Olaf Thon

den erfolgsverwöhnten Fußballer

Olaf Thon im Gespräch mit Hanno Gerwin
Olaf Thon im Gespräch mit Hanno Gerwin
Olaf Thon im Gespräch mit Hanno Gerwin

Er hat schon jetzt ein Stück moderne Fußballgeschichte geschrieben. Olaf Thon ist im Revier großgeworden und ein echtes Schalker Urgewächs. Noch nicht 18 Jahre alt, schoss er in einem Spiel gegen Bayern München drei Tore und wurde über Nacht in ganz Deutschland berühmt.
Als zweitjüngster Spieler kam er in die Nationalmannschaft und wechselte zum Entsetzen der Schalker Fans zu Bayern München. So wurde er dreimal Deutscher Meister und 1990 Weltmeister. Schließlich ging er wieder zu seinen Wurzeln, zu Schalke zurück.
Wegen seiner geschliffenen Sprache wird Olaf Thon auch "Professor" genannt. Vor kurzem hat der Fußballstar seine Profikarriere beendet.

 

Olaf Thon, Sie haben alle Erfolge gehabt, die man haben kann. 1990 waren Sie Weltmeister, mehr kann man nicht werden. Wie geht es danach weiter? Könnten Sie Präsident oder Trainer werden oder vielleicht etwas ganz anderes machen?
Schuster bleib bei deinen Leisten! So schließe ich normalerweise meine Sätze, jetzt beginne ich damit. Ich bin jetzt bei Schalke angestellt, und zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, im Jugendbereich. Das kann ich am Besten und da werde ich auch bei bleiben.

Wie ist das, wenn man die anderen spielen sieht?
Das Problem ist, dass ich wegen meines Alters aufhören musste. Sicherlich, ein Alter von 36 ist, wenn man ganz oben dabei sein will, schon zu alt. Aber meine Verletzungen haben dafür gesorgt, dass ich nicht weiter spielen konnte. Von daher wurde mir die Entscheidung abgenommen und ich habe auch keine Wehmut mehr, wenn ich Spieler auf dem Platz sehe. Ich erfreue mich an guten Spielen, vor allem in unserer Arena, die schon jetzt WM-tauglich ist. Denn 2006 freuen wir uns ja alle darauf, dass die WM nach Deutschland kommt.

Das wird bestimmt eine tolle Sache. Mal angenommen, Sie wären nicht Fußballer geworden, was hätte Sie sonst interessiert?
Im Nachhinein muss ich sagen, Arzt zu werden hat mich immer interessiert. Ich hatte viele Verletzungen, und dabei mit hervorragenden Ärzten kommuniziert, Fragen gestellt. Bei einem Glas Wein waren die Ärzte noch offener. So weiß ich jetzt schon viel über Medizin, über Verletzungen. Das wäre ein Traumberuf gewesen, wenn ich das hätte schaffen können. Aber ich habe in der Schule nicht aufgepasst und von daher schaffe ich das jetzt im hohen Alter auch nicht mehr.

Sie haben mit dem Fußball so früh angefangen, dass Sie gar nicht erst lang zur Schule gehen konnten, nicht wahr?
Genau, ich ging zehn Jahre zur Schule, mehr war nicht drin.

Wenn Sie verletzt waren, so hat das die Öffentlichkeit immer wieder mit Kummer verfolgt. Wie ist das, wenn man so eine Verletzung hat? Steht der Schmerz im Vordergrund? Wie ist das für einen Fußballstar, der plötzlich bedingt durch eine Verletzung komplett aus dem Geschäft ist?
Das ist natürlich mein Berufsrisiko. Darum hatte ich auch so große Angst beim Abschiedsspiel, nach fünf Minuten nicht weiter spielen zu können, wegen einer Verhärtung, Zerrung oder was auch immer. Aber ich muss sagen, die anderen haben immer mehr gelitten als ich selbst. Denn ich habe gesagt, der da oben macht es mir entweder einfach oder schwer, wie auch immer.
Ich glaube ein bisschen an Bestimmung, ohne religiös werden zu wollen. Ich sage mir: Okay, ich muss da durch! Und bin auch gut durchgekommen. Darum bin ich dankbar für 19 schöne Jahre. Jede Verletzung hatte aber auch etwas Positives. Für die Rückkehr von München nach Schalke 1994 hat eine Verletzung gesorgt, sodass der Wechsel überhaupt möglich war. Daher nehme ich das immer positiv.

Also es ist eine Krise. Können Sie mit Krisen umgehen?
Ja, ich versuche es, weil ich ein positiv denkender Mensch bin. Das Leben ist schwer genug. Und dann müssen wir es uns selber nicht noch schwer machen. Zu meiner Frau sage ich immer - wenn wir mal streiten, weil wir nicht immer einer Meinung sind, bei Kindererziehung oder sonstigem - Mensch machen wir uns das Leben schwer, was diskutieren wir!? Aber das muss wohl so sein.

Da spricht ein gewisses Urvertrauen heraus, wenn Sie sagen, der da oben, der wird es schon irgendwie wissen. Wie stellen Sie sich den da oben vor? Wie würden Sie ein Bild von ihm malen?
So religiös bin ich auch nicht, dass ich ein Bild malen würde. Wir kennen aus Filmen, wie man sich ihn so vorstellt. Gibt es ihn, gibt es ihn nicht? Weiß ja keiner! Aber in schweren Zeiten denke ich auch schon mal daran. Habe aber kein Bild vor Augen, direkt.

Haben Sie vor Spielen schon mal gebetet?
Ja, aber ganz heimlich. Beim Spielen jedoch nicht, habe aber auch gesagt: Mensch, jetzt lass uns mal alle zusammenhalten!

Not lehrt beten. Ist das richtig?
Das würde ich sagen, ja.

Sie haben zwei Kinder. Was sollen Ihre Kinder unbedingt mal glauben oder können? Oder welche Werte sollen sie haben, was wäre Ihnen wichtig?
Also sie sind ja jetzt schon zehn und zwölf und sollten dann selber frei entscheiden können. Mit zehn ist das noch nicht so weit, aber mit zwölf ist die Ältere jetzt in der Lage zu entscheiden, was das bedeutet und wächst da langsam rein. Wenn ich überhaupt eingreifen, tätig sein möchte, dann so hin gehend, dass ich versuche, Vorbild für meine Kinder zu sein.

In welcher Hinsicht?
In Hinsicht auf das Leben. Und von daher müssen Sie dann ihre Entscheidungen selber treffen.

Was sind für Sie wichtige Werte, von denen Sie sagen würden, das ist mir wichtig an einem Menschen, wenn ich ihn beurteilen soll?
Positiv durchs Leben zu gehen, für sich und für andere. Ehrlichkeit, soweit es möglich ist, an den Tag zu legen. Das wäre es eigentlich. Jeder muss sein Leben ohnehin selber in die Hand nehmen und dann für sich selber entscheiden. Eltern oder Freunde oder die, die einem positiv gesonnen sind, müssen dann unterstützend eingreifen.

Womit kann man Sie kränken? Was verzeihen Sie vielleicht schwer oder nicht?
Ich habe jetzt mein Abschiedsspiel mitorganisiert.. Wir hatten 60.700 Menschen im Stadion und für danach ein Fest für 1300 Leute organisiert. Wenn man dann Enttäuschungen erfährt, wenn einer nicht kommt. Und dann habe ich zu jemanden gesagt, du bist jetzt nicht mehr mein bester Freund, du bist jetzt mein zweitbester Freund. So gehe ich mit diesen Dingen um. Das sind kurzfristige Enttäuschungen. Aber ich weiß auch, dieser Tag war nicht für mich gepachtet. Dafür gab es welche, die haben ihren Geburtstag geopfert. Sie waren bei mir und haben mit mir gefeiert. Einer hatte sogar seinen 30-jährigen Hochzeitstag. Das sind Zeichen die es mir so richtig rundum schön machen.

Also sind Sie kein nachtragender Mensch?
Ich versuche es, ja. Manchmal denkt man zurück, aber dann muss man wieder nach vorne schauen.

Wovor haben Sie Angst? Kennen Sie das Gefühl?
Angst, ja sicherlich. Jeder hatte schon mal Angst. Ich muss sagen, ich versuche gesund zu bleiben. Das ist das wichtigste im Leben.

Was tun Sie für die Gesundheit außer Sport?
Ich laufe regelmäßig, ernähre mich allerdings nicht so gut. Da möchte ich noch ein bisschen besser werden. Ich gehe schon mal zum Arzt, lass mich untersuchen. Ich weiß nicht, wie ich das sonst noch beeinflussen kann, damit ich gesund bleibe. Ich bin im Oktober Marathon gelaufen, wofür ich mich durchchecken ließ. Das sollte ja jeder mal machen, wenn er ein bisschen reifer wird.

Sie haben sich sehr für die Krebsvorsorge engagiert, also dazu aufgerufen, dass Männer die Krebsvorsorge ernster nehmen sollen. Haben Sie da einen besonderen Bezug zu, haben Sie Erfahrungen gemacht mit kranken Menschen, Krebskranken?
Ja, natürlich. Wenn man in der Öffentlichkeit steht, kommen viele Anfragen. Es war in meiner Münchner Zeit schon so, hier in Schalke auch. Dass man dann auch zu Menschen geht, die in Not sind, die einen letzten Wunsch haben. Es ist nicht angenehm. Aber solche Erfahrungen machen mich stärker fürs ganze Leben.

Haben Sie Angst vor dem Tod?
Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, da ich ein positiv denkender Mensch bin.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Wäre schön, aber ich möchte nicht drüber nachdenken, denn jetzt leben wir. Was danach ist, das können wir alle nicht greifen. Ich habe auch noch nicht groß drüber nachgedacht.

Sie sind immer auch der Professor genannt worden, weil Sie einen klugen gebildeten Eindruck machen. Wie kam das?
Tja, keine Ahnung. Ich wurde natürlich oft gefragt, jetzt im Vorfeld des Abschiedsspiels, und ich glaube zu wissen, wie es aufkam. Das war das Interesse an meinen Verletzungen. Die Gespräche mit den Ärzten, Professoren. Die haben letztendlich dazu geführt Als man mich dann mehrmals zusammen mit Ärzten gesehen hatte, so sagte man: Da kommt wieder der Professor, der sich bei den Verletzungen mit einmischt und meint, er könne alles besser.

Und so hatten Sie gleich den Ruf des gebildeten Akademikers weg?
Ja. Ich empfinde das immer mit einer gewissen Ironie, die ich selber an den Tag lege, und daher stehe ich drüber.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Gesundheit, das würde schon reichen.

 

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