Ulrich Tukur

herausragender Charakterschauspieler

Ulrich Tukur im Gespräch mit Hanno Gerwin
Ulrich Tukur im Gespräch mit Hanno Gerwin
Ulrich Tukur im Gespräch mit Hanno Gerwin

Er spielte eine Fülle großer anspruchsvoller Rollen und wurde dafür mit fast allen wichtigen Filmpreisen ausgezeichnet. Ulrich Tukur, war „Schauspieler des Jahres“, bekam den „Goldenen Bären“, die „Goldene Kamera“, den „Grimme Preis“, den „Deutschen Fernsehpreis“ und eine Oscar-Prämierung mit dem Film „Das Leben der anderen“. Ulrich Tukurs Filmliste liest sich wie eine Chronik der deutschen Filmgeschichte der letzten 25 Jahre. Auch im Theater spielt der 1957 geborene Charakterdarsteller seit den 1980er Jahren herausragende Rollen. Das genügt Ulrich Tukur aber alles nicht: Er ist Musiker, und produzierte erfolgreich ein Album und gab im Herbst 2007 als Schriftsteller sein Debut mit „Venezianische Geschichten“.

 

Herr Tukur, Venedig ist Ihre Wahlheimat. Warum?
Als ich Venedig zum ersten Mal sah, dachte ich: wie schön! Ich empfand es als unglaublich, dass es auf der Welt einen Ort geben darf, der sich im Zustand seiner äußeren Schönheit nicht mehr verändern muss. Es wird nichts mehr abgerissen, es wird fast nichts renoviert – es darf so bleiben. Die ganze Menschheit treibt es nach Venedig, weil sie aus Städten kommen die immer hässlicher werden. Venedig ist ein unglaublicher Platz, aber nicht nur das Ästhetische hat mich dort hingeführt.

Auch der Verfall?
Die Stadt wurde zum Symbol des Vergangs, und nirgends ist der Verfall so prächtig wie in Venedig, wo man ihn gewähren lässt. Man schließt seinen Frieden mit der Tatsache, dass wir alle irgendwann mal gehen müssen.

Eine Ihrer Kurzgeschichten, „Die Seerose im Speisesaal“, hat autobiographische Züge und beginnt mit Ihrem Tod. Warum?
Ich dachte mir, man müsste eigentlich am Anfang selbst dran glauben um glaubwürdig zu sein und suchte mir eine Todesart aus, von der ich mir dachte, dass ich so ganz bestimmt nicht sterben werde, nämlich in einem Weinkeller auf eintausend Meter Höhe.

Würden Sie gerne so sterben? Sie merken es nicht, dass zu viel Kohlendioxid austritt und entschlafen sanft. Andere finden Sie und dürfen dann Ihre Weinfässer austrinken.
Ich stell mir das sehr angenehm vor.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ich hatte sehr lange sehr große Angst davor. Ich hatte aber Angst davor, dass dieses schöne, aufregende Leben, dieses wunderbare Geschenk, auf einmal aus sein soll und einem meist dann genommen wird, wenn man sehr viel verstanden hat und bereit dazu ist, es wirklich zu genießen. In Italien erfuhr ich diese Leichtigkeit der Menschen, die Sichtbarkeit und das Erleben des Todes.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Ich würde es mir wünschen, aber ich weiß natürlich, dass wir diese Leben nach dem Tod nicht in dieser Art und Weise leben, wie wir es jetzt leben und lieben. Unsere atomare Struktur wird sich auflösen und in einer anderen Art und Weise wieder neu zusammensetzen. Das wird natürlich kein menschliches Bewusstsein mehr sein.

Glauben Sie an Gott?
Als ich mein Buch schrieb bemerkte ich, dass ein seltsamer roter Faden durch mein Leben läuft. Ich glaube, um mit Hamlet zu sprechen, es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als sich seine Schulweisheit träumen lässt. Es gibt sicherlich ein System im Universum. Das Leben auf diesem Planeten weist darauf hin, dass es irgendein Prinzip gibt, und das könnte Gott sein. Nur ist dieses Prinzip von einer wunderbaren Gleichgültigkeit und so schön und so kalt wie die Sterne sind.

Beten Sie?
Nein, aber ich bedanke mich manchmal. Ich gehe auch gerne in Kirchen. Das sind ausgesprochen beseelte Orte, meditative Orte, und ich zünde, weil in der letzten Zeit einige meiner Freunde gestorben sind, auch immer eine Kerze an. Ich würde mich nicht als religiös bezeichnen, aber mir tut es gut zu wissen, dass ich nicht allein freischwebend durch dieses Universum treibe. Irgendeinen Halt braucht jeder Mensch.

Sie schreiben von einer heimlichen Leidenschaft für den Katholizismus.
Ja, ich liebe das Theater der katholischen Kirche. Aus der evangelischen Kirche hat es mich hinausgetrieben, sie ist mir zu unsinnlich, hat immer mit Birkenstockschuhen, mit scheußlichen Möbeln und langweiligen Predigten zu tun. In der katholischen Kirche ist es schön, und es riecht nach Weihrauch. Ich finde das so geheimnisvoll.

Wie sehen Sie die Person Jesus Christus?
Er ist für mich eine absolute Lichtgestalt. Denn in einer Zeit, die wirklich durchdrungen war von Kriegen, Eroberungen, Feldzügen und Morden, einen Pazifismus zu predigen und zu sagen: „Wenn du mich schlägst, dann halte ich dir auch noch die andere Backe hin“, dann finde ich das unglaublich. Er verstand, wie das Leben wirklich funktioniert: Man muss dem Leben zuarbeiten. Man darf keinen Menschen in seinem Leben beschädigen. Man läuft nur gut und glücklich und richtig durchs Leben, wenn man tolerant ist, wenn man das Leben respektiert. Dieser Mensch ist für mich einer, der einen tiefen Respekt vor dem Leben der anderen und dem eigenen Leben hatte. Er hatte eine Formel dafür gefunden, das zu predigen. Was über Jesus Christus in der Bibel geschrieben wurde, ist eine gesellschaftliche Maxime, mit der man leben kann und die richtig ist.

Sie haben sehr viele ernste Rollen gespielt, sind aber auch gerne der Komödiant.
Das Leben muss man feiern. Es ist so kurz, so schön. Man muss eine Form dafür finden. Sonst wäre Venedig auch nur ein Haufen toter Steine, ein leeres Bühnenbild. Das will bespielt werden, wie das ganze Leben!

In Ihren Rollen aber, sind Sie eigentlich der sehr auch das dunkle, das schwierige herausarbeitende Charakterdarsteller. Hängt das miteinander zusammen? Muss man so leicht sein auf der einen Seite, um auf der anderen Seite ernst und glaubwürdig wirken zu können?
Ja, ich glaube, das ist sehr hilfreich. Das Leben ist ganz grau und widersprüchlich, nie schwarz-weiß. Das Gute kann man nie alleine haben und das Böse auch nicht. Wenn man beispielsweise einen schlechten Charakter spielt, also eine Un-Figur spielt, dann muss man sie sehr menschlich machen, damit sie dann auch wirklich Angst macht.

Spielen Sie lieber die bösen Figuren?
Ja, natürlich! Die sind effektiver. Da kriegt man auch mal einen Filmpreis dafür. Für die Guten kriegen sie nix. Das kann ich Ihnen sagen!

Welche Rolle war Ihre beste?
Bonhoeffer habe ich sehr, sehr gerne gespielt, aber am meisten hat mich die Geschichte des Kurt Gerstein in „Der Stellvertreter“ fasziniert. Gerstein stammte ja wie Bonhoeffer aus der bekennenden Kirchenbewegung, war sehr religiös, sehr gläubig, ging aber einen sehr dunklen, widersprüchlichen und sehr gespenstigen Weg. Diese beiden Figuren, Bonhoeffer und Gerstein, finde ich sehr interessant: Der helle Bruder und der dunkle Bruder. Mich fasziniert der dunkle mehr, obwohl ich die Schriften von Bonhoeffer liebe.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich dann wünschen?
Ich kann es jetzt gar nicht auf einen Satz fokussieren.

Würden Sie gerne mal in die Vergangenheit reisen?
Sehr gerne! Vielleicht wird es ja auch irgendwann mal möglich sein. Es gibt Zeiten, die mich sehr interessieren.

 

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