Tomi Ungerer

das deutsch-französische Multitalent

Tomi Ungerer im Gespräch mit Hanno Gerwin
Tomi Ungerer im Gespräch mit Hanno Gerwin
Tomi Ungerer im Gespräch mit Hanno Gerwin

Er ist ein Mensch mit vielen Talenten: malen, zeichnen, schreiben, erfinden, bauen und vor allem leben! Der Elsässer Tomi Ungerer ist gebürtiger und überzeugter Elsässer - ein Lebemann von Welt. Ungerer ist in New York und Irland zuhause und beherzt das Freie und Ungezügelte genauso, wie auch die elsässischen Tugenden, den Sinn für Disziplin und Ordnung. Er ist ein moralischer Künstler. Fast alle seiner Bilder wollen nicht nur unterhalten, sondern auch auf etwas hinweisen, manchmal erklären, manchmal belehren.
Sein Motto ist: Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd. Damit ist er schon früh angeeckt, hat provoziert und Kritiker auf den Plan gerufen. Aber mit seinem französischen Charme und seiner Liebenswürdigkeit hat Tomi Ungerer immer wieder versöhnt, Frieden gestiftet und Anhänger gewonnen.

 

Sie haben Ihr ganzes Leben lang karikiert, vieles auf den Kopf gestellt, Sie haben provoziert oder einiges sogar einfach übersehen und missachtet, und viele Preise dafür bekommen. Sie haben das Bundesverdienstkreuz, Sie haben den Orden der französischen Ehrenlegion, Kinderbuchpreise und viele andere. Das finde ich einen Widerspruch. Wie kommt das?
Ich habe jetzt über 140 Bücher herausgebracht , erotische Bücher, Satire, Obszönität der Gesellschaft und auch genau so viele Kinderbücher usw. Ich kann seit mindestens 20 Jahren sagen, dass ich ein sehr Mensch bin.
Je mehr Erfolg ich hatte, je mehr ich mich der Gesellschaft widmete, um so mehr wurde ich zum Pazifisten. Ich glaube, ich bin ein Erfolgskünstler. Ich danke dem Volk meinen Erfolg.
Vieles, was ich tue ist Provokation, aber die Hälfte meiner Energien verwende ich für Aktionen für die Zweisprachigkeit, für die Erziehung, gegen die Todesstrafe, für Amnesty International, für Caritas... Es gibt da kein Ende. Außerdem kann ich auch gut organisieren. Z.B. wurde vor vielen Jahren ein Gesetz in Frankreich eingeführt, das vorgibt, dass man eine zweite Sprache im Kindergarten unterrichten kann. Dieses Gesetz hab ich mit durchgebracht.

Wo nehmen Sie die Energie her?
Ich glaube, die Energie ist mir gegeben. Ich meine, das ist eine Sache der Begeisterung. Ich hab' ein Dreieck im Leben: eine Ecke ist Begeisterung, eine ist die Disziplin und die dritte Ecke ist der Pragmatismus. Ich meine dann, mit dem Druck des guten Willens bekommt man vielleicht eine Pyramide.

Oder ein bisschen Talent?
Ein bisschen Talent und zusätzlich noch mein Lasterwagen.

Was ist da drauf?
Das Schlimmste! Ich denke immer, wir haben das Gute und das Böse in uns. Und ich sehe immer, dass wir zwischen dem Guten und dem Bösen ein Niemandsland haben. Dieses Böse über dieses Niemandsland rüber zu bringen, zu locken und es dann benutzen, um Gutes zu tun, das findet man auch in meinen Kinderbüchern . Die drei Räuber, das sind böse Menschen. Und am Ende, was machen sie? Sie bauen Waisenhäuser und kümmern sich um verwaiste Kinder.

Ein toller Umgang mit dem Bösen. Die Moral ist Ihnen ja wichtig!? Sie sind ein moralischer Mensch!? Was gehört dazu?
Die Moral ist einfach: Tun, was dem anderen nicht schadet. Ich glaube, die Moral ohne guten Willen kann nicht funktionieren. Ich bin jetzt Botschafter im Europarat für Kindheit und Erziehung. Mein großer Plan ist, Kinder müssen schon im Kindergarten unterrichtet werden. Was muss man unterrichten? Es ist Respekt der Rassen, des Essens, der Arbeit, der Natur usw. und das alles zweisprachig, denn Sprache ist eine Öffnung.
In den meisten Familien arbeiten beide Eltern. Da haben wir die Delinquenz. Kinder kommen aus der Schule, haben nichts zu tun und sind auf der Straße und da gehört dieses Unterrichten dazu.

Ich will mal zu den Kindern noch zurück kommen. Woher wissen Sie, wie man mit den Kindern umgehen muss?
Die Religion verschwindet. Ich bin mein eigenes Kind, ich bin ein Kind geblieben, obwohl ich 70 Jahre alt bin. Ich bin halb Max und halb Moritz. Ich habe auch 3 Kinder. Ich hab' immer viel Kontakt mit der Jugend. Entweder durch Konferenzen oder Besuche in den Schulen - es ist für mich erfrischend.

Wie ist Ihre Erinnerung an Ihre eigene Kindheit?
Sehr gemischt. Mein großes Drama, war der Tod meines Vaters. Er starb, als ich zwei Jahre alt war. Dann kam der Krieg. Ich schrieb damals das Buch "Die Gedanken sind frei" . Ich war am Schanzengraben mit 14 Jahren, habe den Krieg gesehen, wie ein Soldat. Hätte es den Krieg nicht gegeben, wäre ich nicht Pazifist geworden. Ich habe auch realisiert, dass es überall gute Menschen gab. Die Franzosen sagten, alle Deutschen sind schlimm. Aber gute Menschen gibt es überall, gutes Material gibt es überall.
Ich bin sehr streng protestantisch erzogen worden Von der protestantischen Religion habe ich die Moral behalten, die Integrität, aber den Puritanismus habe ich durch Erotismus ersetzt. Ich kann Ihnen ein Beispiel geben. Ich wuchs nicht bei meiner Familie auf, sondern bei meinem Onkel, der Pastor war. Nachts kam er in mein Zimmer und stahl meine Zeichnungen, um sie zu verbrennen, mit der Begründung, Gott habe den Menschen nach seinem Bild geschaffen. Meine Karikaturen, die ich als Kind zeichnete, wären jedoch eine Sünde gewesen.

Wie haben Sie das als Kind aufgenommen?
Ich bin von dieser ganzen Heuchelei gezeichnet.

Aber die Religion ist Ihnen dann trotzdem wichtig?
Ja, denn ich finde, die Religion ist nutzbar, solange sie nicht in Fanatismus oder Extremismus umschlägt. Der Islam ist etwas Phänomenales. Meine Tochter und meine Frau sind Buddhisten, mein Schwiegersohn ist ein Flüchtling aus Tibet. Von jeder Religion kann man lernen. Für mich ist die Menschheit eine Religion.

Mich würde interessieren, ein Mensch wie Sie, der Sie auch zeichnen, malen, gestalten - wie stellen Sie sich Gott vor?
Ich würde mir kein Bild von Gott machen. Wenn Gott den Menschen wirklich nach seinem Bild gemacht hat, dann glaube ich nicht an Gott. Der Mensch ist so schlecht. Er hat nicht nur den Menschen geschaffen, sondern auch den Teufel. Und wieso sollte er den alten Adam 130-jährig mit einer Frau noch einen Sohn gezeugt haben lassen? Gott wäre ein Voyeur, ein sadistischer Voyeur.

Stellen Sie sich vor, es gäbe das Böse nicht, was würden Sie tun?
Dann wäre das Leben ganz langweilig.

Also ist er vielleicht doch kein Sadist, wenn er das Böse auf die Welt gebracht hat?
Ja dann ist er ein Provokateur, wie ich. Ich glaube an das Nachleben. Ich habe so viele Erfahrungen mit dem Tod. Ich kann morgen krepieren, alles in Ordnung.

Wie würden Sie Frieden als Bild malen?
Das Meer. Aber nicht im Sturm. Das Meer ist für mich der Frieden. Ich brauche die Horizontlinie. Das Meer mit seiner Horizontlinie, das wäre für mich wie Frieden.
Frieden wäre für mich auch ein gerader Strich, einfach so. Oder vielleicht sogar ein Seil. Nach diesem Seil möchte ich gerne tanzen.

Um noch einmal von Gott zu sprechen: Würden Sie kein Bild malen, kein Bild, das man in eine Kirche hängen könnte?
Doch das würde ich. Ich respektiere den Glauben an Gott. Mein Gott ist der gute Wille. Das genügt mir. Ich brauche keine Bibel. Die Menschenrechte z.B., das genügt mir. Wissen Sie, was Gott ist für mich? Die Natur ist Gott.

Also alles, was existiert?
Wenn ich mich im Wald gegen einen Baum lehne, um Energie zu finden. Dann kann ich Gott spüren.

Ich würde gerne noch was zum Tod fragen und dem, was es für Ihr Leben bedeutet. Hat es was damit zu tun, dass Sie Ihren Vater so früh verloren haben?
Ja sicherlich. Ja ich bin sehr davon markiert. Ich leide sehr viel unter seinem Tod. Ich habe einmal gesagt, er lebe nie. Das Leben ist eine Pause zwischen Geburt und Tod.

Und Sie haben keine Angst vor dem Tod? Noch nie gehabt?
Gar nicht, nein. Ich habe mehrere Erfahrungen diesbezüglich gemacht. Entweder im Spital oder sogar im Krieg, in ganz intensiven Momenten, Unfälle usw.
Ich bin auch schon vom Blitz getroffen worden. Ich bin fast ein bisschen ungeduldig. Ich würde jetzt gerne bald sterben. Ich habe Angst, langsam zu sterben. Das möchte ich nicht.

Wovor haben Sie Angst? Sie sagen, Sie haben Angst langsam zu sterben. Gibt es etwas anderes? Kennen Sie das, Angst?
Ich habe Angst vor mir selbst. Mit dieser Angst wurde ich geboren. Ich habe jede Nacht Albträume. Jeden Morgen erwache ich mit Angst vor mir selbst und dann kommen all die alten Sachen. Ich habe eigentlich auch Angst, kein guter Typ zu sein.

Aber nicht ernsthaft?!
Doch. Da bin ich geplagt von meinem protestantischen Hintergrund. Ich sage immer, ohne Gewissen wäre ich ein freier Mensch.
Wissen Sie, jedes Mal, wenn ich etwas Gutes tue, habe ich mir die Hände gewaschen. Aber morgen sind sie wieder dreckig, vielleicht schon nach einer halben Stunde.

Aber Ihr Leben war ein spannendes Leben.
Ja eben. Ja ganz spannend, sogar. Wissen Sie, das Abenteuer ist überall.

Wenn Sie einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Ich habe keinen Wunsch...

 

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