† Hellmuth Karasek

Journalist und Autor

Hellmuth Karasek ein Mann, der sich um die Literatur verdient gemacht hat: Er war jahrelang im literarischen Quartett. Er hat das Kulturresort des Spiegel geleitet, den Berliner Tagesspiegel mit herausgegeben. Als Journalist schreibt Herr Prof. Dr. Hellmuth Karasek für die Welt und die Berliner Morgenpost. Er schreibt Romane und Theaterstücke – und er sammelt Witze und veröffentlicht diese in sehr unterhaltsamen Büchern. Helmuth Karasek verstarb im September 2015 im Alter von 81 Jahren.

 

Herr Karasek, erzählen Sie uns zuerst einen Witz bitte.
Worüber?

Über das, was Sie lustig finden.
Also ich finde gegebenenfalls etwas lustig, was gerade passt. Ich habe vor zwei Jahren die folgende Geschichte lustig gefunden: Ein Richter verurteilt einen Angeklagten zum Tode und sagt: „Ich habe eine schlechte und eine gute Nachricht. Die schlechte Nachricht ist, Sie werden morgen früh erschossen. Die gute Nachricht ist, Robben schießt.“ Das ist ein total veralteter Witz, der heute überhaupt nicht mehr klappt, denn damals hatte Robben den FC Bayern sozusagen aus allen Wettkämpfen herausgeschossen. Ein Jahr später hat er sie in alle Wettkämpfe wieder hineingeschossen. Sie sehen also, mit Witzen und dem Verfallsdatum muss man sehr vorsichtig sein.

Kann man nach so einer Bundestagswahl besondere Witze machen, die vielleicht später nicht mehr stimmen?
Vor der Bundestagswahl gab es einen politisch sehr inkorrekten Witz: Eine Frau, eine Ossi-Mutti, kommt mit ihren Leuten in eine Gastwirtschaft, weil sie da einen Tisch bestellt hat. Es kommen ein Vietnamese, ein Rollstuhlfahrer, ein Schwuler und sie als Ost-Mutti. Da sagt der Wirt: „Ihr seid aber ein komischer Verein.“ Da sagt sie: „Quatsch. Wir sind das Herz der Bundesregierung.“ Der geht also nicht mehr.

(lacht) Der ist trotzdem immer noch gut. Schon allein die Zusammenstellung dieses Ensembles ist sehr lustig.
Ja, das Ensemble war schon beeindruckend.

Ich kann über vieles lachen. Manche Leute lachen nicht über vieles. Woran liegt das?
Also ich glaube, man muss die Bereitschaft haben, lachen zu können, und man muss die Situationen, die durch lustige Geschichten provoziert werden, verstehen. Ich kenne zum Beispiel eine Geschichte von Oscar Wilde, die ich sehr liebe. Oscar Wilde hat eine Komödie geschrieben: Bunbury. Und das ist eine typisch englische Komödie, sehr versnobt. Ein junges Mädchen lädt den Helden, der in London lebt, aufs Land ein. Er kommt aufs Land, und da ist ein Hochsitz. Sie führt ihn auf den Hochsitz hinauf und sagt: „Hier stoßen drei Grafschaften zusammen“, da sagt er „Ich hasse Gedränge“. Ich würde sagen, das ist ein typisch englischer Witz. Ich erzähle Ihnen einen typisch schwäbischen Witz, der in Schwaben funktioniert. Ein Schwabe fällt bei einer Albwanderung in eine Spalte und ist drei Tage verschüttet. Schließlich findet ihn das Rote Kreuz und ruft mit dem Megaphon runter: „Hier ist das rote Kreuz“, da antwortet der Schwabe: „Mir gebet nix!“. Es gibt eben landschaftlich sehr gebundene Witze in Deutschland. Es gibt Witze nach Regionen und nach politischen Konstellationen. Mein Lieblingswitz als politischer Witz war ein Witz über Helmut Schmidt aus dessen Kanzlerzeit. Helmut Schmidt war ja noch Kanzler in Bonn, und er hatte einen Fahrer, und dieser Fahrer baute einen Verkehrsunfall. Da er hinten drin saß, musste er als Zeuge vor Gericht. Helmut Schmidt wurde gefragt: „Wie heißen Sie?“ – „Helmut Schmidt“. Wo ist er geboren? Wann ist er geboren? Warum ist er geboren? Und dann fragt ihn der Richter nach dem Beruf. Und da überlegt Helmut Schmidt und sagt: „Größter Bundeskanzler Deutschlands seit Bismarck und wichtigster Weltökonom der Gegenwart.“ Nach der Verhandlung fragte er Bölling, der sein Staatssekretär war: „Wie war ich?“. Männer fragen ja immer danach, wie war ich? Und der Bölling druckste herum und sagte: „Ja, das war schon alles sehr gut, aber das mit dem größten Weltökonom und dem wichtigsten Kanzler seit Bismarck…“. Da unterbrach ihn Schmidt und sagte: „Sie haben völlig recht. Ich bin ganz Ihrer Meinung. Aber was sollte ich machen? Ich stand schließlich unter Eid.“

Ja, das ist ein Witz, der auf verschiedensten Ebenen lustig ist.
Ja, und ich finde, dass er Helmut Schmidt sehr gut charakterisiert. Es gibt einen Witz von Helmut Schmidt, als er Kanzler war und etwas verzweifelt über die sozialen Ansprüche, die an den Kanzler und seine Partei damals gestellt wurden. Da hat er folgenden politischen Witz sogar im Fernsehen erzählt. Er ist ja Hamburger und hat gesagt: „Ein Kind fällt im Januar in die Außenalster. Es ist wahnsinnig kalt, und ein Mann springt beherzt hinterher, rettet das Kind, einen kleinen Jungen, und bringt ihn zur Mutter. Die Mutter guckt und sagt: „Wo ist die Mütze?“ – die Mütze ist das soziale Anspruchsdenken, das er damit charakterisieren wollte. Ich finde, politische Witze sind wahnsinnig kurzlebig, aber schön, weil sie etwas aufbewahren. Mein Lieblingswitz über Walter Ulbricht ist der, dass Walter Ulbricht beispielsweise an seinem Geburtstag zu seiner Frau Lotte sagt: „Nu Lotte, mein Herz, was wünschst du dir zum Geburtstag?“. Sie sagt: „Ach Walter, wenn du einen Tag die Mauer aufmachen könntest“. Da sagt er: „Kleine Schnecke, willst wohl alleine mit mir feiern?“. Dieser Witz hat insofern eine neue Motivation, da Walter Ulbricht eine Woche vor dem Mauerbau gesagt hat: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“, und dass dieser Witz als Sprechblase, als Sprachaufnahme und als Postkarte in Berlin inzwischen sehr beliebt ist mit dem Text „Niemand hat die Absicht einen Flughafen zu errichten“. Daran können wir auch sehen, wie sich Witze der Zeit anpassen.

Sehr interessant. Vor allen Dingen, weil Sie sich auch so viele Witze merken können und die in Büchern herausgeben und die auch beim Lesen noch lustig sind. Worüber machen Sie keine Witze?
Ach, ich mache keine Witze über Sachen, die Gefühle von Leuten verletzen könnten. Obwohl, manchmal kann ich es mir nicht verkneifen. Ich habe mit Eckard von Hirschhausen einen Witzeabend gemacht, und da erzählte ich einen Stottererwitz und er erzählte auch einen, und ich finde beide eigentlich sehr gut. Der von mir geht so – oder man kann auch sagen, die beiden gehen so: Ein Freund hat einen Stotterer und der tut ihm sehr leid, und er liest eine Annonce in der Zeitung: „Stotter-Schule am Jungfernstieg – in drei Monaten garantiert vom Stottern befreit“. Dann gibt er das seinem Freund. Nach drei Monaten treffen sie sich wieder und da sagt der Freund zu dem ehemaligen Stotterer oder zu dem Stotterer: „Na, wie geht“s?“, da sagt der Stotterer: „Fischer´s Fritz fischt frische Fische, frische Fische fischt Fischer´s Fritz“. Da meint er: „Das geht doch großartig!“, darauf sagt der andere: „B-b-b-bloß, p-p-aßt nicht immer“. Das ist der eine. Der zweite: Eine Sekte, die Heiligen der letzten Tage, will Bibeln verkaufen und sucht mit einer Annonce Bibelverkäufer. Da bewirbt sich ein Stotterer und sagt: „Ich möchte B-b-b-bi-bi-bi-bi-beln verkaufen“. Der Veranstalter traut sich nicht, ihm zu sagen, dass er nicht der Richtige dafür ist. Er gibt ihm eine Bibel. Nach zehn Minuten kommt er wieder und hat die Bibel verkauft. Dann gibt er ihm drei Bibeln. Nach einer halben Stunde hat er die drei Bibeln verkauft. Am Abend hat er zwanzig Bibeln verkauft – der Beste von allen Verkäufern. Da sagt er: „Es geht mich ja nichts an, aber wie machen Sie das?“. Da sagt er: „Ich-ich k-k-k-klingele und wenn die T-t-ür aufgeht sage ich: Soll ich Ihnen aus der B-b-b-b-ibel vorlesen oder wollen Sie sie lieb-b-b-er kaufen?“. Und damit sind sie gleich verkauft. Also das sind Behindertenwitze, die die Behinderten nicht verletzen, die deshalb gehen.

Wie ist es mit der Religion?
Ach mit der Religion? Ich denke Sie wissen, dass es bei manchen Religionen zurzeit lebensgefährlich sein kann, über sie einen Witz zu machen, und ich wäre weder so blöd, noch so vermessen, einen zu machen, aber ich mache trotzdem einen. Und ich danke dem Georg Hensel, dem Kritiker der FAZ. Als der Ajatollah in Persien die Herrschaft übernahm, hat er mir diesen Witz erzählt: Der Witz ist ein so blöder Witz, dass er genial ist. Ich erzähle ihn mal: Der Ajatollah geht durch Zürich und kommt ins Rotlichtmilieu. Da beugen sich die Prostituierten aus dem Fenster und sagen: „Komm eini, komm eini“. Da sagt er: „Geht nicht. Is lahm“. Darauf kommt der Papst hinterher, lächelt und sagt: „Vati kann“. Also der ist so schrecklich blöd, dass er schon wieder genial ist. Es gibt natürlich ernstere religiöse Witze. Ich mag einen Witz sehr, den hat mir Jurek Becker erzählt: Der Sohn eines orthodoxen Juden kommt am Abend seines 18. Geburtstags zu seinem Vater und sagt: „Vater, ich werde morgen zum Christentum übertreten.“ Da sagt der orthodoxe Jude: „Das kannst du doch nicht machen, du kannst den Glauben und die Religion deiner Väter nicht verraten.“ Der Sohn antwortet: „Das ist mir egal. Ich bin morgen volljährig, dann trete ich zum Christentum über“. Darauf hadert der Vater mit Gott, und Gott erscheint ihm auch als Stimme und sagt: „Was ist?“. Da sagt der Vater: „Mein Sohn möchte zum Christentum übertreten“, und Gott antwortet: „Sei ruhig, das ist mir auch passiert“. Darauf sagt der Vater: „Das ist dir auch passiert? Was hast du gemacht?“. Gott antwortet: „Was werde ich gemacht haben? Ein neues Testament.“

(lacht, etwas verhalten)
Der muss nachwirken, dann ist der sehr schön.

Ja, der gibt ja sehr zum Nachdenken Anlass. So, meine Frage haben Sie noch nicht beantwortet. Worüber würden Sie jetzt wirklich keinen Witz machen? Im Moment habe ich noch das Gefühl, da gibt es gar nichts.
Es gibt Einschränkungen, wo man Witze wann erzählt. Ich denke, Witze sind im Prinzip an der Grenze zu Tabuverletzungen. Da müssen sie auch sein, weil sie, laut Freud, eine befreiende Funktion haben, gegen die Zensur des Über-Ichs und die Unterdrückung des Es und des Unter-Ichs. Es sind Ventile gegen die moralischen und kirchlichen und gesetzlichen Vorschriften. Ich kenne einen Witz aus der Zeit der Gründung des Staates Israel: Da kommt ein Schiff mit den Heimkehrern in Israel an, und ein Reporter steht am Ufer und sagt: „Hier kommen wir wieder zurück in unsere Heimat“. Alle freuen sich, nur Kohn freut sich nicht. Da frägt der Reporter den Kohn: „Kohn, warum freust du dich nicht?“, da sagt Kohn: „Doch, doch, ich freue mich. Aber wenn uns schon die Engländer ein Land schenken, das ihnen nicht gehört – warum nicht die Schweiz?“. Das war damals natürlich ein ausgezeichneter Witz. Jetzt ist er vielleicht wieder gut.

Es gibt ja durchaus Menschen, die, wenn es um Religion geht – ich will es jetzt nochmal hinterfragen – plötzlich keinen Spaß mehr verstehen. Aber das wäre bei Ihnen überhaupt nicht so. Wenn es bei Ihnen um Religion geht, verstehen Sie Spaß.
„ Also ich liebe zum Beispiel einen Witz, von dem ich nicht einmal weiß, ob es ein italienisch-katholischer oder ein jüdischer Witz ist. Ich weiß es nicht. Es ist die berühmte Szene von Jesus und der Ehebrecherin. Er hat die Menge gerade beruhigt und er sagt: „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein“, da fliegt ein Stein und er schaut in die Richtung und sagt: „Mama, du nervst.“

Glauben Sie, dass man das jedem Menschen so erzählen kann? Vor allem auch in der katholischen Kirche?
Ich glaube, die katholische Kirche ist die Kirche, die am besten mit Witzen umgeht. Ich glaube, ich habe nie bessere Witze gehört als von katholischen Priestern oder von katholischen Gläubigen.

Woran liegt das ihrer Meinung nach?
Ich weiß nicht. Vielleicht liegt es daran, dass es in der katholischen Kirche, wie in jeder Kirche, sehr viele Strömungen gibt. Und es gibt eine Strömung, die würde ich die romanische und barocke Lebensfreude nennen. Es liegt vielleicht auch daran, dass die katholische Kirche die Erleichterung der Beichte hat. Also da kann man ruhig mal über die Stränge schlagen. Wenn man es dann beichtet, dann ist es schon wieder gut. Und dann vielleicht auch daran, dass sie wirklich in einer tausend- bis zweitausendjährigen Geschichte auch manchmal eine große Gelassenheit entwickelt hat. Das gilt nicht für die katholische Kirche in der Diaspora oder wenn sie unterdrückt ist, aber wo sie großzügig ist, da ist sie das. Ich erinnere mich an einen Witz aus dem Nachkriegs-Bayern, als da sehr viel protestantische Flüchtlinge waren. Das war noch die Zeit, sie werden es gleich sehen, als Frauen andere Berufe wählten als heute. Da fragt eine Lehrerin in der Handarbeitsschule was denn ihre Mädchen werden wollen. Die erste will Sekretärin werden, die zweite Stenotypistin, die dritte Verkäuferin und eine sagt Prostituierte. Da wird die Lehrerin völlig blass, unterbricht den Unterricht, rennt zum Rektor und sagt: „Herr Direktor, Herr Direktor, in meiner Klasse ist ein Mädchen, das möchte Pro-pro-pro…“, da sagt er: „Setze Sie sich erst einmal hin und sprechen Sie es ruhig aus“. Da sagt sie: „In meiner Klasse ist ein Mädchen, die möchte Prostituierte werden“. Da meint der Direktor: Gott sei Dank, ich habe schon befürchtet, Protestantin“. Also der Witz lebt inzwischen auch nicht mehr. In Bayern heiraten Protestanten und Katholiken als wäre es ein Aufwaschen, also das ist längst vorbei.

Ich habe gelesen, dass Sie in einem sehr katholischen Land in Brasilien eine positive Erfahrung gemacht haben.
Ach ja, es ist so: Ich war zum zweiten Mal in Rio de Janeiro, bin mit dem Schiff angekommen, sah da die Christusstatue stehen und merkte, was das für eine sündige, lebenslustige Stadt ist. Ich bin da hochgefahren und dachte, mein Gott was für ein Gefühl, dass Christus seine Arme über ein wahnsinniges Panorama, das ein großes Sündenbad ist, ausbreitet und man trotzdem denkt, er hat recht.

Und was sagt Ihnen das über ihre eigene Religion?
Das sagt mir nur, dass man mit der Religion vielleicht so gelassen umgehen soll, wie es die brasilianische Kirche tut. Ich meine, der jetzige Papst ist zwar aus Argentinien, aber der zeigt ja auch auf einmal eine große Gelassenheit und eine franziskanische Geduld zur gleichen Zeit.

Und das tut dann gut.
Ich denke schon, ja.

Sind Sie selber ein religiöser Mensch?
Nein.

Warum sagen Sie das so entschieden?
Auch dazu kann ich Ihnen eine schöne, österreichische Geschichte erzählen. Ein Atheist und ein Agnostiker sind auf der Straße in einer erhitzten Definition. Da sagt der Atheist schließlich: „Es gibt keinen Gott. Ich glaube nicht an Gott.“, da sagt der Agnostiker: „Sehen Sie, das ist der Unterschied zwischen uns beiden. Ich glaube nicht einmal das.“

(lacht) Und wer sind Sie? Agnostiker oder Atheist?
Ich bin Agnostiker.

Wie kommt das? Wie sind Sie das geworden?
Das weiß ich nicht. Das hat Gott so über mich verhängt, wenn es ihn gibt.

(lacht) Das ist ganz schön schwierig, mit jemandem, der so viel Humor hat und Witze kennt, über Religion zu sprechen.
Ja, ich weiß das, ich merke das schon. Das stimmt.

Lassen Sie uns über ihr neues Buch noch kurz sprechen: „Frauen sind auch nur Männer“. – Das erste, was mir bei dem Titel eingefallen ist, ist diese, auch in den Kirchen besonders verbreitete, Eigenart, immer von Menschen und Menschinnen und Christen und Christinnen und so weiter zu sprechen. Sie wissen was ich meine – wie finden Sie das?
Also, ich finde zum Beispiel ein Höhepunkt der Sprachhuddelei oder Sprachheuchelei ist, dass an der Leipziger Universität auch männliche Professoren sich inzwischen Professorinnen nennen müssen.

Ist das wahr?
Das ist wirklich wahr. Ich erzähle Ihnen nichts. Wenn Sie in Leipzig Professor werden, sind Sie eine Professorin. Und das ist sozusagen der historische Ausgleich für ein jahrhundertelanges Unglück. Ich finde es trotzdem eigentlich einen furchtbaren Mist. Aber so ist das. Die Sprache kann natürlich, wenn sie verengt wird, nichts korrigieren, was nicht in den Köpfen der Menschen drin ist.

Stellen Sie sich vor, Sie müssten Ihre Witze so geschlechtsneutral erzählen, dass Sie immer beide Formen benutzen.
Das geht gar nicht. Ich glaube, ich könnte mein Leben auch gar nicht gestalten, wenn ich mir dies vorstelle. Nein das geht nicht.

Warum haben Sie das Buch geschrieben?
Ich habe das Buch gar nicht geschrieben, sondern ich schreibe jeden Samstag in zwei Zeitungen eine wöchentliche Glosse. Und die werden dann gesammelt und merkwürdigerweise ist das jetzt schon der vierte oder fünfte Glossenband, weil die sich einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Meine Lektorin, Ingrid Grimm und ich, wir suchen zusammen aus, was überlebt und was überlebt am Wenigsten. Ich glaube, es sind viel weniger politische Glossen drin, als in den Zeitungen, weil die natürlich oft am ehesten verwelken.

Also, ich habe gelesen, Sie würden, ehe Sie die Glosse tatsächlich geschrieben haben, nicht schlafen können.
Nein, ich kann, bevor ich sie noch nicht geschrieben habe, nicht schlafen, weil mir keine einfällt.

Das kann man sich nicht vorstellen.
Das können Sie sich gut vorstellen. Ich muss heute Nacht wieder eine schreiben, die muss bis morgen Mittag fertig sein. Und ich habe noch keine.

Und was gibt dann den Ausschlag?
Die Not. Das sind Notgeburten.

Sie wollten uns eine Geschichte vorlesen aus dem Buch. Die würde ich jetzt gerne noch hören.
Also ich kann Ihnen sagen, ich kann nochmal wiederholen: Witze sind – und Glossen sind es auch – Ausdruck von überwundenem Unglück oder Stress oder schlechten Erfahrungen. Ich lese eine Glosse aus dem August 2012. Ich war, wie fast jedes Jahr bei meiner Schwester in Südfrankreich, die dort ein Weingut in einer sehr schönen Gegend hat. Und es ist dort im August fast unerträglich heiß, also das sind schon einmal 39 Grad. Und das ist ja nicht wenig, selbst wenn man in freier Natur ist: „Die Wassermelone. Salernes wäre ein verträumter provenzalischer Marktflecken, wenn es die Sommertouristen und den daraus resultierenden Mangel an Parkplätzen nicht gäbe. Es liegt acht Kilometer vom Weingut meines Schwagers entfernt, ein Platz, der das Paradies auf Erden wäre, wenn es des Nachts keine Mücken, tagsüber keine Wespen und Tag und Nacht keine brütende Hitze gäbe. Alles Verträumte und Paradiesische ist immer mit einem „Wenn“ verbunden, genauer: von einem „Wenn“ nicht eingeschränkt. Wäre es nicht so, könnte man es vor Glück auf Erden nicht aushalten. Ich komme zur Melone, zur Wassermelone, der köstlichsten Frucht bei 39 Grad Hitze und von großer Attraktivität als Mittagsmahl im Schatten, für Mensch und Wespe. Eine summende, handwedelnde Idylle. „Wollen Sie eine Ganze?“, fragt der Gemüsehändler und zeigt auf einen grünen Riesenballon. „Eine halbe“, sagt meine Frau. „Eine Ganze“, sage ich mit dem Argument: „bei der Hitze“. Der Gemüsehändler schlägt mir vor, mit der Melone und den dicken Ofenkartoffeln in einem Karton vor dem Laden zu warten, während meine Frau das Auto vom weit entfernten Parkplatz holt. Meine Frau, praktisch wie immer, schlägt mir vor, ich solle an der Hauptstraße oben warten. Ich schleppe die Kiste zur Ecke, warte 10 Minuten, da kommt auch schon meine Frau, hält mitten auf der Straße, ich stürze zum Kofferraum, der geht nicht auf. Der Polizist beobachtet uns, kommt, und sagt freundlich, während ich am Kofferraum herum rüttle, er werde meine Frau am Fenster verständigen, die hektisch versucht, im Mietwagen den Öffner-Knopf für den Kofferraum zu finden. Sie sieht den Polizisten neben der Scheibe, denkt: „Oh Gott, ich halte im Halteverbot“, gibt Gas und rast davon. Ich stehe da mit meiner Riesenmelone. Eine Viertelstunde später, der Polizist wartet mit mir, kommt sie auf Umwegen über das Einbahnstraßensystem wieder angefahren. Meine Frau sagt später beim Losfahren, wegen des „Kackpolizisten“ habe sie nicht anhalten können. Sie fürchtete ein Strafmandat. Sie sagt wirklich „Kackpolizist#, was sie sonst nie sagt. Es ist sehr heiß und ich sage: „Das ist gar kein Kackpolizist, der hat mir helfen wollen. Du bist sinnlos davon gebraust“. Der Polizist packt die Melone mit mir in den Kofferraum, ich rufe ihm in meinem spärlichen Französisch ein herzliches „Merci“ zu. Das Leben wäre ein Paradies, wenn wir die Welt nicht missverstehen würden. Die Wespen wissen noch nichts von ihrem Melonenglück.“

Diese Glosse ist sicher aus der Situation geboren.
Ja.

Sind da immer wahre Geschichten im Hintergrund?
Wahre oder annähernd wahre, also nicht hundertprozentig wahr. Wir waren letztes Jahr wieder da und jedes Mal wenn wir auf dem Marktplatz waren, hat sich diese Geschichte literarisiert. Dann sagte meine Frau: „Hier habe ich auf dich gewartet“ (Lacht). Also Geschichten erzeugen dann auch ihre eigene Realität.

Eine allerletzte Frage: Wenn Sie mal einen Wunsch frei hätten, Sie dürfen sich so richtig wünschen, was sie wollen, was könnte das sein?
Dann würde ich Ihnen die Geschichte von den drei Wünschen von Johann Peter Hebel erzählen. Kennen Sie die?

Die kenne ich, ja.
Also, eine Fee kommt zu einem Ehepaar und sagt, sie hätten drei Wünsche frei. Sie sollen aber sehr vorsichtig sein und mit den Wünschen gut umgehen. Sie überlegen die ganze Woche hin und her und als am Sonntag die Frau das kärgliche Kraut zum Mittagessen hereinbringt, entfährt es ihr: „Jetzt wäre es schön, wenn wir ein paar Würste dazu hätten.“, und Wupp, liegen ein paar Würste auf dem Teller. Der Mann, der seine Frau ohnehin für dümmer hält als sich, sagt jähzornig: „Oh du dummes Weib, ich wünschte, die Würste hingen dir an der Nase.“ Und Wupp ist der zweite Wunsch weg. Nun muss das Ehepaar den dritten Wunsch für eine Schönheitsoperation verwenden, um die Würste wieder von der Nase zu zaubern. Und das Schöne bei Johann Peter Hebel ist, die haben die drei Wünsche völlig vertan und verprasst. Sie leben nach diesem Wunschgewitter fortan glücklich und in Frieden und deshalb glaube ich nicht an Wünsche, die man erfüllt bekommt.

Danke schön für das Gespräch, Hellmuth Karasek, und für viele von seinen noch größeren Geschichten. Vielen Dank.

 

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