Avi Primor

ehem. israelischer Diplomat und Publizist

Avi Primor ist ein Mann, für den es am Anfang gar nicht selbstverständlich war, mit Deutschen zu reden oder Deutschland zu besuchen. Denn Avi Primor hat viele seiner Familienmitglieder durch die Ermordung während des Holocaust verloren. Aber viele Begegnungen und Erfahrungen mit Menschen und der deutschen Politik haben seine Einstellung verändert. Und so war der israelische Diplomat und Publizist in den 90 er Jahren israelischer Botschafter in Deutschland. Mit diesem Hintergrund hat Avi Primor einen Roman geschrieben, historisch solide und menschlich anrührend.

 

Herr Primor, Sie haben einen Roman geschrieben. Da geht es um zwei Soldaten im Ersten Weltkrieg. Der eine kämpft auf französischer Seite, der andere auf deutscher Seite. Das ist eigentlich nichts Besonderes, es standen sich viele Soldaten gegenüber, aber bei Ihnen ist es doch etwas Besonderes. Warum?
Es geht um jüdische Soldaten auf beiden Seiten. Die Geschichte der Juden im Ersten Weltkrieg ist nicht sehr bekannt, aber für die Juden ist es eine einmalige Erfahrung in ihrer gesamten Geschichte. Insofern, dass die Juden nie so total engagiert waren. Und das auf allen Seiten. Leidenschaftlich auf allen Seiten, wie im Ersten Weltkrieg. Es gab keinen Präzedenzfall dafür und auch keine Nachfolge, weil im Zweiten Weltkrieg die Juden ja nur auf einer Seite bleiben konnten. Für die Juden war es eine einmalige historische Chance. Sie dachten, nachdem sie juristisch schon gleichberechtigt waren – also es gab die Emanzipation für die Juden im Laufe des Jahrhunderts, aber gesellschaftlich wurden Sie noch nicht anerkannt, noch nicht akzeptier, nicht als Bestandteil der Nation akzeptiert – wenn sie jetzt ihren Patriotismus beweisen, wenn sie jetzt ihr Blut vergießen für das Vaterland, dann werden sie endlich akzeptiert werden. Die Frage allerdings, ob man auch andere Juden erschießen darf, erschießen soll, kam nie auf. Diese Geschichte wollte ich erzählen, wollte ich eigentlich als Sachbuch schreiben. Aber dann habe ich begriffen, dass es nicht nur um Fakten und um Tatsachen, wie etwa wie viele Juden wo gekämpft haben, gefallen sind, verwundet worden waren, ausgezeichnet worden waren usw. geht. Es geht hauptsächlich um Emotionen. Es war eine höchst emotionale Sache für die jüdischen Soldaten wie auch für die jüdischen Familien in Deutschland und Frankreich und anderswo, und deshalb habe ich mich für einen Roman entschieden. Ich wollte die persönlichen Geschichten zu erzählen.

Man kann sich ja auch viel leichter rein denken und identifizieren. Lassen Sie uns diese beiden Figuren, die sich dann auf dem Schlachtfeld begegnen, etwas genauer anschauen. Nehmen wir den deutsch-jüdischen Soldaten als ersten. Wie wird an seiner Person deutlich gemacht, was Sie eben geschildert haben, nämlich, dass er mit diesem Einsatz für Deutschland sich selbst auch nationalistisch beweisen möchte?
Also er heißt Ludwig Grohnheim, stammt aus einer großbürgerlichen jüdischen Familie in Frankfurt, die auch mit anderen Hochbürgern in Frankfurt verbunden ist und die relativ liberal ist. Die Kinder besuchen ein Gymnasium, das Lessing-Gymnasium, ein bekanntes Gymnasium, wo es mindestens zehn Prozent Juden gibt, aber auch Liberale im anderen Sinne: Zum Beispiel gibt es da Mischehen zwischen Katholiken und Protestanten, was damals nicht so üblich war. Er wächst auf als großer Patriot. Seine Eltern sind schon patriotisch. Ich habe einmal geschrieben, sein Vater wollte vor allem preußischer als die Preußen sein.

Ist ihm das auch bewusst, darf ich mal fragen, dass er sich da als Jude auf besondere Weise beweisen will oder ist das eigentlich nur der interpretatorische Hintergrund?“
Beides. Aber er will sich schon als Jude beweisen, ja. Also der Vater hat zum Beispiel einen Schnurrbart und der muss genauso aussehen, wie der Schnurrbart des Kaisers. Den pflegt er auch jede Nacht, was auch so eine Art Mythos bei ihm ist. Und dieser Junge will eigentlich nur Deutscher sein, will als Deutscher anerkannt werden und liest nur patriotische Bücher. Er träumt vom Krieg und von solchen Sachen. Also auch sehr im legendarischen Sinne des Wortes. Er versteht aber, dass er keine Militärkarriere machen kann, weil ein Jude damals in der deutschen Armee kein Offizier werden konnte. Also träumt er vom öffentlichen Dienst. Er will Jurist werden, damit er im öffentlichen Dienst akzeptiert werden kann – was auch nicht selbstverständlich war. Aber das ist zumindest eher möglich als eine Militärkarriere. Und dann kommt der Krieg und das ist natürlich seine große Chance. Mittlerweile verliebt er sich an der Universität in Heidelberg in ein Mädchen aus Frankfurt, das nicht aus einem jüdischen Haus stammt. Aus einem liberalen Haus: liberal ja, sich mit Juden anzufreunden ja, aber heiraten ist eine ganz andere Geschichte. Da kommt es schon zu einem großen Wringen zwischen ihm und seiner Familie, zwischen der jungen Dame und ihrer Familie usw.

Und auf französischer Seite? Ist da der Drang sich zu beweisen genauso, wie auf deutscher Seite?
Ich habe zwei Gemeinden gewählt, zwei Städte: Frankfurt und Bordeaux in Frankreich. Warum diese Städte? Weil sie die ältesten jüdischen Gemeinden haben, jeweils in Deutschland und Frankreich. Bordeaux hatte eine uralte jüdische Familie – mehrere Hunderte Jahre lang, vielleicht 800 Jahre – die besonders integriert war. Dort waren die Juden gleichberechtigt, nicht nur juristisch und zwar schon vor der Revolution, noch vor der offiziellen Gleichberechtigung der Juden. Sie wurden akzeptiert und waren gut integriert, also echte Franzosen. Daran gab es überhaupt keinen Zweifel. Dennoch waren sie Juden und dennoch haben sie die Empfindlichkeit der Juden, der Minderheiten, gehabt und dennoch wollten sie sich immer beweisen.

War das so ausgeprägt wie in Deutschland?
Nein, nicht so ausgeprägt wie in Deutschland. Es gab in Frankreich zum Beispiel die berühmte Dreyfus-Affäre, die in Deutschland nicht stattfinden konnte, weil ein Jude in Deutschland kein Offizier werden konnte, in Frankreich dagegen schon. Also in Frankreich war es schon mit der Revolution erheblich fortschrittlicher, das hat schon mit Napoleon begonnen. Napoleon hat wirklich die Gleichberechtigung der Juden erzwungen, zunächst in Frankreich und dann in ganz Europa. Die jüdische Familie in Bordeaux ist allerdings eine andere Art jüdische Familie. Sie sind keine Hochbürgerlichen, sie sind keine Intellektuellen, keine Akademiker. Es ist eine Bäckerfamilie: Es sind einfache Leute. Sie haben eine Bäckerei und er hat auch nur einen Ehrgeiz – er will auch Bäcker sein. Dennoch will er auch lernen, will er auch lesen, weil sein Vater ebenfalls ein Bücherwurm ist, obwohl er keine formale Erziehung hat. Also zwei ganz unterschiedliche Leute, ganz unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichem Hintergrund und Kultur.

Und die begegnen sich dann auf dem Schlachtfeld.
Jein. Sie begegnen sich einmal am Weihnachtsabend 1914, als es dieses Phänomen gab, wo die beiden Seiten, wo die Feinde aufeinander zugegangen sind und gemeinsam Weihnachten gefeiert haben. Der Abend war hochemotional, und die beiden waren auch sehr unsicher und hatten Herzklopfen. Und da beobachtet Ludwig, der deutsch-jüdische Soldat, einen Jungen, der besonders auffällig ist, weil er so riesig ist. Da hab ich meinen eigenen Sohn vor Augen gehabt, der genauso groß ist, nämlich 1,95 Meter (lacht). Und dieser steht mit der Kerze da, so wie Ludwig mit der Kerze steht, aber seine Lippen bewegen sich nicht, er betet nicht, so wie die anderen. Und er schaut ihn an und schaut ihn an und sagt: „Wieso betet der nicht?“. Und da Ludwig gut französisch spricht, spricht er den französischen Soldaten an – sehr vorsichtig und zögerlich, denn er hat Hemmungen. „Entschuldigen Sie, darf ich Ihnen eine Frage stellen? Warum beten Sie eigentlich nicht?“. Und der andere antwortet, dass er das Gebet nicht kennt, weil er Jude ist. Da ist Ludwig ganz überrascht: „Sie sind Jude? Wie ist das möglich?“. Zum ersten Mal fällt ihm ein, dass es auch auf der anderen Seite Juden gibt und da stellt er sich auch als Jude vor. Und dann haben sie ein Gespräch, machen sich ein bisschen über Judentum und Religion lustig, weil sie beide keine gläubigen Menschen sind. Sie erzählen über ihre Bar Mizwa – also ihre Kommunion – in der jüdischen Religion. Aber das ist das einzige Mal, dass sie sich unmittelbar treffen.

Und machen Sie das zum Thema, dass sie sich als Juden feindlich gegenüberstehen?
Eigentlich nicht. Ich muss Ihnen sagen, ich habe lange geforscht. Ich habe ein Jahr lang geforscht. Zunächst einmal, um die Geschichte richtig zu haben, die große Geschichte, die echte Geschichte, nicht nur die persönlichen Sachen. Da mussten alle Fakten ganz genau stimmen. Ich habe auch zwei Berater in Deutschland gehabt, zwei Historiker, und einen Berater in Frankreich, damit alle Fakten genau stimmen. Und dann hab ich auch nachgeforscht, weil ich schlicht neugierig war: Gab es überhaupt jemals die Frage für die Juden, ob es in Ordnung ist, auf die Juden auf der anderen Seite zu schießen? Es gab ja die Tradition der Solidarität der Juden untereinander, es wurde immer behauptet Juden halten zueinander. Hätte ich irgendwo, unter den Geistlichen, unter den Intellektuellen, unter den Lehrern, Schriftstellern, wo auch immer, diese Frage mit der Antwort gefunden „Ja, das ist in Ordnung, weil wir jetzt im Krieg sind, das ist der Feind“, dann hätte ich das verstanden. Ich hab diese Frage aber nirgends gefunden, und ich habe Historiker gefragt. Niemand hat diese Frage jemals gehört, das wurde nie ausgesprochen, nie niedergeschrieben. Es war derartig selbstverständlich, dass man gegen Juden auf der anderen Seite kämpft, dass man die Frage nicht einmal gestellt hat. So weit ging es damals.

Es ist ja eigentlich, wenn man das vergleicht, bei den Christen nicht viel anders: Wie viele Christen standen sich auch schon auf Schlachtfeldern gegenüber und haben sich nicht im Geringsten davon beeinflussen lassen, dass die Gegenseite auch der christlichen Religion angehört?
Ja, aber bei den Christen war das ja eine Tradition, dass Katholiken gegen Katholiken gekämpft haben oder Protestanten gegen Protestanten. Das war ja nicht neu. Aber für Juden ist so etwas nie vorgekommen, weil sie vorher nie gekämpft haben. Oder fast nie.

Sie haben das Buch heute geschrieben. Für heutige Leser. Diese sind vom Zweiten Weltkrieg und vom Ersten noch weiter entfernt. Wie sollten diese Leser, wenn Sie diesen Wunsch äußern dürfen, von dem Buch profitieren?
Dass die Juden eigentlich nicht anders sind als alle anderen Menschen. Und wenn man sie als Gleichberechtigte behandelt, dann weiß ich gar nicht mehr, ob sie noch Juden bleiben würden. Dann wären sie normale Deutsche, Franzosen, oder andere. Wenn sie in die Ecke gedrängt werden, dann müssen sie die eigene Identität pflegen. Viele haben das aufgegeben, weil sie sagen, es ist hoffnungslos. Dabei entstand die zionistische Bewegung Ende des 19. Jahrhunderts. Damals sagte der Gründer der zionistischen Bewegung, der Wiener Theodor Herzl: „Juden können sich nicht integrieren lassen, weil die anderen uns nicht wollen.“ Er selber war ein sehr integrierter Jude. „Wenn wir Juden in Würde leben wollen, dann müssen wir so leben, wie alle anderen Völker auch leben. Das heißt, wir müssen auch ein eigenes Land haben, unsere eigene Souveränität. Und erst dann werden wir ein normales Volk werden, so wie alle anderen, die in Würde leben.“ Aber die meisten Juden wollten das damals noch nicht wahrnehmen. Die haben noch große Hoffnungen gehegt.

Es geht eigentlich um die Normalität des jüdischen Lebens. Darum, dass die Juden in Deutschland in ihrem religiösen Alltag gar nicht wahrgenommen werden. Wenn es um Juden geht, geht es eigentlich immer um den Gesichtspunkt Antisemitismus. Was kann man dagegen tun? Insbesondere wenn es um Rechtsradikale geht oder aber historisch gesehen unter dem Gesichtspunkt des Holocaust und der Rolle der Deutschen damals. Das ist doch eigentlich nicht schön. Im Grunde genommen müssten doch die Juden auch in ihrem Alltag wahrgenommen werden.
Ja, Deutschland ist eine Ausnahme. Nicht nur wegen der deutschen Vergangenheit. Nach dem großen Patriotismus der Juden kam ja die Nazizeit. Vor diesem Hintergrund ist Deutschland schon eine Ausnahme. Aber darüber hinaus ist Deutschland auch insofern eine Ausnahme, dass die Juden in Deutschland eigentlich „neue Juden“ sind. Denn 90 oder 80% der Juden in Deutschland sind erst nach dem Fall der Mauer aus der Sowjetunion gekommen, also nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Jene sind noch nicht integriert, nicht weil sie Juden sind, sondern schlicht und einfach weil sie Russen sind – Sprachprobleme, Kulturprobleme, alles gibt es hier. Da braucht es mehr Zeit, bis ich diese Frage beantworten kann. Aber ich habe kürzlich neue Statistiken aus Amerika gesehen, die ich sehr beeindruckend fand: Da stellt sich heraus, dass 60 Prozent der Juden nicht mehr Juden heiraten. 60 Prozent, das ist erheblich, das ist mehr als die Hälfte. Genau so viele gehen nicht mehr in die Synagoge oder in die Gemeinde, es ist ihnen gleichgültig, was aus den Kindern wird, ob sie Juden sind oder Katholiken oder Protestanten oder überhaupt gar nichts. Allerding wird auch das Interesse für Israel immer schwächer, weil sie sich nicht mehr solidarisch mit Juden fühlen. Das passiert, weil sie gut integriert sind.

Sie haben sich jetzt sehr historisch mit dem Thema beschäftigt. Ihr ganzes Leben lang haben Sie sich mit den Juden und der Rolle in der Welt beschäftigt und zwar an vielen verschiedenen Orten in der Welt, an denen Sie tätig waren. Wenn Sie jetzt einfach einmal versuchen 100 Jahre nach vorne zu denken, visionär, wie würde vielleicht die Rolle der Juden dann aussehen?
Ich glaube, es wird kaum noch eine Rolle der Juden geben. Es wird eine Rolle der Israelis geben. Wir werden eine normale Nation sein, die sich als israelische Nation identifizieren wird und nicht als Juden. Ob wir Juden sind oder Muslime oder Christen – 22 Prozent der israelischen Bürger in Israel sind überhaupt keine Juden, schon heute – wird nicht mehr von Bedeutung sein. Ich glaube, das wird kein großes israelisches Volk sein – vielleicht etwa so groß wie Griechenland. Es wird erfolgreich sein oder nicht erfolgreich, aber es wird nicht mehr ein jüdisches Weltproblem sein, das glaube ich nicht.

Sagen Sie das neutral oder mit etwas Wehmut?
Neutral. Schauen Sie, wenn man mir die Frage stellt, warum ich mich als Zionist identifiziere, warum ich eigentlich ein Zionist bin? Und ich bin tatsächlich ein gläubiger Zionist. Dann sage ich: Ich bin der zionistischen Bewegung deshalb dankbar, weil sie mir zunächst das Leben gerettet hat. Ich bin in Tel Aviv geboren. Ohne die zionistische Bewegung wäre ich in Europa geboren und ich weiß nicht, ob ich dann die Nazizeit überlebt hätte. Außerdem habe ich nie das Gefühl gehabt, ein Angehöriger einer Minderheit zu sein. Mit allen Minderwertigkeitskomplexen, die dazukommen, wenn man als Minderheit aufwächst – die habe ich nie gehabt. Ich habe immer nur unter Juden oder unter Israelis gelebt, zunächst in einem autonomen dann in einem unabhängigen Rahmen. Das Gefühl der Minderwertigkeit habe ich nie bekommen und deshalb fühle ich mich auch freier, über diese Sachen zu sprechen. Ich habe keine Hemmungen, ich kann alles sagen. Ich kann auch negative Sachen über Juden sagen, das stört mich überhaupt nicht. Minderheiten sind anders – nicht nur die jüdischen Minderheiten. Wissen Sie zum Beispiel wer heutzutage die allerbesten Schüler in den israelischen Schulen sind? Das sind die Christen. Weil sie eine Minderheit innerhalb der Minderheit sind. Es gibt eine große muslimische Minderheit und innerhalb derer gibt es eine kleine christliche Minderheit. Und weil sie eine Minderheit sind, bemühen sie sich erheblich mehr. So wie die Juden in Europa sich in den Schulen einmal bemüht haben. Dass ich diese Minderwertigkeitskomplexe nie mitbekommen habe, schulde ich der zionistischen Bewegung und deshalb bin ich ein begeisterter Zionist.

Sie sagen auch „gläubiger Zionist“. Was heißt das?
Ich glaube an die Mission des Zionismus. Ich glaube, dass die zionistische Bewegung immer noch eine Mission hat, insofern, dass sie die Minderwertigkeitskomplexe der Juden bekämpft. Schauen Sie, wenn man heute die Juden in Israel kritisiert wegen der israelischen Politik, dann wird man sofort – in Deutschland, aber nicht nur in Deutschland – als Antisemit beschimpft. Nicht bei mir. Ja, wenn man mich kritisiert und wenn ich die Kritik für unbegründet halte, dann will ich mich sachlich mit der Kritik auseinandersetzen und die Thesen der Kritik widerlegen. Dies geschieht akademisch, sachlich emotionslos und ohne Hemmungen. Also ich würde nicht sofort sagen: „Das ist ein Antisemit, der hasst mich!“, oder so. Nein, das interessiert mich nicht, weil ich eben diese Komplexe nicht habe. Und das ist ein Problem, das Juden weltweit immer noch haben. Immer weniger zwar, das haben wir besonders in Amerika gesehen, aber dennoch. Also da hat die zionistische Bewegung noch eine Rolle zu spielen.

Ich habe irgendwo gelesen, dass Sie sich können noch sehr genau an ihre erste Begegnung mit einem Deutschen erinnern können. Wie war ihr Bild der Deutschen bis zu dieser Begegnung? Hat es sich verändert und wenn ja, wodurch?
Nach dieser Begegnung blieb mein Deutschland-Bild das Gleiche. Es hat mich nicht beeinflusst. Es ging um Claus von Amsberg, der später der Prinzgemahl der holländischen Königin geworden ist. Wir haben gemeinsam in Afrika gedient und haben uns mit den größten Schwierigkeiten kennengelernt, weil ich damals einen Deutschen nicht kennen lernen wollte. Er hat aber sehr gedrängt und hat bei meiner Frau und bei mir das Eis gebrochen, weil er eben ganz offen und ehrlich über die deutsche Vergangenheit gesprochen hat. Wir haben ja den Deutschen immer vorgeworfen, sie würden die Vergangenheit verdrängen. Das war das Hindernis in den Beziehungen zu den Bundesdeutschen. Ich spreche jetzt nicht von den Nazis natürlich. Weil am Anfang so schwierig war und dann das Eis gebrochen wurde, ist diese Freundschaft besonders eng geworden. So eng, dass, als er gestorben ist, mich die holländische Königin, also seine Frau, damit beauftragt hat, die Trauerrede im Schloss zu halten. Nicht einen Holländer oder einen Deutschen. Er war ein sehr offener Mensch, er war ein sehr ehrlicher Mensch und deshalb hat er unsere Herzen erobert. Er hat nicht nur gute Sachen über sich und seine Familie erzählt, nicht nur gute Sachen über Deutschland, er hat die Wahrheit erzählt, wie er sie tatsächlich empfunden hat, ohne Heuchelei. Ich dachte, dass er eine Ausnahme gewesen wäre, ich wollte damals nicht glauben, dass er typisch für Deutschland wäre. Das hat sich mit der Zeit geändert.

Als Sie dann Botschafter geworden sind, das hat ja auch ein bisschen gedauert. Ich weiß nicht, aus welchem Grund, aber vielleicht haben Sie selbst das auch nicht gleich gewollt. Als Sie dann Botschafter in Deutschland geworden sind, was hat sich für Sie verändert vom Bild her?
Es hat sich vorher schon viel verändert, sonst hätte ich nicht Botschafter in Deutschland werden können. Also ein paar Sachen haben sich geändert: Es gab das Wiedergutmachungsabkommen von 1952, das eigentlich nicht Geldüberweisung von Deutschland an den Staat Israel bedeutete. Es gab eine Vereinbarung zwischen den Staaten von 1952 bis 1964 von Lieferung deutscher Industriegüter an Israel, damit Israel sie als Investition benutzen kann, um eine Volkswirtschaft aufzubauen. Das waren Maschinen und Ersatzteile, Schiffe, Lokomotiven und solche Sachen. Dazu musste man sich bei uns mit der deutschen Industrie vertraut machen. Das hat uns dazu gezwungen, mit Deutschen zusammenzuarbeiten, uns mit Deutschen zu unterhalten und da haben sich zwischenmenschliche Beziehungen entwickelt. Der Kontakt zwischen den Menschen hat weitgehend nicht nur das Eis gebrochen, sondern auch das Deutschlandbild bei uns geändert. Dann gab es die 68er-Generation, die ihre Eltern und Lehrer aufgerufen hat: „Was habt ihr uns verschleiert? Was habt ihr eigentlich tatsächlich in der Nazizeit getan?“. Das war für uns ein sehr bewegendes Zeichen dafür, dass die Deutschen nicht mehr verdrängen wollen. Das war ja auch das, was uns am meisten gestört hat.

Haben Sie das so auch wahrgenommen?
Ja, das haben wir leidenschaftlich verfolgt. Einerseits sagten wir, wir wollen von Deutschland gar nichts wissen, andererseits wollten wir immer alles wissen. Und dann kam die deutsche Europapolitik, die uns sehr beeindruckt hat und mich ganz besonders. Die Europapolitik, die uns davon überzeugt hat, dass Deutschland eigentlich nicht mehr ein deutsches Europa anstrebt, sondern ein europäisches Deutschland und das war wirklich eine Wende für uns. Schrittweise ist das alles so gekommen. Dann war ich Botschafter bei der Europäischen Union in Brüssel und da bin ich schon sehr viel mit Deutschen zusammengekommen, so dass ich dann auch reif dafür war, Botschafter in Deutschland zu werden. Dann habe ich allerdings begonnen, mit Claus von Amsberg, Deutsch zu sprechen. Bis dahin haben wir miteinander nur Französisch gesprochen. Ich konnte auch kein Deutsch, ich habe Deutsch sehr mühsam gelernt und es hat mich sehr viel Schweiß und Arbeit gekostet, aber ich habe es leidenschaftlich gemacht. Eines Tages hat er mich auf Französisch gefragt: „Stimmt es, dass du Deutsch gelernt hast?“, und ich habe geantwortet: „Ja, ein bisschen schon“. Dann meinte er: „Lass mal hören.“ (lacht) Und ab da haben wir begonnen Deutsch zu sprechen. In den letzten Jahren haben wir uns nur noch auf Deutsch unterhalten dürfen.

Eine letzte Frage: Wenn Sie mal einen Wunsch frei hätten, Sie dürfen sich wünschen, was Sie wollen, was wäre das?
Eine Europäische Union im Sinne von einer europäischen Föderation. Und einen echten Frieden im Nahen Osten, als Nachbild der europäischen Vereinigung.

Sehr konkrete Wünsche. Danke schön für das Gespräch.
Gerne

Avi Primor, ehemals deutscher Botschafter.
Nein, israelischer Botschafter.

Ehemals israelischer Botschafter in Deutschland, nichts anderes hatte ich gemeint, vielen Dank (lacht), der nach vielen Sachbüchern jetzt einen Roman veröffentlicht hat: „Süß und ehrenvoll“ – gemeint ist sicher das Vaterland von den zwei jüdischen Soldaten, die sich begegnen. Der eine zog auf französischer, der andere auf deutscher Seite in den Ersten Weltkrieg. Danke schön fürs Zuschauen.

 

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