Konstantin Wecker

Liedermacher und kritischer Poet

Konstantin Wecker
Konstantin Wecker im Gespräch mit Hanno Gerwin
Konstantin Wecker im Gespräch mit Hanno Gerwin

Er steht seit rund 50 Jahren auf der Bühne und singt mit schöner Stimme und ausgeprägtem bayerischen Dialekt vom Leben und der Poesie des Alltags. Zwei Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs in München geboren, ist Konstantin Wecker immer ein Kriegsgegner geblieben und hat sich mit unzähligen Texten, Liedern, Teilnahmen an Demonstrationen und politischen Aktionen gegen den Krieg engagiert. 1995 wegen Kokainbesitzes verhaftet, engagiert er sich seitdem gegen Drogenmissbrauch. Der Liedermacher und Poet ist ein engagierter, kritischer Christ.

 

Herr Wecker, im Internet haben Sie ein sehr persönliches Tagebuch veröffentlicht. Insgesamt sehen Sie vieles negativ und betrachten auch unsere Gesellschaft sehr kritisch: "Die Reichen werden immer reicher, die Musik ist eine marode Allerweltsware und die Medien sind im Grunde alle gleich geschaltet." Wie erklären Sie das den Menschen, die gerne etwas mehr davon hätten?
Es ist ganz wichtig, in Zeiten, in denen unsere westliche Gesellschaft auf dem besten Weg ist, die Welt zu zerstören und kaputt zu machen, kritisch zu sein. Kritisch zu sein raubt nicht unbedingt die Lebensqualität, wie uns immer eingeredet wird. Es ist nicht wahr, dass es leichter sei das anzunehmen, was angeboten wird. Man sollte sich fragen, ob die Angebote, die Glücksangebote, die uns die Gesellschaft anbietet, wirklich Angebote sind, die uns zu innerem Frieden und Glück verhelfen oder ob es da nicht noch etwas anderes gibt.

Das hat sicher auch eine ganz starke biblische Wurzel. In Ihrem Tagebuch schreiben Sie: "Es braucht viel Kraft, um sich in einer Gesellschaft zu engagieren, deren Mechanismus man im Grunde ablehnt."
Andererseits machen Sie sehr fröhliche und auch liebevolle Lieder, obwohl Sie manches ablehnen. Wie passt das zusammen?

Ich liebe die Welt, die Schöpfung und die Menschen. Und ich liebe das Leben. Während wir über Wohlstand nachdenken, verhungern täglich 60.000 Menschen, Millionen von Kindern müssen sterben, weil wir zu viel Wohlstand haben, weil wir nicht abzugeben bereit sind.

Man möchte aber auch fröhlich sein und getröstet leben. Wie schafft man das?
Man muss sich der Dinge bewusst werden. Das ist das Wichtigste, um zu sich zu finden. Manchmal kommt es mir vor, als würden wir schlafen und diese Realität, die uns umgibt, im Traume leben. Und dann kommt ein Anstoß. Das kann ein Leid sein, das man selbst oder im Freundeskreis erlebt und mitfühlt. So verändert sich das ganze Leben. Wer großes Leid durchgemacht hat, denkt völlig anders.
Buddha sagt, Leben ist Leid. Irgendwann trifft jeden eine Krise. Irgendwann schlägt das Schicksal zu. Dies kann auch im Umfeld passieren.

Gab es für Sie eine Krise, die ausschlaggebend für Ihre Einstellung war? Oder hatten Sie diesen kritischen Blick schon, bevor es zu einer Krise kam?
Den kritischen Blick hatte ich bereits sehr früh. Das Ganze versuche ich auch in mein Sein hineinzutragen, nicht nur beim Schreiben, sondern auch ins tägliche Leben. Ich hatte eine persönliche Lebenskrise, eine sehr schwere. Diese hatte sich erst in den letzten sieben Jahren ereignet. Durch meine Suchtkrankheit war ich dem Tod sehr nah und bin als ein anderer wieder aufgewacht.
Der Schmerz ist zunächst nichts Negatives. Wir wissen ja alle, dass es notwendig ist, dass wir Schmerz empfinden, sonst würden wir permanent ins Feuer langen und uns verbrennen. Wir brauchen Schmerzen. Trotzdem versuchen wir, Schmerz zu verdrängen, ihn gar nicht wahrhaben zu wollen. Wir müssen lernen, den Schmerz zu akzeptieren, auch den seelischen Schmerz, auch die Schwermut.

Wie haben Sie Ihren Schmerz überwunden?
Entscheidend war, dass ich mich der Schwermut stelle. Mein Leben lang dachte ich, ich sei nicht schwermütig, sei immer gut drauf - ein blühender Optimist. Natürlich war auch ich schwermütig. Die Schwermut gehört zum Leben. Wenn man sie annimmt, kann sie helfen, sensibler zu werden für das, was uns umgibt und das Leiden derer, die nicht in unserem Blickfeld sind.

Das liegt ganz dicht an der christlichen Botschaft Jesu': "Ihr müsst mir nachfolgen!" Er meinte damit, ihm ins Leid zu folgen. Das Leid wird auch durch den gekreuzigten Jesus ausgedrückt.
Eine Darstellung, wie sie der christlichen Kirche heute sehr verübelt wird. Sie wird als eine Religion des Leidens dargestellt. Dies trifft aber meines Erachtens nicht zu, auch wenn die Kirche das Leid nicht ausklammert. Sie bringt zum Ausdruck, dass man Leid annehmen soll. Darum habe ich mit dem Kreuz und mit dem Symbol des Kreuzes weniger Probleme als andere Leute. Das Kreuz ist ein Symbol dafür, das Leid besser auf uns zu nehmen. Leid ist nun mal da. Das müssen wir als vernünftige Menschen akzeptieren.

Etwas Urmenschliches also?
Ja. Versuche ich das Leid dauernd von mir wegzudrücken, so beginne ich, anderen Leid zuzufügen. Das ist einer der Grundsätze des Pazifismus. Er besagt: Ich möchte mein Leid nicht auf andere schieben, sondern bin bereit, es anzunehmen.

Welche Rolle spielt für Sie persönlich die Figur Jesus von Nazareth?
Für mich spielt Jesus eine sehr große Rolle. Mit der Botschaft Jesu' kann ich sehr viel anfangen. Sie ist mir sehr wertvoll und entdecke in einzelnen Sätzen immer wieder was Neues.

Wenn Sie ein Lied über Gott singen würden und versuchen, Bilder dafür zu finden, welche Bilder würden Sie wählen? Wie stellen Sie sich Gott vor?
Als kleiner Junge war ich im Religionsunterricht. Meine Eltern waren in Glaubensfragen sehr frei - wenn auch religiös angehaucht - meine Religionslehrer hingegen sehr streng. Diese haben mir einen Gott vorgestellt, der unter die Bettdecke geschaut hat. Ich dachte mir, mein Vater sei viel großartiger als dieser liebe Gott. Aber der liebe Gott müsste doch noch viel toller sein als mein Vater, dachte ich mir.

Und wie stellen Sie sich Gott heute vor? Welches Gottesbild vermitteln Sie Ihren Kindern?
Ich spreche mit meinen Kindern über Gott, weil sie danach fragen. Ich versuche, Gott nicht als den strafenden, den alles sehenden Gott darzustellen, sondern als den versöhnenden, den liebevollen Gott, der nicht nach irgendwas aussehen oder ein Geschlecht haben muss. Es ist eben der liebe Gott.

Also der Schöpfer, die Kraft, die überall wirkt und Ihnen hilft, morgens aufzustehen?
So sage ich es den Kindern. Gott ist auch jemand, den sie sich gerne vorstellen können als etwas besonders Liebes. Kinder haben Bilder und sollen Bilder haben. Gott sollte nicht streng sein. Er ist kein Gott, der Gehorsam verlangt. Es wäre fatal, einem Kind einen solchen Gott einreden zu wollen.

Mit Gehorsam Gott gegenüber meint die Bibel auch Respekt vor einem Schöpfer zu haben, dem man nur als Mensch und Geschöpf gegenübertreten kann. Wie stehen Sie zu dieser Einstellung?
Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Gehorsam ist entsetzlich, wenn er mir aufgedrängt wird. Wenn jemand z.B. ins Kloster geht und für sich entdeckt, dass er sich dem Gehorsam unterwerfen möchte, ist das eine völlig andere Sache, als wenn ich als Kind dazu gezwungen werde. So ist es auch mit der Demut. Ich habe die Demut sehr wohl für mich entdeckt, möchte sie aber niemandem aufzwingen.

Sie sagen ja zum Glauben, sind jedoch aus der Kirche ausgetreten. Wenn es aber die Kirche nicht gäbe, würden die Menschen über das Christentum nichts erfahren. Wie sehen Sie das?
Das ist völlig richtig. Ich habe lange darüber nachgedacht und über 50 Jahre dazu gebraucht, aus der Kirche auszutreten. Das war ein langer Prozess. D.h. nicht, dass ich prinzipiell gegen Kirche wäre. Ich bin der Meinung, dass es auch Vermittler geben soll, die von Gott erfüllt sind und diese Erfüllung auf andere übertragen. Das ist etwas Wunderschönes und Wichtiges.

Martin Luther rückte die Kirche in ein anderes Licht: Die Kirche ist nicht die Institution, sondern sie ist da, wo das Wort Gottes weiter getragen wird, Kindern und Erwachsenen erzählt wird. Was wäre von der Religion, von dem Wissen um Gott und auch um das Gute vorhanden, wenn es Kirche nicht gäbe?
Vielleicht sollte man Kirche mehr von unten gestalten. Dann wäre es vielleicht eine moderne Kirche. Für mich gibt es zwei Arten von Glauben. Zum einen gibt es den Glauben, den ich annehme, weil er mir vermittelt wird. Es gibt aber noch einen anderen Glauben, der aus einer inneren Erfahrung heraus entsteht. Dazu gehört auch eine gewisse Spiritualität. Wir müssen eine Brücke schlagen zwischen einer neu erwachten Spiritualität und politischem Engagement. Das, was im Innersten von uns ist, was uns vielleicht lieben lässt, was uns im schönsten Fall so liebevoll auf andere Menschen zugehen lässt, das ist etwas, was uns alle vereint, was wir alle haben, was jeder Mensch hat. Ob Moslem, ob Jude, ob Christ, ob Atheist. Das gehört uns allen. Das ist der Gott, der allen gehört.

Das ist wahr. Es geht letztlich auch nicht darum, ob man die Begriffe buddhistisch oder christlich ausdrückt. Wir müssen ja mit Begriffen und Symbolen leben, wie wir sie verinnerlicht haben. Wie geht es Ihnen damit?
So sehr ich beispielsweise den Buddhismus und seine Philosophie faszinierend finde, so wenig kann ich mit den Bilderwelten des Buddhismus anfangen. Ich kann natürlich mit der abendländisch christlichen Bilderwelt am meisten anfangen, keine Frage.

Wodurch entsteht Glaubenserfahrung? Wächst sie von alleine, wie ein Samen, der vom Wind herangetragen wurde, oder ist diese Organisation Kirche notwendig, um diesen Samen zu pflanzen?
Vielleicht braucht es die Organisation. Wenn jemand erkennt, dass diese Kirche nötig ist, dann sollte er sich dran machen, sie radikal zu erneuern.
Es wäre vielleicht ganz gut, wenn es wieder einen Martin Luther gäbe.

Wenn Sie einmal einen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Dass ich mit meinem Magen, der seit einem halben Jahr nicht mehr funktioniert, endlich wieder klar komme.
Mit diesen Wünschen ist das so eine Sache. Irgendwann erkennt man, dass es keinen Sinn hat, sich etwas zu wünschen. Der wichtigste Satz im Vaterunser ist für mich: Dein Wille geschehe. Für mein persönliches Leben möchte ich das, was kommt, annehmen. Aber auch, um weiter zu arbeiten und zu erkennen, wo Fehler sind. Um dadurch mein Bewusstsein weiterzuentwickeln.

 

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