Joe Bausch

Gefängnisarzt, Schauspieler, Buchautor

Ein Mann, der seit vielen Jahren mit den grausamsten und gestörtesten Menschen zu tun hat, die man sich vorstellen kann. Joe Bausch, so sein abgekürzter Künstlername, arbeitet seit über 25 Jahren in einer Justizvollzugsanstalt als Gefängnisarzt und kümmert sich dort um Vergewaltiger, Mörder, und andere schlimme Straftäter. Aber Joe Bausch ist nebenbei noch als Schauspieler tätig. Im Kölner „Tatort“ spielt er den Gerichtsmediziner Dr. Josef Roth, der vor allem Verbrechensopfer untersucht. Der 1953 im Westerwald geborene Bausch hat 2012 ein Buch mit dem knappen Titel „Knast“ geschrieben. Darin reflektiert er seine Arbeit im Gefängnis und schildert eine Welt, die die meisten von uns nie betreten werden und erzählt, wie die Menschen und das Leben im Gefängnis funktionieren.

 

Heute geht es um einen Mann, der seit vielen Jahren mit den grausamsten und gestörtesten Menschen zu tun hat, die man sich vorstellen kann. Joe Bausch, so sein abgekürzter Künstlername, arbeitet seit über 25 Jahren in einer Justizvollzugsanstalt als Gefängnisarzt und kümmert sich dort um Vergewaltiger, Mörder, und andere schlimme Straftäter. Aber Joe Bausch ist nebenbei noch als Schauspieler tätig. Im Kölner „Tatort“ spielt er den Gerichtsmediziner Dr. Josef Roth, der vor allem Verbrechensopfer untersucht. Der 1953 im Westerwald geborene Bausch hat 2012 ein Buch mit dem knappen Titel „Knast“ geschrieben. Darin reflektiert er seine Arbeit im Gefängnis und schildert eine Welt, die die meisten von uns nie betreten werden und erzählt, wie die Menschen und das Leben im Gefängnis funktionieren.

Seit 25 Jahren – das ist eine lange Zeit. Das heißt, Sie könnten statistische Angaben über Verbrecher machen. Kann man sagen, was einen Verbrecher als Menschen unterscheidet von denjenigen, die nie ins Gefängnis kommen, abgesehen von der juristischen Straftat?
Das ist ganz schwer. Man kann ihn – bis auf die Tatsache, dass dieser Mensch delinquent geworden ist, dass er gegen Gesetze verstoßen hat – nicht von anderen unterscheiden. Aber es gibt eine bestimmte Klientel der Gewalttäter: die Klientel der Totschläger, Mörder und Vergewaltiger, die man unterscheiden kann von der normalen, nicht straffälligen Bevölkerung. Es sind Menschen mit schweren narzisstischen Persönlichkeitsstörungen, die einen großen Mangel an Empathie aufweisen.

Diese können sich also nicht in andere hineindenken?
Sie haben keine Fertigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Sie können sich gar nicht vorstellen, was sie damit auslösen. Andere sind nicht Herr ihrer Affekte. Die haben keine Bremse im Kopf, die sie vom ersten Impetus abhält, nämlich zuzuschlagen für irgendwas, was ihnen nicht gefallen hat. Das können sie nicht ausbremsen. Sie geben dem sofort nach. Das merkt man auch im täglichen Umgang mit diesen Menschen, selbst unter den Bedingungen des Gefängnisses, wo sie letztendlich wie die wilden Tiere im Käfig untergebracht sind.

Sie machen das jetzt schon seit 25 Jahren. Was bekommen Sie zurück? Warum machen Sie diese Arbeit? Sie sind ja zufrieden mit Ihrer Arbeit.
Viele, die weglaufen können, die Drogenabhängigen, die nachts aus dem Krankenhaus verschwinden, die Schwierigen, die einfach irgendwo von der Medizin oder auch von gesellschaftlichen Institutionen nicht erreicht werden, werden zum ersten Mal erreicht, wenn sie eingesperrt sind. Denn da können sie im wahrsten Sinne des Wortes nicht mehr weglaufen. Dann kommt man an manchen zum ersten Mal heran, manchmal nach Monaten, manchmal vielleicht erst nach Jahren, um sie zu behandeln. Die Aufgabe mitzugestalten, Menschen zu resozialisieren, dass sie „rauskommen“ und besser sind als vorher, finde ich gut.

Was passiert während des Behandlungsprozesses mit der Empathie? Sie sind jemand, der einen Gefangenen auch mal anfasst, was wahrscheinlich kaum passiert in Gefängnissen und bei einem Gewalttäter vielleicht gar nicht so einfach ist.
Sie werden allenfalls abgetastet, ob sie Waffen dabei haben.

Aber wenn Sie untersuchen?
Bei mir werden sie untersucht, sie müssen sich ausziehen, wie das beim Arzt so üblich ist. Das schafft natürlich intime Momente, in denen sie Patient sind. Momente, in denen sie schwach sind. Das muss dieser Patient dann auch so zulassen, weil er krank ist. Sonst ginge er ja nicht zum Arzt. Da kommt er nun in die Situation, wo er oftmals zum ersten Mal zu einer eigenen Gefühlsäußerung in der Lage ist.

Gibt er dann auch manchmal zu, Angst zu haben?
Ja klar. Es gibt Menschen, die geben die Angst zu. Es gibt einige, die Panik haben, wenn sie im Haftraum sind, der im Lauf der Jahre immer kleiner wird. Es gibt auch welche, die Angst vor den Mitgefangenen haben, die Gewalterfahrungen in der eigenen Familie gemacht haben. Würde ich mich in solchen Momenten nur auf die Medizin reduzieren, würde man wenig erfahren.

Es gibt die christliche Grundregel, die sehr stark in unserer Gesellschaft verankert ist: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ – Oder volkstümlich gesagt: „Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem anderen zu.“ Das sagt sich leicht, wenn man es mit zivilisierten, freundlichen Menschen oder Kollegen zu tun hat. Lieben Sie Ihre Nächsten so, wie sich selbst? Können Sie sich das vorstellen?
Wichtig ist: Man muss seine eigenen Ansprüche auch im Gefängnis aushalten. Das merke häufig. Die Latte an Empathie für jeden, christliche Nächstenliebe, das positive Menschenbild „jeder kann sich ändern, jeder kann Fehler machen, jeder kann aber auch aus seinen Fehlern lernen und wieder ein besserer Mensch werden und etwas bereuen“, das sind beispielsweise christliche Vorstellungen, die ich mit der Muttermilch aufgesogen habe. Aber all das auszuhalten, dieses humanitäre Menschenbild, was aus dem Christentum heraus gewachsen ist…
Das moderne Menschenbild des Neuen Testamentes, der Bergpredigt, ist ja das, was uns heute alle bewegt. Das auszuhalten und jeden Tag auch zu leben – nicht in der normalen Nachbarschaft, wo man nicht geprüft wird, sondern mit den Menschen im Gefängnis…

Können Sie das?
Ja.

Ich habe mit vielen Menschen gesprochen, die sagen, sie können nicht an Gott glauben, wenn es Mörder gibt und so viel Gewalt in der Welt. Das sagen Sie nicht.
Nein. Die Gewalt war immer in der Welt. Wenn wir an der Tatsache, dass es Kriege, Gewalt und Mörder gibt, dass furchtbare Sachen passieren und Kindern Furchtbares angetan wird, den Gottesbeweis ableiten wollen, dann liegen wir völlig verkehrt. Gott ist nicht verantwortlich für das, was in dieser Welt passiert. Wir als Menschen sind verantwortlich dafür.

Das ist ein wichtiges Urteil aus Ihrem Munde, weil Sie 25 Jahre lang mit den Schlimmsten der Schlimmen zu tun hatten und immer noch haben.
Ja. immer noch.

Was ist „Gott“ für Sie, wenn Sie das so sagen können?
Ich komme aus einer christlichen Tradition, und bin auch heute Christ. Das heißt, für mich gibt es keine Zweifel an Gott, an einem höheren Wesen, das allem, was wir hier tun, einen gewissen Sinn gibt. ich brauche auch eine moralische Instanz. Gott ist für mich auch moralisch. Der Glaube an Gott, das Christentum, ist ja auch eine moralische Instanz, die mir ja nicht nur sagt, das oder jenes sei gut, oder so sollst du leben. Sie bedeutet auch, dem, der fehlbar war, zu verzeihen.

Ist das auch Ihre Sichtweise, wenn Sie einen Mörder behandeln?
Ja. Ich erlebe auch bei diesen Menschen, dass sie Väter und Mütter hatten, die sie geliebt haben. Sie haben Frauen oder Kinder, die sie immer noch lieben und bewundern, obwohl sie Furchtbares getan haben.

Und selber diese Empathie nicht empfinden können.
Ja. Aber soll ich sie abschalten und sagen, du spielst hier nicht mit – raus – weg?

Diese Einstellung müsste doch den Menschen, mit denen Sie zu tun haben, sehr gut tun. Oder können die Gefangenen das gar nicht so wahrnehmen?
Die Einstellung wird ja nicht diskutiert, sie wird gelebt.

Gibt es auch Beispiele, von denen Sie sagen können, das wäre für Sie ein Erfolgsmoment, weil da etwas „umgekippt“ ist?
Es gibt Momente, draußen. Ich sitze ja nicht nur im Gefängnis, sondern bin auch in der Welt unterwegs. Ich begegne immer wieder ehemaligen Patienten oder Gefangenen, die sich bedanken für die Zeit oder für die faire, empathische Behandlung. Die mir sagen: „Ich hab’s geschafft! Ich bin draußen! Ich habe hier meine Familie“, und so weiter. In solchen Momenten hat man das Gefühl, es ist schön, genau das zu erfahren und nicht immer nur das andere. Das ist ganz positiv.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Poah! Sie machen es ganz knapp, mit einem einzigen Wunsch! Ich hätte so viele! Ich muss überlegen, welcher meiner Wünsche…
Ich hätte den Wunsch, wirklich lange weiterzuarbeiten, bei guter Kondition.

 

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