Katrin Altpeter

Sozialministerin in Baden-Württemberg

Katrin Altpeter ist Sozialministerin in Baden-Württemberg. Von dieser Position hat die 1963 geborene SPD-Politikerin aus dem Wahlkreis Waiblingen bereits geträumt, als sie als Altenpflegerin in der ambulanten und stationären Pflege tätig war. Jetzt kann sich Ministerin Altpeter an oberster Stelle für Familien, Frauen und Senioren engagieren.

 

Im Sozialbereich, insbesondere wenn man ihn hautnah erlebt hat wie Sie, stößt man im Grunde unwillkürlich auch auf das Thema Religion, weil man auch mit viel Not konfrontiert ist. Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich gemacht?
Für mich war es immer wichtig, in meinem Handeln eine Art übergeordnetes Wissen zu haben. Sie bezeichnen das als Religion, und ich, als evangelische Christin, würde es auch so bezeichnen. Es ist aber so etwas wie eine unsichtbare Schnur, die einen durch das Leben führt. Das bedeutet für mich Religion. Es drückt auch aus, Kraft zu haben und Situationen auszuhalten, die vielleicht manchmal schwierig auszuhalten sind.

Der unsichtbare Faden, der Sie führt, ist eine sehr schöne Definition für Religion. Können Sie das an einer bestimmten Situation aufzeigen? Wenn Sie sich in die erste Phase Ihres Berufslebens zurückversetzen, welche Situationen könnten das gewesen sein?
Die Situationen, die mir jetzt ganz spontan einfallen, die für mich in der Religion eine ganz wichtige Bedeutung erhalten haben, waren 2009 die Amokläufe von Winnenden und Wendlingen. Winnenden gehört zu meinem Wahlkreis. Ich kannte dort Schüler und Betroffene. In diesen schwierigen Stunden habe ich für mich, aber auch für meine Familie gespürt, dass es trotzdem diesen Faden gibt, der uns weiterleitet, der uns Möglichkeiten gibt die Dinge auszuhalten, die nur schwer aushaltbar sind. In meinem früheren Berufsleben gab es immer wieder Grenzsituationen, in denen Religion eine wichtige Rolle gespielt hat. Das war oft dann, wenn Menschen, alte Menschen gestorben sind und es einen langen Sterbeprozess gab. Auch da muss ich immer sicher sein, dass es einen Faden gibt, der einen leitet, der sowohl den Menschen leitet, aber auch denjenigen, der ihm hilft.

Das könnte man als erlebtes „Not lehrt beten“ verstehen, wobei sich manche Menschen dagegen wehren, weil sie sagen: „Ich darf diese Beziehung zu Gott nicht immer nur auf diese Grenzsituation reduzieren.“
Die Beziehung zu Gott ist sicher nicht auf Grenzsituationen zu reduzieren, aber sie ist in den Grenzsituationen besonders spürbar, in denen man sie sehr viel deutlicher erlebt. Allerdings gibt es die Beziehung auch in Alltagssituationen. Ich komme aus einer sehr pietistisch geprägten Gegend, und ich spüre sehrt oft an meinen Prägungen, an meiner Entwicklung, wie mich Religion im Alltag, nicht nur in Grenzerfahrungen, sehr stark prägt. Sie prägt mich sehr stark bei meiner Wertevorstellung, bei meinen ethischen Vorstellungen, aber oft auch bei meinen Alltagshandlungen.

Es ist sehr interessant, dass Sie sagen, dass Ihre Wurzeln im Pietismus liegen. Denn der Pietismus steht manchmal im Widerspruch zum sozialen Engagement. Bei ihm geht es – holzschnittartig charakterisiert – mehr um Innerlichkeit und weniger um soziales Engagement, während andere Christen sagen: „Ich muss vor allem die Nächstenliebe praktizieren.“
Für mich gehört beides zusammen. Pietistische Wurzeln bedeutet für mich, dass es ganz bestimmte Regeln gibt, sodass unausgesprochen gilt, was man tut und was man nicht tut. Es hat fast so etwas wie eine moralische Ebene. Das heißt aber dennoch nicht, dass es nur das Eine gibt, sondern der Part des Engagements für Andere – oder wie Sie es ausgedrückt haben: der Nächstenliebe -  ist genauso wichtig. Es gehört beides zusammen. Wenn jemand keine innere Ordnung hat, wird er im weitesten Sinne diakonisch auch nicht gut tätig sein können.

Sie haben gesagt, ethische Grundsätze ließen sich auch aus der Religion ableiten. Das ist im Sozialbereich ganz besonders wichtig, beispielsweise bei der Frage nach der Sterbehilfe. Ab wann kann man einen Menschen dem Tod überlassen, weil er reif ist für den Tod, weil sein Leben zu Ende ist? Und wann nicht?
Für mich gibt es eine klare Grenze, und diese Grenze heißt für mich „aktive Sterbehilfe“. Das kommt für mich persönlich nicht in Frage. Ich finde, dass sich kein Mensch über Leben und Tod eines anderen Menschen zu erheben hat oder entscheiden kann, wann ein Leben qualitativ nicht mehr wertvoll ist. Deshalb ist für mich die klare Grenze „aktive Sterbehilfe“.

Auch nicht, wenn derjenige sich das wünscht?
Auch dann nicht. Vielleicht muss ich das begründen. Ich habe schon erlebt, dass Menschen, die zunächst von aktiver Sterbehilfe als Wunsch gesprochen haben, in ihrer Krankheit dann doch noch Lebensqualität ausgestrahlt haben. Nur war es eben eine andere Art von Lebensqualität als die, die sie sich als gesunder Mensch vorgestellt haben. Daher kommt für mich die aktive Sterbehilfe nicht in Frage. Jemanden zu begleiten, der im Sterbeprozess ist, bei dem klar ist, dass er vermutlich sterben wird, ist für mich eine Selbstverständlichkeit.

Dann kann man auch darauf verzichten, beispielsweise noch künstliche Maßnahmen fortzuführen?
Das wird sicher im Einzelfall zu entscheiden sein. Aber es gibt mit Sicherheit Situationen, bei denen man sich entscheidet, einen Menschen gehen zu lassen.

Wie verhält es sich beim Thema Schwangerschaftsabbruch? Hierzu gibt es eine deutliche pietistische Position. Als Sozialministerin müssten Sie ganz verschiedene Instrumentarien entwickeln und fördern.
Für mich gilt zunächst, immer zu schauen, welche Möglichkeiten, welche Chancen ein zukünftiges Kind haben wird und welche Möglichkeiten und Chancen die Mutter hat. Auf der anderen Seite bin ich der festen Überzeugung, dass es innerhalb eines bestimmten Zeitraums gute Gründe für einen wohlüberlegten Schwangerschaftsabbruch geben kann. Dafür haben wir die entsprechenden Beratungsgremien und die Beratungsstellen, und wenn es dann zu der Überlegung kommt eine Schwangerschaft abzubrechen, ist das etwas für mich, das ich akzeptieren kann und akzeptiere.

Sie haben sich bereits sehr früh politisch und sozial engagiert und  sind schon lange in Ihrem Wahlkreis aktiv. Jetzt sind Sie Sozialministerin geworden. Das ist ein glücklicher Zufall. Sie haben sich das aber früher auch schon gewünscht. Was bedeutet das jetzt für Ihre Biografie?
Für mich bedeutet das die Erfüllung einer Wunschvorstellung, die ich jahrelang hatte, weil ich Sozialpolitik immer gestaltend erleben wollte. Jetzt kann ich das machen. Damit ist für mich ein Wunsch in Erfüllung gegangen. Auf der anderen Seite ist es eine große Herausforderung, denn ich werde auch jetzt gemessen und messe mich selbst an dem, was ich tatsächlich auch gestalte.

Was möchten Sie am liebsten verändern?
Am wichtigsten ist mir, dass es uns gelingt die alternde Gesellschaft zu gestalten, Alter als Teilhabe zu verstehen und mit der Anzahl der älterwerdenden Menschen entsprechende Angebote im Land zu schaffen, damit jeder so lange wie möglich in seiner vertrauten Umgebung bleiben, ein selbstständiges Leben führen und an der Gesellschaft teilhaben kann.

Da sind Sie als gelernte Altenpflegerin ja ideal aufgestellt!
Dafür habe ich sicherlich alle fachlichen Voraussetzungen. Die finanziellen Voraussetzungen, die wir dazu brauchen, damit wir die Wohnumfelder entsprechend gestalten können, werden wir uns wohl erstreiten müssen.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Wenn ich nur einen Wunsch frei hätte – das ist vielleicht ein sehr persönlicher Wunsch – dann würde ich mir wünschen, dass mein Kind so durchs Leben gehen kann, dass es immer aufrecht bleibt.

 

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