Walter Spindler

Generalmajor des Eurokorps in Straßburg

Generalmajor Walter Spindler hat eine militärische Karriere absolviert und schon einige Entbehrungen auf sich genommen. Dabei stand er bereits vor schwierigen Entscheidungen. Er ist der Stellvertretende Kommandeur des Eurocorps in Straßburg. Von hier aus wird der multinationale Afghanistaneinsatz des Eurocorps koordiniert. Als erfahrener Berufssoldat war Walter Spindler selbst auch bereits in Afghanistan. Er weiß, mit welchen Eindrücken und Bildern die Soldaten zurückkehren.

 

Herr Generalmajor, von Straßburg aus, im Zentrum Europas, starten Ihre Soldaten nach Afghanistan. Nach allem, was wir zivilen Menschen wahrnehmen, ist das eine schwere Mission, die tödlich enden kann. Wie ist die Gefühlslage von Soldaten, die sich auf so etwas einlassen?
Da müssten Sie jeden einzelnen Soldaten fragen. Ich könnte mir vorstellen, dass in jedem etwas anderes vorgeht. Das hängt natürlich von dem privaten Umfeld ab. Einer der Kinder und eine Ehefrau hat, wird mit einer anderen Gefühlslage starten, als jemand ohne irgendeine Bindung – der keine Freundin hat, vielleicht Eltern, die noch leben, aber ansonsten keine Bindung.

Aber Angst wird doch auf jeden Fall dabei sein?
Es wird Angst dabei sein, es wird Furcht dabei sein, weil jeder ganz genau weiß, dass unsere Einsätze natürlich mit einer Gefährdung ihres eigenen Lebens verbunden sind.

Lassen die Soldaten sich das anmerken? Sprechen sie im Vorfeld darüber, wenn sie auf den Einsatz vorbereitet werden?
Ich glaube, es tut jeder Soldat gut daran, dieses Thema mit der eigenen Ehefrau, auch mit den Eltern, vorher zu besprechen, um Vorsorge zu treffen für den Fall, dass etwas passiert.

Müssen die Soldaten ein Testament schreiben?
Sie sollten. Wir leiten sie an und empfehlen ihnen ein Testament zu schreiben. Ob sie es dann wirklich tun, ist ihre eigene Angelegenheit.

Es handelt sich in der Regel um jüngere Leute, die sich im zivilen Leben nicht mit dem Thema Tod und Sterben beschäftigen - nach dem Motto „das hat ja noch viel Zeit“. Verändert das die Menschen?
Sie werden nachdenklicher. Sie werden nachdenklicher, wenn wir ihnen in der individuellen Vorbereitung die Möglichkeit geben mit einem Pfarrer, mit dem Sozialdienst, mit den Psychologen oder auch mit einem Arzt über das zu sprechen, was auf einen zukommen könnte. Denn Verletzungen müssen nicht zwingend immer nur äußerlich sein. Wir sehen auch seelische Verletzungen, die einige Kameraden in einem größeren Umfang sogar immer wieder erleben und erleiden müssen. Darauf muss man sie vorbereiten. Dann werden sie nachdenklicher. Die einen können das besser verstecken und auch wegstecken. Die anderen werden sehr nachdenklich darüber.

Wie ist das bei Ihnen selbst? Sie sind auch immer wieder in dieser Situation gewesen. Vielleicht erinnern Sie sich an Ihren ersten Einsatz, bei dem es um Leben und Tod ging. Was hat das bei Ihnen verändert oder ausgelöst?
Man schätzt den Wert des Lebens höher ein, als man ihn vielleicht vorher eingeschätzt hat, weil man bewusster lebt. Ich hatte mich damals wie jeder andere auch von meinen vier Kindern und meiner Frau für den Einsatz verabschiedet. Wir hatten unser Testament gemacht und wir hatten auch für alle Notfälle, wirklich alles planmäßig durchgespielt. Wenn Sie dann in den Einsatz gehen und sich verabschiedet haben, dann werden Sie kaum mehr darüber nachdenken, weil sie im Grunde von der ersten Minute an im Einsatz sind und durch die Aufgaben, die Sie dort wahrzunehmen müssen, ein wenig von den Gedanken abgelenkt sind, was passieren könnte. Ich glaube es ist, ich überzeichne jetzt einmal ein bisschen, so wie bei einem Rennfahrer. Ich glaube, in dem Augenblick, in dem er ins Auto einsteigt und dann die Strecke fährt, denkt er nicht über den Tod nach.

Das kann man sich gut vorstellen, aber es gibt die lange Zeit davor, wie etwa bei einer Operation. Wenn man dann tatsächlich in dem Prozess ist und man zurückkommt und Bilder verarbeiten muss, die man so noch nicht gesehen hat, ist es vielleicht wieder anders. Der Volksmund sagt: „Not und Angst lehrt beten“. Was macht dieser Prozess,  den wenige Menschen in unserer Gesellschaft erleben, im Hinblick auf Religion, mit diesen Menschen?
Wir begleiten mit Militärpfarrern alle Konfessionen in den Einsätzen. Wir haben eine erstaunliche Erscheinung. Bei den Gottesdiensten sind viel mehr Soldaten, auch im Andachts- bzw. Gebetsraum, als normalerweise bei den Gottesdiensten anzutreffen sind. Das zeigt mir zumindest, dass man in Grenzsituationen vielleicht doch noch einmal über die begrenzte Zeit des menschlichen Lebens nachdenkt und sich sagt: „es gibt mehr als nur das, was ich anfassen kann und sprechen kann“.

Wie ist das für Sie persönlich? Welche Rolle spielt Glauben für Sie selbst als Soldat?
Ich glaube. Der Glaube gibt mir Richtschnur und Kraft für all das, was ich täglich tue.

Gibt es Konflikte oder Auseinandersetzungen im Hinblick auf das Geschäft der Verteidigung, das mit dem Töten des Gegners verbunden sein kann? Sie müssen den Gegner im Zweifelsfall töten und ich könnte mir vorstellen, dass das etwas ist, was jedem Menschen schwerfällt. Wenn man das im Spiegel des Glaubens noch mal reflektiert, was fällt einem dann dazu ein?
Ich versuche sehr wohl, tagtäglich nach den 10 Geboten zu leben. Wenn Sie das fünfte Gebot ansprechen „du sollt nicht töten“, dann interpretiere ich dieses Verb vielleicht etwas anders. „Du sollt nicht morden“, so sehe ich das fünfte Gebot. Wenn aber Schutzbefohlene von mir in Lebensgefahr geraten und das die einzige Möglichkeit ist, diesen Schutzbefohlenen das Leben zu retten, das ein anderer nehmen will, dann muss ich auch bereit sein zu töten, nicht zu morden.

Das ist eine ganz klare Definition.
Ich bin glücklicherweise noch nicht in diese Konfliktsituation gekommen.

Aber das könnte jeden Tag geschehen. In Afghanistan sind viele Kameraden in dieser Situation und müssen von der Schusswaffe Gebrauch machen. Letztlich geht es darum. Sprechen Sie mit den Soldaten darüber? Gibt es Konflikte, die genau in dieser Situation aufbrechen?
Es gibt immer einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis. Wenn man vor dem Feind steht oder aus der Notwehrsituation handeln muss, ist es eine andere Situation, als die vorherigen Gedanken darüber.
Wir sprachen vorher über den Rennfahrer. Er ist gut ausgebildet und genauso sind unsere Soldaten gut ausgebildet. Wenn ich in dem Augenblick, in dem es darauf ankommt, darüber nachdenke, werde ich vermutlich selbst sterben müssen. Die Zeit nachzudenken habe ich in dem Moment nicht. Wenn Sie mit Kameraden sprechen, die in dieser Situation waren und getötet haben, dann erfahren Sie, dass sie sich hinterher sehr wohl Gedanken darüber machen, was sie dort gemacht haben. Bei diesem oder jenem, hat sicherlich der Glaube geholfen, darüber hinwegzukommen.

Lassen Sie uns noch einmal genauer in eine Situation schauen, in der die Angst und die Gefährdung berechtigt groß sind. Sie fahren in Kabul eine einsame Straße entlang. Sie wissen, dass es dort bereits viele Überfälle gegeben hat. Sie müssen die Straße immer wieder fahren. Sie sind sehr, sehr aufmerksam in dieser Situation. Kann der Glaube in so einer Gefährdungssituation eine Rolle spielen?
Er gibt mir ganz bestimmt die Kraft, um Situationen einfacher zu bestehen. Aber nicht in solchen Situationen gibt der Glaube mir Kraft. Ich habe Menschen sterben sehen und wenn Sie bei diesen Menschen sind, dann lässt das einen nicht unberührt. Dann ist es gut, durch den Glauben ein wenig Halt zu haben.

Sie haben mir im Vorfeld von Soldaten erzählt, die in den Bosnieneinsatz kamen. Soldaten, die aus dem Osten kamen und zum damaligen Zeitpunkt wenig religiöse Sozialstation hatten. Welche Beobachtungen haben Sie dabei gemacht?
Wir haben immer Militärpfarrer und Psychologen mit in den Einsätzen. Für die Bundeswehr, war der Bosnieneinsatz der erste Einsatz mit Kampftruppe. Die Kampftruppe -wie auch andere Kräfte- sind im Grunde jeden Tag draußen, außerhalb des Lagers, um für Sicherheit zu sorgen, um für Stabilität zu sorgen in diesem Lande. Sie zeigen Präsenz, indem sie sich mit den Menschen unterhalten. Das, was unsere Soldaten dort das erste Mal erlebt haben, war eine Menge Elend. In den Gesprächen haben sie gehört, wie brutal die Kriegsparteien in Bosnien miteinander umgegangen sind. Dieses nach den Gesprächen zu verarbeiten, nicht nur auszuwerten, sondern auch zu verarbeiten, dieses Elend zu sehen, diese Gespräche zu führen, dieses Brutale in diesen Gesprächen aufarbeiten zu können, führte dazu, das viele vor Ort um eine Taufe gebeten haben, katholische und evangelische.
Unsere Pfarrer hatten eine Menge zu tun, um all den Bitten nach Taufen nachzukommen. Pro Kontingent, also in vier Monaten, zwischen 50 und 100 Taufen zu haben war eine unglaubliche Erfahrung.

Das würde mit dem Satz „Not lehrt beten“ ein Stück weit zusammenpassen und eine Bestätigung auf eine andere Weise sein.
Ich schätze diesen Spruch als solchen nicht besonders. „Not lehrt beten“ heißt für mich „Ich weiß nicht weiter“. Ich glaube nicht, dass man das Beten als Ersatz für eigenes Denken und Handeln nehmen sollte. Es begleitet dasselbe. Es gibt die Kraft etwas anzugehen, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen. Es ersetzt aber nicht Nachdenken und es ersetzt nicht Handeln.

Welcher Spruch oder Satz aus der Bibel ist Ihnen besonders wichtig?
Mein alter Konfirmationsspruch: „Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark“.

Wenn Sie einen Wunsch freihätten, welcher wäre dies?
Gesundheit für alle meine Lieben und mich.

 

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