich irgendwann Vorwürfe gemacht?
Überhaupt nicht. Ich bin nur hintergangen worden. Ich kann das nicht verstehen. Ich habe mein Lebtag nicht mit Drogen gehandelt. Das weiß jeder, der mich kennt. Meine Freunde haben mir geschrieben und da stehe ich heute noch dazu. Es gibt keinen Menschen, der mich jemals mit Drogen gesehen hat.

Was muss man als Boxer können, was andere vielleicht nicht so gut können? Muss man aggressiv sein?
Überhaupt nicht. Als Boxer müssen Sie ein ganz, ganz großes Herz haben. Das heißt sehr viel Mut haben, stark sein und über eine gute Kondition und gute Reflexe verfügen.

Und einstecken können!
Ja das sollte man schon. Aber es ist besser, keine zu kriegen.

Wovor haben Sie Angst? Kennen Sie das Gefühl?
Ich habe vor nichts Angst, auch nicht vor dem Zahnarzt.

Haben Sie Angst vor dem Tod oder dem Sterben?
Mit dem Tod beschäftige ich mich nicht. Aber den Tod finde ich nicht gut. Ich denke, dass man vor dem Tod Respekt haben sollte.
Beim Sterben kommt darauf an, wie man stirbt. Wenn man sehr alt wird, kommt eine Zeit, in der man sich vielleicht freut, zu sterben. Momentan aber ist das Leben so schön. Ich will nicht sterben.

Stichwort Alter. Haben Sie davor Angst?
Es kommt darauf an, wie man alt wird. Auf die Gene kommt es an. Meine Mutter lief noch vor einem Jahr Marathon.

Dann ist sie Ihr Vorbild?
Sie ist noch disziplinierter als ich. Solange ich denken kann, stand meine Mutti morgens um fünf Uhr auf und macht erst mal eine halbe Stunde Gymnastik auf dem Balkon, auch im Winter.

Können Sie sich ein Leben nach dem Tod vorstellen?
Nein, aber ein Leben vor dem Tod. Das ist viel wichtiger. Es ist sehr wichtig, dass ich hier ein schönes Leben habe. Was danach kommt, weiß ich nicht. Egal was kommt, ich komme damit mindestens genau so klar wie andere Menschen. Und es muss weitergehen. Ich bin sehr gläubig.

Was heißt für Sie „sehr gläubig“?
Ich wurde sehr christlich erzogen. Meine Mutter hat von klein auf mit mir gebetet. Es wird für viele verwunderlich sein, dass ich heute noch jeden Tag bete. Es gibt keinen Tag im Jahr, an dem ich nicht bete.

Bedanken Sie sich für Ihr Glück?
Ja, ich bedanke mich auch. Ich bete nicht die üblichen Gebete, die man kennt. Ich spreche mit Gott und bedanke mich für den Tag, den ich hatte und dass er schön war.

Beten Sie auch vor dem Boxkampf?
Ich bete jeden Tag, aber nicht direkt vor dem Boxkampf. Das kommt in mein Abendgebet. Aus diesem Grund glaube ich ernsthaft, dass ich so gut geworden bin und meine Kämpfe alle gewonnen habe.

Gibt Ihnen der Glaube Rückhalt oder Kraft, so positiv ins Leben zu schauen?
Ich glaube, ja.

Was bedeutet Ihnen Jesus? Er war eine sehr friedliebende Person?
Friedliebend war er. Ich denke, so eine Person wie Jesus muss es für jeden geben, damit man einfach auch an Recht und Ordnung glauben kann. Menschen, die an gar nichts glauben, ist auch die Gesundheit eines anderen nicht wichtig.

Von Jesus stammt der Satz: „Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, halte auch die linke hin.“
Ich bin auf einer Klosterschule gewesen. Dort lehrte man mich: Geben ist seliger, denn nehmen. Aufgrund dessen habe ich geboxt. Wenn mich einer auf die Rechte Schlägt, ihm auch noch die Linke hinzuhalten, finde ich nicht so gut. Ich ziehe den Kopf lieber weg.

Das wäre also kein Prinzip nach dem man boxen sollte.
Nein, auf keinen Fall. Aber nach dem Prinzip „geben ist seliger, denn nehmen“ kann man schon boxen.

“Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ – Wie finden Sie diesen Satz?
Das ist schwer, man soll es versuchen. Ich vermute, dass kein Mensch seinen Nächsten so lieben kann, wie sich selbst.

Finden Sie es ideal und sinnvoll, nach diesem Grundsatz zu leben? Er beinhaltet auch, sich auch um andere Menschen zu kümmern.
Ja, das finde ich sehr sinnvoll. Es gibt Menschen, von denen ich weiß, es lohnt sich, oder es lohnt sich nicht. Ich habe schon ganz viele Menschen auf gute Wege gebracht. Aber es gibt Menschen, da vergeudet man sein Talent.

Was halten Sie von den Zehn Geboten?
Die Zehn Gebote sind gut. Es ist sehr wichtig, dass wir die haben. Es halten sich aber nur wenige Menschen dran.

Wie ist es mit Ihnen?
Ich halte mich an die einige der Gebote, aber an einige auch nicht.

An welche halten Sie sich nicht?
Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib. Es kann passieren, dass ich ein Mädel sehe und die hat einen Mann. Ich kenne den Mann aber gar nicht. Wenn ich sie begehre, ist es ein Verstoß gegen unsere Bibel.

Ich glaube, so ist es ja nicht gemeint. Es geht mehr um den Tenor. Es geht darum, den anderen zu achten.
Das tue ich auf jeden Fall. Ich denke aber, was viele vielleicht nicht glauben werden, dass ich bestimmt viel gläubiger bin als viele, die jeden Tag in die Kirche rennen, damit sie gesehen werden.

Wie ist das im Gefängnis? Denkt man dort mehr über solche Dinge nach?
Überhaupt nicht. Meine Gedanken sind die gleichen geblieben. Im Gefängnis habe ich allerdings angefangen zu schreiben. Ich habe Gedichte über das Gefängnis geschrieben. Eines meiner Gedichte handelt davon, wie es im Gefängnis war:

Nur Verbrecher sind im Gefängnis,
sagen die Leute.
Das ist falsch,
das weiß ich heute.
Hier gibt's die schlimmsten Kreaturen,
doch auch viele Frohnaturen.
Fast alle Gefangenen sagen dir:
Scheiße, ich bin schuldlos hier!

[...]

Sieben Quadratmeter ist meine Zelle klein,
mein Bad zu Hause dürfte dreimal größer sein.
Eine Stunde darf ich ja so selten gehen,
nicht menschenwürdig,
kaum zu verstehen.
Was ich Ihnen jetzt sage,
kommt mir leicht aus dem Mund:
So hält man in Deutschland keinen Hund!
Nie habe ich es vergessen,
ich bin hier kein Gast,
man hält mich für einen Kriminellen,
ich bin im Knast.

Die beste Schule ist dieses Leben,
also ist die Zeit hier drin auch nicht vergebens.
Eine kalte Cola,
ganz banale Dinge,
sind wertvoller als goldene Ringe.
Plötzlich wird dir klar,
wie schön doch die Freiheit war.
Meine Tochter schrieb mir:
Hallo Papi, bist du jetzt ein Knacki?
Es macht mir keine Freude,
doch das sagen von dir die anderen Leute.
Für jeden ist es umstritten,
seine Familie hat viel mehr gelitten.
Am Ende will ich so verbleiben,
für mich wird diese Geschichte einmalig bleiben.


Gibt es Freundschaft im Gefängnis?
Ja.

Ist Ihnen Freundschaft wichtig?
Superwichtig!

Sind Sie ein guter Freund, wenn ein anderer Sie wirklich braucht?
Ich bin der beste Freund. Ich bin aber auch der schlimmste Feind.

Wenn sie ein Bild malen müssten, auf dem Gott dargestellt sein sollte, was würden Sie malen?
Ich würde ihn auf einem Berg malen, groß, leuchtend.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich würde mir für mich und meine Familie Gesundheit wünschen und dass es keine Kriege mehr gäbe.

 

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