Claudia Roth

Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen

Claudia Roth
Claudia Roth im Gespräch mit Hanno Gerwin
Claudia Roth im Gespräch mit Hanno Gerwin

Sie wechselte von Kunst und Kultur in höchste politische Ämter. Claudia Roth ist die Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen. Über ihre Arbeit als Dramaturgin und Mitwirkung in der Politrockband Band „Ton Steine Scherben“ kam sie 1985 als Pressesprecherin zu den Grünen. Vier Jahre später war Claudia Roth im Europaparlament und wurde dort Fraktionsvorsitzende. 1998 vollzog sie den Wechsel in den Bundestag und ist seit 2001 Bundesvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen.

 

Frau Roth, wissen die Leute überhaupt, dass Sie eigentlich aus dem Schwäbischen kommen?
Also, wenn net, dann wird’s Zeit! Ja, ich bin in Ulm geboren und meine Eltern zogen dann nach Babenhausen. Also bin ich eigentlich geborene Württembergerin, dann aber nach „Bayrisch Schwaben“ verschleppt worden.

Da gibt’s ja gewisse Ähnlichkeiten, auch was den Dialekt angeht.
Der Dialekt ist dort noch sehr lebendig, und das finde ich auch gut.

Das ist ja auch eine aufmüpfige Volksgruppe, um es mal so zu sagen.
Ich bin geprägt von meiner Familie, vom württembergischen Liberalismus, von dem Wunsch, seine eigenen Rechte im Sinne radikaldemokratischen Denkens durchzusetzen. Ich wuchs in einer Gemeinde mit 5.000 Einwohnern auf, mit sehr stabilen CSU-Verhältnissen. Meine Eltern waren aber nicht in der CSU. Das war schon als Kind ein politischer Kampf. Meine Eltern sagten immer: „Setz dich für deine Ideen ein, und wenn der Wind auch mal ins Gesicht bläst, übt es dich fürs Leben“, und da haben sie recht gehabt.

Sie machten mit „Ton Steine Scherben“ auch aufmüpfige Musik.
Ich studierte zwei Semester an der Theaterwissenschaftlichen Fakultät in München und ging dann direkt ans Theater. Ich verließ den himmelblauen Süden und ging ins Ruhrgebiet. Von 1975 an war ich an den städtischen Bühnen in Dortmund als Dramaturgie-Assistentin engagiert. Dort lernte ich die Band „Ton Steine Scherben“ kennen und es entwickelte sich eine enge Freundschaft. Ich war einige Jahre ihre Managerin. Allerdings nannte man das damals noch nicht so, das wäre ein ganz fürchterlicher Begriff gewesen. Bis Mitte der 80er Jahre lebte ich mit der Band.

Zwei Linien ziehen sich konsequent durch Ihre Biografie. Die eine ist Ihr Engagement für die Menschenrechte, die andere für humanitäre Hilfe.
Das hat wahrscheinlich mit meiner wunderbaren Oma Franziska Frank zu tun, die mit mir am Sonntag immer ins Franziskanerklösterle in Ulm ging. Unser Deal bestand darin, erst ins Klösterle und dann ins Kino zu gehen, in einen Märchenfilm. Es erfüllt mich heute noch mit ganz großer Wärme, wenn ich mich an die Figur des Franz von Assisi erinnere: Dieser Bettelmönch, umgeben von Tieren, Gräsern, Blümchen und in der Armenkutte, mit seinen Sandalen und seinem strahlendes Gesicht. Damit hatte mir meine Oma wirklich beigebracht, was Reichtum ist. Reichtum ist nämlich auch, dass es dir nur dann gut geht, wenn es den anderen nicht schlecht geht. Oma sagte immer: „Mädel, dir kann’s doch gar net gut gehen, wenn’s den andern schlecht geht!“ – Es ist also die Nächstenliebe, die zählt. Bei uns zu Hause spielte außerdem die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus eine unglaublich große Rolle.

Wie kam es da dazu?
Meine Eltern fuhren sehr früh mit uns nach Dachau. Trotz all des Unvorstellbaren, des nicht Erklärbaren, kam immer wieder die Nachfrage, wie es überhaupt dazu kommen konnte und der Vorwurf gegenüber den Eltern, warum sie nichts dagegen gemacht hätten. Wir erfuhren über die Konflikte in den Familien, den der Terror des Nationalsozialismus bedeutete. Mein Vater erklärte uns die Bedeutung des Grundgesetzes: Was heißt der Artikel 1, die Menschenwürde, die Würde des Menschen ist unantastbar? Wir redeten oft darüber, weil ich eine Schwester mit Behinderung habe und oft erlebte, welcher Kampf es war, nicht in die Ecke geschoben zu werden, nicht diskriminiert zu werden. Hätten sich meine Eltern nicht unglaublich kämpferisch für diesen „Menschen“, meine Schwester, eingesetzt, Zugang zu einer normalen Schule und zu einer Berufsausbildung verschafft, hätte sie sicherlich nicht erreicht, was sie bislang erreichte. Ich kann es nicht ertragen, wenn Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, einer Behinderung, ihrer sexuellen Identität diskriminiert werden. Ich machte frühe Erfahrung damit, was Diskriminierung bedeutet. Humanitäre Hilfe ist ein weiteres Motiv. Wir leben in „einer“ Welt. Ich habe eine Verantwortung in dieser „einen“ Welt. Ich bin viel herumgekommen und erlebe immer wieder, dass schwierige Situationen, Armut, Kriege und Gewalt aus dieser reichen Welt des Nordens in den ärmeren Süden exportiert werden sind.

Ihre ganze Biografie, Ihr Politikerleben ist also stark geprägt von Ihrer Familie.
Sehr geprägt haben mich die heftigen Auseinandersetzungen. Es ging richtig kämpferisch zur Sache! Ich stritt vor allem mit meinem Vater sehr, sehr viel. Für meine beiden jüngeren Schwestern war das wunderbar, ich stritt, und sie hatten ihre Ruhe. Meine Mama war noch eine ganze Weile als Lehrerin berufstätig, so war ich eigentlich das Oma- und Opakind. Ich war oft bei meinen Großeltern. Mein Großvater war Protestant, meine Oma Katholikin. Sie heirateten 1919 in Ulm. Es war eine der ersten ökumenischen Trauungen im Ulmer Münster.

Dass das überhaupt ging, damals!
Ja, da ranken sich natürlich unglaubliche Geschichten. Oma erzählte, dass der Opa sie entführt habe, weil ihre katholische Verwandtschaft nicht wollte, dass ein Protestant aus der Stadt eine Katholikin vom Land heiratet. In meinem ganzen Aufwachsen hatte Religion nie etwas Trennendes. Religion war immer das Verbindende. Ich erlebte, wie sich zwei Menschen sehr liebten und sich mit großer Hochachtung gegenüber traten. Es gab nie einen Konflikt darüber, mit welcher Konfession beispielsweise die Kinder und Enkelkinder aufwachsen sollten. Man sagte, aus denen sollten anständige Menschen werden und nicht Katholiken oder Protestanten.

Was sind Sie selbst?
Ich bin auf der Suche. Ich wurde katholisch getauft. Mit der Zustimmung meiner sehr katholischen, sehr religiösen Oma bin ich aus der Kirche ausgetreten, weil die Haltung der katholischen Kirche zur Rolle der Frau, für mich etwas war, was nicht mit unserem Grundgesetz Artikel 1 in Übereinstimmung zu bringen ist. Warum soll die Frau in der Kirche schweigen? Mein Vater lachte immer darüber und meinte, schweigen könne ich eh nicht. Meine Oma sagte: „Das ist eine Amtskirche, das heißt ja nicht, dass du nicht immer auf der Suche nach dem bist, was Glauben heißt oder was Wertefundament bedeutet.“

Wie ist es mit dem Glauben? Ist er da, auch ohne Kirchenzugehörigkeit?
Es ist immer die Frage: Was ist es eigentlich? Was ist der Kitt, der uns zusammen hält? Was Franz von Assisi im Sonnengesang beschreibt, das finde ich unglaublich toll. Eigentlich der erste Grüne, ohne ihn einvernehmen zu wollen. Er war der erste Ökologe, der mit der Natur lebte, der das Verhältnis Mensch zur Natur oder Mensch und Schöpfung beschrieb, wo der Mensch glaubte, er dürfe eingreifen, Lebewesen nach seinem Gutdünken gestalten, die Natur ausrauben. Der Wert und die Anerkennung des anderen Menschen, die Nächstenliebe, das ist für mich entscheidend Wie sich das mit einem Glauben verbinden lässt, auf dem Weg bin ich noch eine ganze Weile.

Wie ist das mit einer Art Glaubensleben? Beten Sie?
Ich habe die Bibel neben anderen Büchern auf meinem Nachttisch und ich lese gerne darin, beispielsweise das Lukasevangelium, woraus man viel lernen kann, wenn man Menschenrechtspolitik macht. Beten... – weiß ich nicht. Manchmal, wenn es ganz heftig ist, gehe ich in einen ruhigen Raum, sei es eine Kirche, sei es ein Andachtsraum, aber immer auch auf der Suche nach der Bedeutung des Glaubens.

Wovor haben Sie Angst?
Vor Ungerechtigkeit, vor Hierarchisierung von Menschen, vor einer Gesellschaft die auseinander bricht, vor Konfrontationen. Meine größte Angst besteht darin, nicht gut genug zu sein, es nicht zu können, mich nicht angestrengt zu haben. Mir macht es Angst, wenn aufgrund meiner Person meine Familie, meine Mama, meine Schwestern, meine Nichte, mein Neffe bedroht werden. Es geht heftig zur Sache und die Bedrohungen nehmen nicht ab, sondern eher zu.

Wenn Sie einmal einen einzigen Wunsch frei hätten, was würden Sie sich wünschen?
Zeit! Zeit, um mal ganz in Ruhe rumzukrusteln, ohne mich auf was vorbereiten zu müssen. Einfach in den Tag hineinzuleben, einen Tag und einen Abend in einem schönen Garten zu sitzen oder im Garten Arbeit zu verrichten, mit Blick nach vorne aufs Meer, nach hinten auf die Zugspitze und dann noch einen schönen Eiskaffee.

 

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