Peter Friedrich

Baden-Württembergs Europa-Minister

Peter Friedrich, SPD
Peter Friedrich, SPD
Hanno Gerwin, ERB

Für das Land Baden-Württemberg ist er an oberster Stelle für Europa zuständig. Peter Friedrich ist Minister der SPD für den Bundesrat, für Europa und internationale Angelegenheiten sowie Hausherr in der sogenannten baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin. Hier haben wir uns getroffen, um über Europa, das Christentum und über Peter Friedrichs ganz eigene, persönliche Einstellung zum Glauben zu sprechen.

 

Herr Minister, Sie sind als Europaminister auch für das, in Anführungszeichen, „christliche Abendland“ zuständig. So hat man Europa ja auch schon definiert. Wie ist Ihre eigene Einstellung zu dieser christlichen Kultur und deren Wurzeln?
Ich glaube, dass die Formulierung „christliches Abendland“ Europa nicht charakterisiert. Es gehört selbstverständlich zur Geschichte dazu. Es gibt aber einen inneren Bezug, der Europa sozusagen für mich ausmacht, und dasist für mich die Geschichte der Aufklärung, die in Europa spielt. Die ja auch überhaupt erst möglich war durch christliche Philosophie, durch Vordenker, auch Religionsphilosophen. Insofern gibt es da schon eine enge Verbindung. Für mich ist der Charakter Europas, also, der der politischen Gemeinschaft und auch der Schicksalsgemeinschaft Europas, die Geschichte der Aufklärung. Diese war nur möglich im Rahmen der christlichen Religion. Deswegen gibt es eine enge Verbindung. Wenn man aber sieht, wie viele Menschen nicht christlichen Glaubens in Europa leben, und, dass auch Länder, die sozusagen keine christliche Staatsreligion haben, aus meiner Sicht zu Europa gehören, dann finde ich es schwierig über die Glaubensfrage Europa abgrenzen zu wollen. Das wird leider häufig versucht. Ich finde es ist ausdrücklich keine Versammlung von einer Religionsgemeinschaft, sondern es ist ein gemeinsames politisches Projekt, wo die Frage von Rechtsstaatlichkeit, von Demokratie und von Meinungsfreiheit usw. eine große Rolle spielt - die alle in der Geschichte der Aufklärung ihren Ursprung haben.

Also Sie halten es also mehr für eine unzutreffende Charakterisierung?
Nicht unzutreffend, aber es ist eine nicht ausreichende Charakterisierung. Es gehört selbstverständlich zur europäischen Geschichte dazu. Aber man darf nicht vergessen, dass zu der christlichen Geschichte Europas auch viele Kriege und viele Auseinandersetzungen gehören. Deswegen ist es auch kein einseitig positiver Bezugspunkt. Die Frage der Religion hat auch immer im Außenverhältnis Europas eine große Rolle gespielt. Deswegen finde ich es als Definition nicht ausreichend. Es gehört dazu. Es gehören aber auch noch andere Elemente mit dazu. Mit Sicherheit z.B. die Aufklärung, die Französische Revolution – das sind zwei Elemente, die diesen Kontinent prägen und den politischen Kontinent Europa ausmachen. Ich finde, es allein auf die christlich-jüdischen Wurzel des Abendlands zu reduzieren, gibt den Charakter nicht vollständig wieder.

Sie selbst sind nicht getauft, aber Sie beschäftigen sich trotzdem mit dem Thema Christentum. Wie sind Ihre eigenen Wurzeln oder Ihre Geschichte in dieser Hinsicht?
Ich bin nicht getauft. Das war aber keine religiöse Entscheidung. Meine Eltern haben es sehr bewusst freigestellt sich da zu entscheiden. Ich war auch aktiv in kirchlichen Gruppen und habe mich immer wieder damit beschäftigt und beschäftige mich auch heute noch mit der Frage, ob ich mich taufen lasse. Es ist aber sozusagen die Kernfrage. Wenn man es macht, dann muss man aber auch tatsächlich sicher sein, dass man glaubt. Das ist für mich etwas, was sozusagen immer eine Rolle spielt. Worüber ich immer nachdenke, an dem ich arbeite, aber wo ich jetzt nicht zu einer eindeutigen Entscheidung komme. Ich bin persönlich sehr stark geprägt vom rationalistischen Denken, auch von naturwissenschaftlichen Überlegungen. Deswegen ist die Frage des Glaubens eine, die für mich nicht so einfach zu entscheiden ist und ich fände es falsch sich taufen zu lassen, wenn man diese Glaubensfrage für sich nicht beantworten kann. Es rumort permanent in mir, und ich bin noch nicht zu einer Entscheidung gekommen.

Das ist ein sehr hoher Anspruch finde ich. Wenn ich mir das so überlege und die Zeitgenossen um mich herum anschaue, denke ich sind viele dabei, die Christen sind und die sich ihres Glaubens keineswegs sicher sind. Und die haben vielleicht auch dieses Rumoren noch nie erlebt und sich diesbezüglich auch noch nie infrage gestellt. Können wir dieses „Rumoren“ ein bisschen genauer beschreiben. Was spricht für den Glauben und was spricht dagegen?
Jetzt ist es ja nicht nur ein Glaubensbekenntnis sondern sich taufen zu lassen ist ja auch der Eintritt in eine Kirche und da gibt es natürlich Anziehendes und Abschreckendes. Es gibt immer wieder Punkte, wo ich dann einen Annäherungsprozess merke und die Nähe zunimmt.

Nennen Sie die anziehenden Punkte.
Einer der anziehenden Punkte ist natürlich, dass es eine Gemeinschaft ist. Eine Glaubensgemeinschaft, die auch ein gesellschaftlicher Faktor ist, und wo Menschlichkeit und menschliche Zuwendung sozusagen das Organisationsprinzip darstellen. Das sind natürlich sehr anziehende Punkte, wo ich sage: „Das ist eine Solidargemeinschaft, die füreinander da sein sollte im besten Falle.“

Da gibt es ja auch Ähnlichkeiten zur Sozialdemokratie.
Selbstverständlich, die Sozialdemokratie hat nie zu den Kirchenstürmern gehört, sondern klare Trennung von Kirche und Staat gehabt. Das gehört bei uns schon dazu. Aber die Sozialdemokratie war keine durch und durch säkulare Bewegung, sondern gerade für viele Sozialdemokraten ist die Bergpredigt und andere Dinge, auch katholische Soziallehre, ebenfalls wichtige Bezugspunkte und waren es auch in der Programmentwicklung der Sozialdemokratie. Aber das ist das faszinierende an einer menschlichen Gemeinschaft, die auf gemeinsamen Glaubensgrundsätzen und Mitmenschlichkeit beruht. Das Abstoßende gehört leider auch dazu.

Nennen Sie diesen Punkt ruhig auch einmal deutlich.
Eine solche Kirche ist auch ein Machtapparat, insbesondere was die katholische Kirche angeht, die natürlich eine unglaublich bedeutende, historische Institution ist, in der aber viele Diskussionen in einer quälenden Langsamkeit vonstattengehen, wo mir dann auch die Fähigkeit zu gesellschaftlichen Entwicklungen Antworten zu finden, nicht ausgeprägt genug ist. Insofern ist es für mich so, dass es sich die Waage hält und dass es eine zutiefst menschliche und ganz persönliche Entscheidung ist, ob man sich in Abhängigkeit von irgendwelchen sonstigen Opportunitätsbewegungen stellt oder nicht stellt und dass ich auch keinerlei christliche, religiöse oder kirchliche Motive für meine politische Arbeit suche und auch nicht verwende.

Das finde ich eigentlich auch sehr konsequent und es hat auch eine Ehrlichkeit, die in dieser Klarheit zum Ausdruck kommt. Würden Sie sich als Atheist bezeichnen?
Nein, ich kann mich nicht als Atheist bezeichnen. Ich habe wie Woody Allen mal auf diese Frage geantwortet: „Ich bin Atheist, weil Gott mich so geschaffen hat“. Ich bin insofern kein Atheist, weil ich schon sehe, dass es viele unbeantwortete Fragen gibt. Und zwar nicht nur deshalb, weil der Stand der Forschung nicht so weit ist, sondern weil es einfach ein Grunddilemmata gibt, für die es nie eindeutige Antworten gibt. Ich fand die Antwort, die Spinoza im Vorwege der Aufklärung gab interessant: dassGott in den Naturgesetzen zum Ausdruck kommt und die Naturwissenschaften Gott nur besser erklären können aber dass letzten Endes die Initialzündung immer noch eine göttliche Frage ist. Mit der Erklärung kann ich sehr viel anfangen, wo ich dann sage: „Irgendwo gibt es gerade auch für schwierige menschliche Situationen, also nicht nur für Fragen zur Erklärung des Universums, sondern auch für Fragen der menschlichen Psyche und des menschlichen Wesens, Dinge, die ich nie 100%ig wissenschaftlich, rein rational betrachten können werde, sondern Emotion gehören auch dazu. Und deswegen würde ich mich nicht per se als einen gläubigen Menschen, dass ich sozusagen ein höheres Wesen oder einen Gott verehre, bezeichnen, aber ich leugne nicht seine Existenz, sondern ich glaube da ist schon etwas da.´

Sie haben ihn einfach noch nicht kennengelernt, so könnte man das sagen?
Ich habe auf jeden Fall kein Erlebnis gehabt, wo ich sagen würde: „Das zündet den Glauben in mir“. Solche Erlebnisse hatte ich noch nicht, aber ich weiß auch nicht, ob es das per se braucht. Ich glaube das man auch ein guter und gerechter Mensch sein kann auch wenn man sich nicht als gläubigen Christen oder Moslem oder sonst etwas definiert.

 

Aktuell

Best of 500

Ruth-Maria Kubitschek, Wim Wenders, Udo Walz.

Best of 500

Roberto Blanco, Hartmut Engler und Steffen Wink, Hella von Sinnen

Best of 500

Jürgen von der Lippe, Sandra Maischberger, Jürgen Todenhöfer

Best of 500

Xavier Naidoo, Maybrit Illner, Winfried Kretschmann

2005: Franziska van
Almsick

Olympischer Schwimmstar


Weitere Interviews

Daniel Alter
Katrin Altpeter
Thomas Anders
Prinz Asfa-Wossen Asserate
Ayman
Seine Exzelenz Monsieur Anatole Bacanamwo
Joe Bausch
Rufus Beck
Volker Beck
Ben Becker
Dr. Günther Beckstein
Caroline Beil
Ben*Jammin
Prof. Dr. Ernst Benda
Dr. Christine Bergmann
Fredi Bobic
Wolfgang Bosbach
Jonathan Böttcher
† Pierre Brice
Fabian Bruck
Prof. Dr. Michael Buback
Frieder Burda
Geraldine Chaplin
Botschafter Daniel R. Coats und Marsha Coats
Luigi Colani
Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh
Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin
Michael Degen
† Dr. Heinz-Horst Deichmann
Ulrich Deppendorf
Hauke Diekamp
Kai Diekmann
Pater Domenico
Albie Donnelly
Ray Dorset
Heike Drechsler
Burkhard Driest
Katja Ebstein
Dr. Ursula Engelen-Kefer
Hartmut Engler
Andreas Englisch
Andreas Eschbach
Dieter Falk
Veronica Ferres
Fil da Elephant
Gotthilf Fischer
Dr. Ulrich Fischer
Ottfried Fischer
Gotthilf Fischer
Axel E. Fischer
Joy Fleming
Jürgen Fliege
Best of 500
Best of 500
Best of 500
Best of 500
Teflon Fonfara
Fools Garden
Dr. Peter Frey
Amelie Fried
Dr. Michel Friedman
Peter Friedrich
Andreas Fritzenkötter
† Joachim Fuchsberger
Jürgen Fürwitt, alias Jott
Galileo
Mario Galla
Cae Gauntt
Dr. Heiner Geißler
Dr. Heiner Geißler
Petra Gerster und Christian Nürnberger
Uschi Glas
Mario Gomez
Katrin Göring-Eckardt
Jürgen Gross
Friedlinde Gurr-Hirsch
Stefan Gwildis
Matthias Habich
Peter Hahne
Corinna Harfouch
Jimmy Hartwig
Dieter Thomas Heck
Gert Heidenreich
Ala Heiler
Hans-Olaf Henkel
Tony Henry
Ken Hensley
Eva Herman
High South
Dieter Hildebrandt
Klaus Hoffmann
Prof. Dr. Gertrud Höhler
Birgit Homburger
Christiane Hörbiger
Guildo Horn
Chris Howland
Bischof Dr. Wolfgang Huber
Prof. Dr. Claudia Hübner
Eddi Hüneke
Maybrit Illner
Janina and the Deeds
† Gottfried John
Jorginho
† Hellmuth Karasek
Volker Kauder
Brendan Keeley
Kathy Kelly
Kathy Kelly
Dr. Timm Kern
Dr. Katja Keßler
Arabella Kiesbauer
Ephraim Kishon
Matthias Kleinert
Prof. Dr. Guido Knopp
2003: Sebastian Koch
Juliane Köhler
Peter Kraus
Winfried Kretschmann
2011: Winfried
Kretschmann

Dr. Gabriele Krone-Schmalz
Ruth-Maria Kubitschek
Sven Kuntze
Heinz Rudolf Kunze
Leonard Lansink
Manfred Lautenschläger
Donna Leon
Hera Lind
Caroline Link
Joachim Llambi
Andrea Kathrin Loewig
Wolf Maahn
Paul Maar
2015: Motsi Mabuse
Roland Mack
2004: Peter Maffay
Kurt Salomon Maier
Sandra Maischberger
Marie-Luise Marjan
Tony Marshall
Marc Marshall & Jay Alexander
Carlos Martinez
Henry Maske
Maybebop Pop- Quartett
Gisela Mayer
Gerhard Meier-Röhn
Hans Meiser
Reinhold Messner
Meret Meyer
Middle of the Road
Rosi Mittermaier und Christian Neureuther
Gary Mullen
Franz Müntefering
Xavier Naidoo
Dr. Rupert Neudeck
No Angels
Elisabeth Noelle-Neumann
Ulrich Noethen
Ingrid Noll
Normal Generation?
Chris Norman
Günther H. Oettinger
Mario Ohoven
Cem Özdemir
Peilomat
Phil
Hermann Poppen
Avi Primor
Seine Königliche Hoheit Bernhard Prinz von Baden
Johannes Rau
Heribert Rech
Maestro Gian Piero Reverberi
2000: Sir Cliff Richard
Sir Cliff Richard
Lars Riedel
Armin Rohde
Dr. med. Philipp Rösler
Claudia Roth
Dr. Norbert Röttgen
Wynton Rufer
Nina Ruge
Thomas Rühmann
Inga Rumpf
Barbara Rütting
Dr. Wolfgang Schäuble
Marco Schiefer
Schily
Rezzo Schlauch
Renate Schmidt
Ulla Schmidt
Doris Schmidts
Dr. Peter Scholl-Latour
Walter Scholz
Detlev Schönauer
Dietmar Schönherr
Birgit Schrowange
Martin Schulz MdEP
Alice Schwarzer
Ulrike Schweikert
Uwe Seeler
Florian Sitzmann
Werner Sonne
† Lothar Späth
Paul Spiegel
Walter Spindler
Willi Stächele
Rolf Stahlhofen
Thomas M. Stein
Bernd Stelter
Dr. Monika Stolz
Annika Strebel
2012: Christina Stürmer
Prof. Dr. Rita Suessmuth
Stephan Sulke
Jasmin Tabatabai
Horst Tappert
Erwin Teufel
The Temptations
Dr. h. c. Wolfgang Thierse
Olaf Thon
Prof. Dr. Klaus Töpfer
Ulrich Tukur
Tomi Ungerer
Franz Untersteller MdL
Sir Peter Ustinov
2005: Franziska van
Almsick

Herman van Veen
Ute Vogt
Berti Vogts
Dr. Antje Vollmer
Dr. Ursula von der Leyen
Jürgen von der Lippe
Jürgen von der Lippe
Frhr. von Gemmingen-
Guttenberg

Wolf von Lojewski
Hella von Sinnen
Margarethe von Trotta
Beatrice von Weizsäcker
Florian Wahl
Prof. Dr. Norbert Walter
Udo Walz
2014: Udo Walz
Willi Weber
Konstantin Wecker
Prof. Peter Weibel
René Weller
Wim Wenders
† Guido Westerwelle
Urich Wickert
Heidemarie Wieczorek-Zeul
† Roger Willemsen
Ron Williams
Steffen Wink
Harald Wohlfahrt
Guido Wolf
Sydney Youngblood
Andrea Zangemeister
Joana Zimmer
Dr. Robert Zollitsch
Rolf Zuckowski
Brigitte Zypries