Guido Wolf

Präsident des Landtags von Baden-Württemberg

Guido Wolf - Mitglied des Landtags für den Wahlkreis Tuttlingen/Donaueschingen, Mitglied der CDU, wurde Ende Oktober 2011 zum Landtagspräsidenten gewählt. Davor war der studierte Jurist erster Bürgermeister in Nürtingen, dann Landrat im Landkreis Tuttlingen in Oberschwaben. Bürgerschaftliches Engagement liegt Guido Wolf schon seit dieser Zeit sehr am Herzen. Auch die Familie, denn die Förderung der Familie und der Gerechtigkeit zwischen den Generationen, ist ihm ebenso ein Anliegen.

 

Haben Sie eine gewisse Werteorientierung bei den Dingen, die Ihnen wichtig sind. Fangen wir bei der Familie an, die Großmutter, die Eltern, Kinder oder Enkel, was kann man tun, um diese zusammenzubringen, denn man hat schon den Eindruck, dass sie nicht immer die gleiche Sprache sprechen?
Das beginnt damit, das wir Politiker nicht immer nur zielgruppenorientiert sprechen, dass wir in all unseren Veranstaltungen nicht immer nur einzelne Zielgruppen ins Visier nehmen, sondern auch wieder verstärkt dazu übergehen, unsere politischen Themen generationenübergreifend in Angriff zu nehmen. Überhaupt - das alles überragende Thema der demokratischen Entwicklung, das uns aktuell berührt und fördert, ist für mich ein klassisches Thema, bei dem es darum geht, alle Generationen miteinander zu verbinden. Es ist für die Oma in gleicher Weise wichtig zu wissen, wie sich die Entwicklung von Kinderbetreuungsplätzen im Land gestaltet, wie es für den jungen Menschen wertvoll ist zu erfahren, wie menschenwürdiges Wohnen im Alter aussieht. Alles gehört zusammen und deswegen müssen wir die Generationen noch stärker zusammenführen.

Wie ist Ihre eigene Familienerfahrung, was haben Sie aus Ihrer Familie mitgenommen? Was haben Ihnen Ihre Eltern Wichtiges mitgegeben?
Mal davon abgesehen, dass meine Mutter immer zu mir gesagt hat: “Du darfst alles werden, nur nicht Politiker“, und ich dem dann nachgewiesenermaßen nicht gefolgt bin, habe ich von meinen Eltern schon eine gewisse Verankerung in Werten - ein Wertegerüst - mit auf den Weg bekommen. Das heißt, dass man sich der Verantwortung bewusst ist über das, was man tut. Das man nicht nur in den Tag hinein lebt, sondern auch darüber nachdenkt, dass das, was ich heute tue, morgen, übermorgen und mit den Jahren etwas auslöst. Ich glaube, gerade für einen Politiker, ist das ein hohes Gut. Ich habe von meinen Eltern gelernt, dass man keinem anderen etwas zumuten soll, was man selber nicht haben möchte.

Sie kommen aus dem stark katholisch geprägten Oberschwaben, wo die Religion eigentlich allgegenwertig ist. Überall findet man einen kleinen Marienaltar oder eine Statue. Man kann eigentlich nicht über das Land gehen, ohne nicht mit der Religion konfrontiert zu sein, was ja auch sehr schön sein kann. Welche Rolle hat das bei Ihnen zuhause gespielt?
Wir Oberschwaben zeigen unseren Glauben. Wir sind nicht heimlich fromm, wir sind nicht „hälinge fromm“ wie wir zu sagen pflegen, sondern wir zeigen unseren Glauben. Er war in unserer Familie immer etwas sehr Wichtiges, etwas Tragendes, aber nicht im Sinne von Frömmelei. Meine Mutter war sehr kritisch, was die Kirche anging und sie hat es auch zugelassen, das wir in der Familie kritisch darüber diskutieren. Aber im Grundsatz habe ich eine sehr religiöse Erziehung genossen und das war uns wertvoll. Ich war von frühen Kindesbeinen an Ministrant der großen Basilika in Weingarten. Heute ist er leider kein Ort mehr einer klösterlichen Gemeinschaft, aber die Basilika ist immer noch da. Da ist der jährliche Blutfreitag, an dem ich seit vielen Jahren mitreite. Das sind Erlebnisse, das sind Meilensteine im Leben eines katholischen Oberschwaben, die prägen und die einem auch immer wieder die Chance geben, sich und das eigene Leben zu hinterfragen und den Sinn des Lebens in den Vordergrund zu stellen.

Muss man Religion erleben können? So wie Sie das sagen, kann ich mir das schon vorstellen. Sie reiten mit und das ist auch ihr Hobby. Der Blutritt, der ja nun wirklich weit über die Grenzen Oberschwabens hinaus bekannt ist, das ist ja noch einmal eine ganz andere Form von „Religion erleben“.
Ich glaube schon, dass das dazugehört. Natürlich kann jeder für sich, durch den Spaziergang durch den Wald, durch die Natur, Religion erleben, sich selber Glaubensfragen stellen, aber zumindest für mich gehört zur Religion dazu, eine Gemeinschaft zu erleben, an einer großen Prozession teilzunehmen, wo man plötzlich das Gefühl hat, das Tausende von Menschen gleich empfinden - wo man dieses Gefühl hat, wie wenn einem der Schauer über den Rücken läuft. Das sind dann solche Momente, wo man spürt, dass etwas in einem passiert, dass etwas in einem vorgeht. Deswegen gehört auch erlebte und gelebte Gemeinschaft zum religiösen Leben.

Gibt es bestimmte Geschichten, Sätze oder Verse in der Bibel, die ihnen besonders wichtig sind?
Ich habe mich nie an einzelnen Sätzen oder Zitaten orientiert, weil mir das auch häufig sehr künstlich vorkam. Es ist die Summe der Botschaft aus der Bibel, die Halt gibt im Leben und die eigentlich in jeder Situation auch einen Ausweg bietet. So habe ich das auch in meinem bisherigen Leben für mich erleben dürfen und dafür bin ich auch sehr dankbar.

Halten sie die Zehn Gebote für aktuell?
Die Zehn Gebote sind sicherlich unverändert aktuell, auch wenn sie vielleicht immer wieder aus der Entwicklung der Gesellschaft heraus neu definiert werden müssen, aber im Grundsatz ist die Einhaltung der Zehn Gebote notwendig für ein geregeltes, ein menschliches Zusammenleben in der Gesellschaft.

Kann man mit der Bibel, mit den Zehn Geboten oder mit der Bergpredigt Politik machen?
Natürlich kann man damit Politik machen, wobei Politik manchmal noch mehr erfordert. Sich ausschließlich auf die Zehn Gebote oder auf die Bergpredigt zu berufen, ist ein ganz wesentlicher und wichtiger Schritt, aber Politik muss sich darüber hinaus natürlich auch an gesellschaftlichen Möglichkeiten orientieren. Adenauer hat es ja einmal gesagt: „Wir müssen die Menschen so nehmen, wie sie sind, andere haben wir nicht und deswegen ist der Rückzug auf Ideale, wie sie sich aus der Bibel ergeben, notwendig und richtig, aber Politik muss natürlich noch einen Schritt weiter gehen, muss sich letztlich an dem orientieren, wie sich Gesellschaft heute abbildet.

Es gibt ja Leute, die sagen: „Mit der Bibel kann man keine Politik machen, das ist sozusagen eine Herzenssache und Politik ist ein Geschäft“. Was würden Sie sagen?
Die Bibel vermittelt uns Werte und wir Politiker sind immer gut beraten, unsere Politik auch auf solchen Werten aufzubauen. Die menschlichen Abstriche kommen von selbst, aber sich als Politiker bewusst zu sein, dass man Verantwortung hat und das man diese Verantwortung eben auch in Wahrnehmung und unter Berufung auf diese Werte ausübt, das finde ich schon notwendig und wichtig.

Einen wichtigen Wert haben Sie ja schon zu Beginn genannt, Einen, der auch in Ihrem Elternhaus eine wichtige Rolle gespielt hat „Was du nicht willst, dass man dir tut, das füg auch keinem andern zu“ oder wie die Bibel sagt „es geht um die Nächstenliebe, man soll den anderen so sehr lieben, wie man sich selbst liebt“. Welche Regeln gäbe es noch, die Sie einem Politiker gerne ins Stammbuch schreiben würden?
Verlässlichkeit- etwas was ich häufig bei den Menschen auch kritisch rückgespiegelt bekomme. Dass man den Eindruck hat „ihr Politiker entscheidet tagespolitisch mit Blick auf Demoskopie, aber ihr habt keinen Plan, ihr seid nicht verlässlich“. Der zweite Punkt ist sicherlich die Nachhaltigkeit und die Notwendigkeit dieser Schöpfung auch den Raum zu geben, den sie braucht, das sehe ich auch kritisch in meiner eigenen Partei. Im Grunde ist die Bewahrung der Schöpfung ein konservatives Thema, und wenn ich die letzten Jahre und Jahrzehnte betrachte, dann muss ich selbst kritisch einräumen, das wir vielleicht bisweilen den rein ökonomischen Entwicklungen höhere Bedeutung beigemessen haben als den Fragen „wie bewahren wir unsere Schöpfung auf Dauer?“. Da sehe ich insbesondere auch für meine eigene Partei - der CDU, einen gewissen Nachholbedarf.

Wenn Sie einmal einen Einzigen Wunsch freihätten. Sie dürften sich wünschen, was Sie wollen, was wäre das?
Ich möchte, dass alle Kinder in diesem Land gleiche Chancen haben und mit einem solchen gerechten Start, jeder für sich eine echte, gute Lebensperspektive bekommt. Das wäre mir ganz, ganz wichtig.

 

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