Daniel Alter

Deutscher Rabbiner

Daniel Alter ist der erste, in Deutschland ausgebildete Rabbiner nach dem Holocaust im Dritten Reich. Daniel Alter, 1959 geboren und in Frankfurt aufgewachsen, studierte in Heidelberg Judaistik und wurde schließlich nach der Ausbildung in Potsdam Rabbiner. Heute hat er sein Büro in der Oranienburgerstraße in der neuen Synagoge in Berlin. Vor seiner Berliner Wohnung war es auch, dass er 2012 krankenhausreif geprügelt wurde aus antisemitischen Motiven.

 

Herr Alter, der Angriff auf Sie hat Sie nicht gebrochen, das durfte man überall nachlesen, aber er hat Sie bestimmt verändert. Wie ist es mit Ihnen danach weitergegangen?
Für mich war relativ schnell klar, dass ich mich gegen das, was passiert ist, wehren möchte, weil ich nicht möchte, dass das meinen Kindern, den Kindern meiner Kinder oder anderen Kindern irgendwo in unserer Stadt auf irgendwelche Weise widerfährt. Es war mir wichtig, den Kampf gegen diese Form von aggressivem und gewalttätigem Antijudaismus und Antisemitismus aufzunehmen. Da ich aber schlecht mit den Tätern in einen Boxring steigen kann, habe ich mich dafür entschieden, sie sozusagen in meinen Boxring zu holen. Mein Boxring heißt inhaltliche Auseinandersetzung, Dialog und Aufklärung. Ich habe mich dafür entschieden, mich intensiver für den interreligiösen Dialog und für Aufklärung und Bildung über und um das Judentum herum einzusetzen.

Sie haben ja sehr viele Solidaritätsbekundungen aus der Bevölkerung bekommen. Nicht nur von Juden, sondern auch von Christen und Vertretern anderer Religionen. Hat das für Sie eine Rolle gespielt in Ihrem Bestreben, sich gegen die Angriffe zu wehren?
Das war sehr positiv, und es hat insofern eine Rolle gespielt, weil ich denke, dass es meinen Kindern, meiner Familie und auch mir geholfen hat, das alles besser zu verarbeiten und schneller damit fertig zu werden. Aber mein Entschluss kam eigentlich ziemlich schnell und spontan zustande und wurde durch die Situation um mich herum eigentlich nicht beeinflusst.

Aber Sie sind danach anders durch Berlin gelaufen als vorher? Die Bedrohung ist doch sicher anders, wenn man sie körperlich erlebt hat, als wenn man nur theoretisch von der Gefahr weiß?
Am Anfang war mancher Schritt vielleicht ein bisschen zögerlich, aber ich glaube, sagen zu können, dass ich mich jetzt genauso bewege, wie vor einem Jahr.

Also Sie haben keine Angst?
Ich habe nicht mehr Angst als vorher.

Wie würden Sie heute, 2014, die Bedrohung von Juden in Berlin einschätzen?
Es ist schwierig, das durchgängig zu beantworten. Sie haben ja die Sicherheitsvorkehrungen vor unseren Einrichtungen, vor den Synagogen, Grundschulen und Kindergärten gesehen. Ich denke, diese Sicherheitseinrichtungen wie Panzerglas, Metalldetektoren, Polizei, Sicherheitsleute und Sicherheitsorganisationen verschaffen uns Sicherheit – sind aber gleichzeitig auch notwendig. Das heißt für mich, dass meine Kinder inzwischen auch zwischen Panzerglas und bewaffneten Polizisten aufwachsen. Das ist natürlich verstörend und unangenehm, aber offen gestanden, es wäre noch unangenehmer, das nicht zu haben. Unsere Zentren, Institutionen und Häuser sind gut geschützt, daher empfinde ich dort keine allzu große Bedrohungslage. Wenn man sich in der Stadt Berlin allerdings offen als Jude zu erkennen gibt, dann kann das sehr unangenehme Folgen haben.

Was erleben Sie da so im Alltag?
Ich erlebe nicht mehr so viel, da ich seit einigen Jahren meine Kippa nicht mehr offen trage, sondern eine Mütze darüber trage. Früher habe ich, wenn ich an gewissen Hotspots vorüberging, wo sich häufig auch Jugendliche trafen, mindestens mit Pöbeleien, Beschimpfungen und Provokationen rechnen müssen.

Sind das zum Beispiel muslimische oder rechtsextremistische Jugendliche? Wie schätzen Sie diese Personen ein, die Sie anpöbeln?
Man sollte es nicht nur auf diese beiden Gruppen aus der Bevölkerung Berlins beschränken. Ich habe auch Pöbeleien und Provokationen erfahren von Menschen, die, soweit man das optisch überhaupt zuordnen kann, keiner der beiden Gruppen angehören. Ich habe sehr häufig dort, wo sich junge Menschen mit islamischem, türkischem oder arabischem Migrationshintergrund treffen, Erfahrungen mit Pöbeleien gemacht. Ich kann mich erinnern, dass ich zum Beispiel an einer Bushaltestelle angesprochen wurde, ob ich jüdisch sei und als ich das bejaht habe, wurde mir herzhaft entgegengeschleudert: „Ich hasse alle Juden!“. Das ist natürlich nicht so schlimm, aber doch auch ein Übergriff. Es gibt Ecken in Berlin, in denen ich diese Übergriffe, diese Provokationen, diese verbalen Pöbeleien einem eher rechtsradikalen oder rechtslastigen Spektrum zuordnen würde. In anderen Ecken Berlins kommen die Pöbeleien eher von Jugendlichen mit islamischem, arabischem oder türkischem Migrationshintergrund. Aber, wie gesagt, dürfen wir das Problem des Antisemitismus, des Antijudaismus nicht auf diese beiden Gruppierungen der Gesellschaft reduzieren. Es gibt auch einen profunden Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft, der sich aber häufig zurückhaltender äußert, der aber letzen Endes genauso belastend und genauso gefährlich ist.

Das klingt unheimlich ernüchternd für das Deutschland des Jahres 2014. Einerseits sind Sie in Deutschland ausgebildet worden – es wurde ja damals auch gefeiert, dass Sie als erster Rabbiner in Deutschland ausgebildet wurden. Aber andererseits ist es eigentlich nahezu unerklärlich, dass Sie diese Form von Antisemitismus im Alltag erleben?
Ich denke, es spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Wenn wir über islamischen, arabischen oder türkischen Antisemitismus reden, muss man genau hinschauen, was dort die Ursachen sind. Wir haben einmal den Nahost-Konflikt, der immer wieder als Rechtfertigung für den Antisemitismus benutzt wird, allerdings nicht ausschließlich aus dem arabisch-islamischem Antisemitismus heraus. Das finden wir auch im linken, rechtsradikalen oder auch im bürgerlichen Antisemitismus. In der arabisch-islamischen Community oder in der türkischen Community spielen Verschwörungstheorien eine große Rolle. So ist zum Beispiel von türkischen Politikern in der Öffentlichkeit mehrfach der internationalen jüdischen Gemeinschaft, um nicht zu sagen dem Weltjudentum, die Schuld für die Auseinandersetzungen rund um den Gezi-Park gegeben worden. Es gibt unglaublich aggressive türkische Fernsehprogramme und Filmproduktionen wie zum Beispiel „Das Tal der Wölfe“, die bei türkisch-arabischen Jugendlichen teilweise schon Kultstatus erreicht haben, in denen irgendwelche islamischen 007-mäßigen Superagenten reihenweise CIA-Agenten töten. Im zweiten Teil des „Tal der Wölfe“ zum Beispiel haben israelische Ärzte einem türkisch-arabischen Mädchen ihre wundervollen blauen Augen weggenommen, um sie einem jüdischen Mädchen einzupflanzen. Hier werden also auch in diesen Filmen die klassischen antisemitischen Stereotypen bedient. Bei der arabisch-türkisch-islamischen Community spielt mit Sicherheit Propaganda über verschiedene Satellitensender eine Rolle. Der Propagandakanal der Hisbollah ist zwar verbannt worden, lässt sich aber via Satellitenschüssel empfangen. Bei vielen Familien flimmern diese Kanäle Tag und Nacht über den Bildschirm. Wir wissen zum Beispiel auch, dass es in Berlin eine Reihe palästinensischer Familien gibt, die seit dem Krieg im Libanon hier leben. Das sind alles Familien, die natürlich durch ihre Erlebnisse traumatisiert sind, aber hier wird auch häufig viel zu undifferenziert dem Judentum, stellvertretend für Israel, die Schuld am Nahost-Konflikt und an den damit verbundenen schrecklichen Ereignissen gegeben. Ich weiß aus meiner Zusammenarbeit mit arabischen Psychologen und Sozialarbeitern, dass gerade in diesen Familien, solche Fernsehkanäle mit einseitigen und teilweise auch brutalen Darstellung des Nahost-Konflikts permanent laufen. Das schafft natürlich einen Boden, auf dem grundloser Hass, aus dem letzten Endes Antisemitismus wird, sehr gut gedeihen kann. Wir haben starken Antisemitismus bedauerlicherweise auch in der bürgerlichen Mitte zu verzeichnen. Wir sehen das unter anderem an den Zuschriften, an den E-Mails, die jüdische Organisationen erhalten. Sie kommen immer mehr von gebildeten Bevölkerungsschichten, also nicht mehr von Menschen, die am Rande der Gesellschaft vor sich hin wursteln. Es sind Akademiker, Juristen, Lehrer, Universitätsdozenten.

Wie begründen die denn solche Äußerungen? Wenn ich Sie richtig interpretiere, sind solche Äußerungen aus der bürgerlichen Mitte neu.
Ich weiß nicht, ob diese Form des Antisemitismus, eben dieses Bewusstsein – „Man darf das doch jetzt mal sagen“, wirklich neu ist. Auch hier spielt häufig der an Israel orientierte Antisemitismus eine große Rolle. Da wird zum Beispiel Gaza mit einem Warschauer Ghetto oder mit einem Konzentrationslager gleichgesetzt. Auch werden zum Beispiel Hisbollah und Hamas verharmlost. Deren Ziel ist es bekanntermaßen, Israel zu zerstören und Millionen von Israelis umzubringen oder zu vertreiben. Das scheint ja auf den ersten Blick nicht antisemitisch zu sein, denn schließlich darf man ja Israel auch mal kritisieren. Aber in dem Moment, in dem eben zum Beispiel diese beiden Islam-faschistischen Organisationen verharmlost werden und deren Ziele relativiert werden, begibt man sich meines Erachtens nach genau auf das Parkett des Antisemitismus. Eine sehr unglückselige Rolle in diesem Fall haben zum Beispiel auch die Aussagen von Herrn Walser in seiner berühmt-berüchtigten Rede in der Paulskirche gespielt oder auch die Gedichte, die Herr Grass in jüngster Vergangenheit veröffentlicht hat. Hier ist eben genau dieses Bewusstsein angefeuert worden.

Das ist also die dunkle Seite ihrer Erfahrung?
Ich finde, man kann hier nicht von „meiner Erfahrung“ sprechen. Es gibt ja auch entsprechende Unterlagen, die dem Bundestag vorgelegt worden sind, und daraus geht eindeutig hervor, dass 20 Prozent aller Menschen der deutschen Mehrheitsbevölkerung latent antisemitische Vorurteile in sich tragen. Da geht es um den jüdischen Einfluss auf die Finanzmärkte, um den Einfluss in der Politik oder um ähnliche Dinge. 20 Prozent antisemitisch! Dazu kommt noch der Faktor X von vielleicht noch einmal fünf oder zehn Prozent aller Menschen aus der Mehrheitsbevölkerung, die nicht latent, sondern offen, teilweise sogar aggressiv antisemitisch sind. Wir reden also von etwa 30 Prozent aller Menschen der deutschen Mehrheitsbevölkerung, und dabei handelt sich nicht um eine Wahrnehmung, das ist tatsächlich belegt. Und alleine das ist schon ein sehr schwer zu akzeptierender Fakt.

Das wollte ich auch gar nicht in Frage stellen. Das ist sehr schwer zu akzeptieren. Ich wollte eigentlich auch noch über andere Erfahrungen mit Ihnen sprechen, über Erfahrungen, die in Richtung Dialog gehen. Gibt es einen Dialog mit diesen Gruppierungen, die Sie eben genannt haben, oder scheidet das komplett aus?
Natürlich gibt es diesen Dialog. Für mich persönlich war das eine der Konsequenzen aus dem, was ich erlebt habe. Ich versuche nun verstärkt in den Dialog und in die Aufklärung zu gehen. Im Rahmen des interreligiösen Dialogs hat es schon immer gute Kontakte mit den christlichen Verbänden gegeben, mit den evangelischen und katholischen Landeskirchen. Verstärkt gibt es derzeit sogenannte trialogische Projekte: Islam-Christentum-Judentum. Das gibt es durchaus. Allerdings denke ich mir, dass wir das rechtslastige Segment der Antisemitismus-Problematik mit solchen Dialogangeboten nicht erreichen werden.

Ist es denn denkbar – vielleicht ist es auch naiv, das zu fragen – aber wäre es denn denkbar, dass Sie mit Leuten ins Gespräch kommen, die vielleicht rechtsradikal angehaucht sind? Damit meine ich Menschen, die noch nicht wirklich ernsthaft überzeugt und politisch tätig sind. Wäre es möglich, dass im Gespräch mit Ihnen eine Art Erkenntnis entsteht?
Es ist schwer zu sagen. Natürlich kann man das versuchen. Und natürlich versuchen wir das auch. Ich bin persönlich mit jedem zum Dialog bereit, der mit mir reden möchte. Die Frage ist halt immer: Wen genau erreicht man damit? Zum Beispiel gehe ich regelmäßig an Schulen in Berlin und im Berliner Umland. Teilweise besuche ich diese Schulen auch mit Partnern zusammen, zum Beispiel mit Zeitzeugen der Shoah. Schulen mit mehrheitlich islamischen Schülern besuche ich zusammen mit einem Imam oder mit einem Vertreter der Moschee. Ich bin sicher, dass wir in jeder Schulklasse einzelne Schüler erreichen. Wie weit dann das bei einer ganzen Schulklasse nachhaltig wirkt, und wie es das Bewusstsein und den Umgang mit anderen Menschen verändert, das können wir nicht wissen. Ich bin mir allerdings sicher, dass wir, wenn wir mit einer größeren Gruppe arbeiten, zumindest einzelne Individuen erreichen, und das ist es mir persönlich auf jeden Fall wert.

Würden Sie von den Kirchen erwarten, dass diese sich stärker gegen Antisemitismus engagieren, dass sie Ihnen stärker zur Seite stehen? Jede Woche wird evangelischer und katholischer Religionsunterricht gegeben, in den Schulen wird auf breiter Basis das Thema Religion und letztlich auch das Thema Judentum thematisiert. Würden Sie sich da mehr Impulse erwarten?
Sehr oft ist das schon auf einem guten Weg, und sehr oft ist da auch eine Offenheit und der Wunsch nach echter, offener Auseinandersetzung. Aber auch hier muss man ganz genau hinschauen. Ich kann mich erinnern, dass zum Beispiel vor einigen Jahren ein hochrangiger Vertreter der Evangelischen Landeskirche öffentlich die Situation in Gaza mit dem Warschauer Ghetto verglichen hat. Natürlich ist es das Recht von Mitgliedern der Evangelischen Landeskirche, den Staat Israel zu kritisieren, das ist völlig klar, aber solche Vergleiche sind nicht nur inhaltlich falsch, sondern auch destruktiv. Sie fördern den Antisemitismus.

Ich vermute mal, dass viele Menschen gar nicht genau wissen, was jüdisches Leben ist, sondern dass die Beurteilung des Judentums weitgehend durch Vorurteile oder Halbwissen bestimmt ist. Wie würden Sie das beschreiben? Was macht eigentlich jüdisches Leben aus?
Jüdisches Leben ist sehr vielfältig und pluralistisch. Es gibt verschiedene religiöse Strömungen des Judentums, es gibt verschiedene Möglichkeiten religiöses Judentum zu leben. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, jüdische Spiritualität zu leben. Es gibt auch die Möglichkeit, Judentum unreligiös zu leben. Im Einzelnen zu differenzieren, welche Formen das haben kann, das würde den Rahmen unseres Gespräches sprengen. Aber für mich gehört natürlich auch das religiöse Leben dazu, und für mich gehören die Synagogen dazu, der Unterricht für jüdische Heranwachsende und Kinder. Aber jüdische Kultur und jüdisches Leben hat auch andere Aspekte, zum Beispiel die jüdischen Künstler und Schriftsteller, die sich in den letzten Jahren in Berlin wieder stärker angesiedelt haben.

Für Sie war es ja auch nicht von Kindheit an selbstverständlich, dass Sie mal Rabbiner werden würden, sondern das ist ein Prozess gewesen. Was hat Sie daran fasziniert? Warum haben Sie letztlich diesen Weg eingeschlagen?
Für mich persönlich war immer klar, dass es etwas gibt, was sozusagen oberhalb des Menschen steht. Mit der Wahrnehmung, dass der Mensch ein rein biologisch-organisches Produkt ist, das aus einer Anhäufung von elektrochemischen Reaktionen besteht, konnte ich mich nie anfreunden. Ich konnte mich mit dem, was ich als organisierte Religion in Deutschland kennengelernt habe, nicht identifizieren. Ich habe dann etwas später, als ich schon erwachsen war, liberale, nicht-orthodoxe Rabbiner kennengelernt, die mir einen ganz anderen Zugang zu meiner eigenen Religion eröffnen konnten. Das war für mich auch eine spirituelle Bereicherung. So kam ich dann schon in den 80er-Jahren auf den Gedanken, ins Rabbinat zu gehen. Damals habe ich es aber schlichtweg nicht fertig gebracht, denn es hätte bedeutet, in Amerika oder in Israel oder in Großbritannien zu studieren und mich ausbilden zu lassen, und das wollte ich damals nicht. 2001 hat Abraham Geiger, ein Kollege in Berlin, offiziell sein Tor geöffnet, und dann habe ich mich dafür entschieden, diesen Weg zu gehen.

Ich würde gerne ein paar Begriffe nennen und Sie sagen mir eine Assoziation dazu. Wie würden Sie denn einem Kind auf die Kürze Gott erklären?
Gott ist der Grund allen Seins. Er selbst ist gut und er hat uns geschaffen. Er hat uns die Möglichkeit gegeben, uns entweder gut oder böse zu verhalten, und wir müssen uns jeden Tag entscheiden, was wir tun. Gott tut nichts Böses, das tut der Mensch.

Was sagen Sie zur Sünde, die ja in der christlichen Theologie so eine große Rolle spielt?
Der Mensch wurde, wie gesagt, mit der Wahlmöglichkeit geschaffen, zwischen Gut und Böse zu entscheiden. Wenn er sich für das Böse entscheidet, entscheidet er sich für eine Sünde. Und für diese Sünde muss er individuell geradestehen. Wenn er sich gegenüber einem anderen Menschen versündigt hat, dann muss er gegenüber diesem Menschen für seine Sünde geradestehen. Hat er sich gegen Gott versündigt, so muss er das mit Gott geregelt kriegen.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Ja.

Wie stellen Sie sich dieses Leben nach dem Tod vor?
Wir alle wissen nicht genau, was nach dem Tod ist. Ich gehe davon aus, dass meine Seele unsterblich ist, im Gegensatz zu meinem Körper. Wie ein Leben nach dem Tod aussieht – ich bin leider nicht in der Lage Ihnen das zu sagen.

Ihre wichtigste religiöse Grundschrift ist die Thora – das Alte Testament. Wenn Sie das Neue Testament lesen, wie geht es Ihnen damit?
Das Neue Testament ist für mich die Heilige Schrift einer anderen Religion, die für eine andere Glaubensgemeinschaft heilig ist. Für mich hat das Neue Testament keinen heiligen Charakter.

Und wenn Sie im Koran lesen? Ich weiß nicht, haben Sie das getan?
Ich habe mich mit Inhalten des Korans auseinandergesetzt. Auch der Koran ist die heilige Schrift einer anderen Glaubensgemeinschaft, und es gibt eben nun einige größere Unterschiede zwischen diesen drei Glaubensgemeinschaften. Für mich ist meine Religion die Schlüssige, die Richtige. Die Heiligen Schriften der anderen Religionen sind das mit Sicherheit für die Gläubigen dieser anderen Religionen. Ich fühle mich nicht dazu berufen, darüber zu urteilen.

Wie könnte in fünfzig oder hundert Jahren, also mit deutlich mehr Abstand zur Shoah, jüdisches Leben in Deutschland aussehen?
Die gute Vision ist, dass es sich normalisiert hat und dass jüdisches Leben in der Bundesrepublik Deutschland zum Alltag gehört. Vielleicht so, wie das auch lange vor dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland war. Es gibt aber auch eine negative Vision: Wenn verschiedene Faktoren zusammen kommen, könnte das bedeuten, dass jüdisches Leben in Deutschland praktisch zum Erliegen kommt. Das hängt davon ab, wie sich unter anderem die Antisemitismus-Situation weiterentwickelt. Es hängt auch davon ab, ob die Debatte um die Beschneidung in der Bundesrepublik wieder aufgeheizt wird und wenn ja, wie diese dann entschieden wird.

Überwiegt die Skepsis?
Es überwiegt der Glaube an Gott.

Wenn Sie jetzt die Mehrheit ihrer Gemeinde anschauen, die Menschen die sie kennen, wie schätzen Sie die im Vergleich mit Ihnen ein? Sie sind ja, wenn ich das richtig interpretiere, der Meinung, dass mehr eigentlich nicht mehr passieren darf.
Ich könnte mir vorstellen, dass sich viele Menschen in unserer Gemeinde so fühlen. Ich werde von vielen Gemeindemitgliedern angesprochen, die mir sagen, dass sie ihren Davidstern niemals offen tragen würden. Ich kenne viele Eltern, die niemals zulassen würden, dass ihre Kinder mit einer Kippa offen auf der Straße herumlaufen. Einfach, weil sie Angst haben. Trotzdem kann man sagen, man kann noch in Deutschland leben. Wie müssen einfach kritisch und offen hinschauen, wie sich die Situation entwickelt. Wenn aus den vorhin angesprochenen Zahlen von den rund 30 Prozent Menschen mit antisemitischen Emotionen, Gefühlen und Vorurteilen, irgendwann 40 bis 45 Prozent werden sollten, was ja hoffentlich nicht geschehen wird, dann wäre sicher der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr ginge.

Danke schön, Herr Alter, für das Gespräch.

 

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