Stephan Sulke

Sänger und Liedermacher

Stephan Sulke im Gespräch mit Hanno Gerwin
Stephan Sulke im Gespräch mit Hanno Gerwin
Stephan Sulke im Gespräch mit Hanno Gerwin

Stephan Sulke ist Sänger, Liedermacher und Poet und blickt auf ein bewegtes Leben zurück. Auf seinem Weg lagen eine Menge einfühlsamer, melodischer und auch lustiger Songs, Schallplattenpreise und zumindest ein Super Hit: Uschi, mach kein Quatsch. 1943 in Shanghai geboren, in den USA und der Schweiz gelebt und gearbeitet, hat Stephan Sulke scheinbar immer nach seinem eigenem Gusto gelebt, geliebt und gearbeitet. Das aktuelle Programm von Sulke heißt „Ich hab ein Lied für dich geschrieben“ und damit ist der Liedermacher 2013 das vorerst letzte Mal in Deutschland auf Tournee. Ab Spätherbst hat er angekündigt erst einmal eine kleine Bühnenpause einzulegen.

 

Ich kenne Ihre Musik seit Mitte der siebziger Jahre. Hat sich viel verändert, was die Musik angeht?
Nein, das ist auch wieder so etwas Faszinierendes, da könnte man Stunden lang darüber reden. Wieso muss man immer alles ändern? Ich finde, wenn etwas gut ist oder man etwas für gut hält, dann lass es doch sein wie es ist. Ich hatte mit 33 praktisch schon andere Karrieren in meinem Leben abgeschlossen, als ich auf die Idee kam diese Art von Songs in Deutschland zu machen. Ich finde, da habe ich eigentlich einen relativ guten Weg gefunden. Also musikalisch hat sich überhaupt nichts geändert.

Ihre Stimme hat sich auch nicht verändert, das habe ich schon festgestellt.
Danke für das Kompliment, es liegt wahrscheinlich daran, dass ich eh nie singen konnte, also hat sich nichts geändert.

Lassen Sie uns noch einmal über diese Uschi sprechen, das war 1982, gab es sie wirklich?
Ja, es gibt sie immer noch. Dieser Song ist in einer Zeit entstanden, in der diese ganze Emanzipationsbewegung diese eigenartigen, erotischen Seitenreflexe hatte. Die hatten irgendwie diese Einstellung, sexuell sind Männer böse und Frauen sind lieb. So können wir es von mir aus noch stehen lassen. Aber irgendwie kam so eine mittelalterliche Verbotsstimmung hoch und ich fand das so absurd. Was gibt es Schöneres als Erotik, wenn zwei Menschen sich lieben und aneinander gehen. Und auf der einen Seite sind die Menschen ja auch entsprechend ausgerüstet. Wenn eine Dame so ausgerüstet ist und ein Mann entsprechend ausgerüstet ist, wird das ja einen Sinn haben.

Und Uschi hat das tatsächlich dann verneint und wollte nicht?
Genau. Aber Sie war total ausgerüstet! Wenn Sie potthässlich gewesen wäre, o.k. von mir aus, aber Sie war wunderschön, sie war phänomenal schön. Ich hatte dann mittlerweile gelernt, wenn du böse oder grimmig auf jemanden zugehst, dann wirst du nichts erreichen. Die schlimmste Waffe ist der Humor und die allerschlimmste Waffe der naive Humor.

Ihre Lieder haben immer etwas mit Ihnen zu tun gehabt. Sie sind das Gegenteil desjenigen, der Auftragsproduktionen singt.
Das stimmt. Es gibt diese lustige Geschichte mit dem Herbert Grönemeyer, der mich vor vielen tausend Jahren einmal fragte, ob ich was für ihn komponieren würde. Und dann habe ich gesagt „…hör doch auf, es gibt genügend Songs“. Und dann hat er einen meiner Songs gecovert und hat zehn Mal mehr Erfolg damit gehabt als ich. Das Lied heißt „Ich hab dich tausendmal geliebt“. Ich bin wahrscheinlich zu egozentrisch, zu egoistisch oder zu faul, um mich in andere Leute komplett hinein zu versetzen. Oder vielleicht ist es auch, weil ich irgendwann mal erkannt habe, dass man die Welt sowieso nur aus seiner eigenen Warte sehen kann, es geht ja gar nicht anders.

Sie haben ja ganz klar einen philosophischen Zug. In Ihren Liedern ist er auch manchmal mit etwas Humor überdeckt oder versteckt, manchmal wirkt er sehr melancholisch. Aber man merkt, dass Sie ihr eigenes Leben und die Welt als Ganzes, das ist für mich auch Philosophie, versuchen in einen Zusammenhang zu bringen.
Fangen wir mal von vorne an. Das, was mich zum Menschen macht, ist diese Geschichte mit dem Apfel. Wir beißen da in den Apfel- das Bild ist einfach schön, der Apfel ist ja unwichtig. Das ist dieses Selbsterkennen, diese Fähigkeit aus sich zu existieren, also aus sich selber heraus zu gehen und sich dann selbst betrachten zu können. Mittlerweile ist es ja schon so weit, dass wir auf den Mond gehen und unseren Spielball angucken. Und weiß der Kuckuck, wo wir noch hingehen werden, um eine größere Distanz und gleichzeitig eine größere Nähe zu uns selber zu haben. Und wenn ich das kann, wenn ich diese Fähigkeit habe, dass ich mich selber irgendwo erkennen kann, dann muss ich mich ja irgendwo fragen: Moment mal, was mache ich hier überhaupt? Ich behaupte einfach, dass das auch der innere Sinn des Lebens ist. Der innere Sinn des Lebens ist das Leben selber. Das heißt, dass ich mich selber mit dem Leben beschäftige und die Antworten nie kriegen werde. Das ist auch selbstverständlich, sonst wäre ich ja Gott. Aber nur weil es nicht möglich ist die Fragen zu lösen, sollte ich mich trotzdem fragen, was ich da eigentlich mache.

Also ist das Leben selbst eigentlich das Entscheidende, der Sinn des Lebens.
Ja, ich finde es so schwach, wenn man sagt „…such mal nach dem tieferen Sinn des Lebens“, da kannst du doch genau so gut antworten „….wieso, ist doch gar nicht nötig, dass da ein tieferer Sinn ist, der Sinn ist das Leben selber, das reicht doch“.

Aber man nimmt es ja oft genug auch nicht als das Leben wirklich wahr, dass ist auch ein Problem des Alltags.
Aber da sind wir ja wieder bei diesem Erkennen. Ich behaupte nicht, dass ich ein groß Lebender bin, ich bin ein ganz klein Lebender. Leben nenne ich, wie Sie richtig sagen, den Moment wo ich mich selber angucke und merke, das bin ich und mir bewusst werde, wie schön das alles ist. Das mache ich auch nicht sehr viel, aber ich mache es wenigstens. Ich befürchte jedoch, dass es viele Leute gibt, die das überhaupt nicht tun und dann würde ich sagen ist es nicht mehr leben sondern vegetieren. Dieses Leben bietet so viele schöne Genüsse. Mir reicht es schon den Sternenhimmel zu betrachten, um die nächsten vierzehn Tage auszuflippen. Es ist so unfassbar und das sind ja nur Kleinigkeiten!

Sie haben Gott eben schon angesprochen. Wie würden Sie Gott beschreiben in diesem Zusammenhang.
Ich glaube, Gott zu beschreiben ist erstens Blasphemie und zweitens ist es ein unmögliches Ding. Gott ist ja Alles.

Fühlen Sie sich als Geschöpf?
Ich fühle mich als Teil der Schöpfung. Ich sage das ganz bescheiden, aber ich habe manchmal das Gefühl, dass der göttliche Funke nicht draußen ist sondern drinnen, also dass das Göttliche in einem drin ist. Das Leben ist das Göttliche und man selbst ist ein Teil des Gesamtwunders. Goethe hat einmal gesagt „… wenn das Auge nicht sonnenhaft wäre, dann könnte die Sonne es nicht erhellen.“ Und jetzt möchte ich wieder nicht falsch verstanden werden, sondern ich sage das in einer totalen Bescheidenheit. Ich habe das Gefühl, dass Gott auch mich braucht. Es braucht ja irgendeine Figur auf der anderen Seite. Oder wenn die Natur nicht jemanden hat, der da sitzt und sieht wie schön das Alles ist. Dann ist ja alles für die Katz.

Aber ich glaube das ist ein sehr guter Gedanke, dass Gott auch Sie, die Menschen überhaupt braucht, um Gott sein zu können.
Genau, sonst hat er ja nichts. Wen soll er denn erfreuen bzw. ärgern? Also ich bin vielleicht ein bisschen naiv in der Hinsicht, aber was ist falsch am naiv sein?

Ich glaube, das ist sehr philosophisch und wo soll Gott sein, wenn er nicht in dem ist was wir selbst sind.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese Verbindung vielleicht sogar der Zweck der ganzen Geschichte ist. Und vor allem gibt es ja Leute, die sagen ich sei ungläubig, aber ich denke, ungläubig kann man nicht sein, das gibt es nicht.

Wenn Sie mal einen Wusch frei hätten, einen einzigen?
Glücklich sein, leben. Das reicht mir schon.

 

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