Johannes Rau

den Bundespräsidenten a.D.

Johannes Rau
Johannes Rau im Gespräch mit Hanno Gerwin

Er ist ein Mann der politischen Superlative: Fast 40 Jahre Mitglied im nordrhein-westfälischen Landtag, 30 Jahre Mitglied im Parteivorstand und fast 20 Jahre Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. Dabei hatte er immer auch noch Zeit für die Evangelische Kirche. Mit der Wahl zum Bundespräsidenten hat er sein Lebensziel erreicht und seine politische Karriere gekrönt. Johannes Rau war Mitglied des Präsidiums des Deutschen Evangelischen Kirchentages, und der Synode. Und Johannes Rau trägt sogar zwei theologische Ehrendoktorhüte, kann also die Kirche qualifiziert kritisieren.

 

Herr Rau, Sie haben einen theologischen Ehrendoktortitel bekommen. Theologie ist nicht unbedingt ihr Geschäft. Was verstehen Sie von Theologie?
Ich bin gelernter Verleger, Verlagsbuchhändler, und ich habe immer mit Theologie zu tun gehabt. Von früher Jugend an bin ich mit Theologen aufgewachsen. Es hat mich immer sehr interessiert und ich habe viel zum Thema Theologie gelesen. 1987 habe ich den ersten theologischen Ehrendoktor in der ungarischen reformierten Kirche in Budapest bekommen, 1999 in Bochum bei der Ruhruniversität. Der war deshalb besonders interessant, weil er von beiden Fakultäten kommt, sowohl von der evangelischen, wie auch von der katholischen. Das ist zwar kirchenrechtlich nicht möglich, aber beide haben die Urkunde gemeinsam unterschrieben, und das hat mich gefreut.

Liegt Ihnen die Ökumene am Herzen?
Ja, ich glaube in der Zeit, in der die Christen eine Minderheit werden, dürfen sie sich nicht in zu vielen kleinen Gruppen differenzieren. Das bedeutet nicht, dass man Lehrunterschiede verschweigen soll, aber ich denke, das Christliche geht über das Konfessionelle hinaus.

Sie haben sehr viel Erfahrung mit der evangelischen Kirche, auch mit den manchmal etwas schwierigen Prozeduren in der Kirche, Synoden usw. Was würden Sie an der evangelischen Kirche ändern?
Ich möchte sie mir wieder ein Stückchen unverwechselbarer vorstellen. In den letzten Jahren hatte ich den Eindruck, dass es sehr, sehr viele Bemühungen gab, die christliche Botschaft marktfähig zu machen. Das halte ich nicht für richtig, weil es die Botschaft selbst verändert und verfälscht. Ich bin in der Synode der rheinischen Kirche inzwischen seit 1965. Mir gefällt es immer am besten, wenn man merkt, hier ist biblische Botschaft und zwar in einer Sprache, die man versteht. Man versteht sie aber nicht, wenn man versucht, über andere Bücher die Bibel zu erschließen.

Lesen Sie regelmäßig in der Bibel?
Ja. Regelmäßig nicht in dem Sinne, dass ich es täglich tue. Ich lese täglich die Losung, aber ich bin doch mit der Bibel auf eine Weise verbunden, seit meiner Kindheit, die dann dazu führt, dass ich sie auch ständig zitiere, passend und unpassend.

Was wäre denn das richtige Zitat für dieses Interview?
Für dieses Interview weiß ich jetzt nichts, aber das Bild in der Bibel von dem fahrenden Gottesvolk, das würde auch auf mich zutreffen, denn ich muss gelegentlich innehalten und überlegen, wo ich gerade bin.

Ist das eine der Stellen, die Ihnen besonders gut gefällt?
Ja. Schon früher als Kind habe ich immer Briefe abzukürzen versucht, indem ich Bibelstellen zitierte: „Ich will Euch nicht verhalten liebe Brüder, dass ich mir oft habe vorgesetzt zu Euch zu kommen, bin aber verhindert bisher...“, so konnte ich mich dann entschuldigen. Ärger habe ich nur mal bekommen, als ich meinem Vater eine Karte geschrieben habe: „Ich grüße Dich mit Galater 6, Vers 4a.“ Das hat er dann nachgelesen, und da steht: „Ihr Väter, reizet Eure Kinder nicht zum Zorn.“ Ein Spruch, an den ich jetzt gelegentlich denke, denn ich bin ein spät berufener Vater.

Was machen Sie, um Ihre Kinder an den Glauben heranzuführen?
Eine ganz schwierige Rolle, denn im Gegensatz zu meiner Kindheit sind ja die Kinder heute vielfachen Erziehungen ausgesetzt, nicht nur durch die Schule, auch durch die Freunde und Freundinnen, durchs Fernsehen, durch Filme, durch alle möglichen Aktivitäten. Ich halte es mit dem Wort aus dem 5. Buch Mose: „Wenn Dich Dein Sohn fragt, dann sollst Du ihm antworten.“

Und wenn er nicht fragt?
Es gibt immer Anlässe, das Gespräch auf solche Fragen zu führen, indem man einfach nachfragt. Die Älteste wollte sich gerne konfirmieren lassen und wollte dann Kindergottesdiensthelferin werden. Sie wurde da ein Stück weit abgestoßen. Das war nicht gut. Ich hoffe die Phase kommt wieder, aber auch da muss man Kindern Freiraum und Freiheit geben.

Das können Sie gut, das ist Ihre Stärke, also „laufen lassen“.
Ja, ich glaube schon. Ich habe immer versucht, die Freiheit einzuüben: Halten, aber nicht festhalten.

Sie sagen „spät berufener Vater“. Sie haben in der Tat recht junge Kinder, die ganz andere Kulturen an Sie herantragen. Wie kommen Sie damit zurecht? Ich denke da an Pop und Techno.
Diese Musik ist mir zu laut, und ich muss dann gelegentlich um Verständnis bitten. Im Übrigen finde ich es hoch interessant, gerade als älterer Mann, das mitzuerleben.
Wenn die Kinder Witze mitbringen, dann gibt es helles Gelächter. Die Tochter kam mal und erzählte, dass eine Tochter zu ihrem Vater beim Frühstück sagt: „He, Alter! Lass’ mal die Marmelade rüberwachsen.“ Da sagt der Vater: „Wie sprichst du denn mit mir“, woraufhin die Tochter sagt:“Na gut, Konfitüre.“

Es wird gesagt, die Jugend ist heute anders und ist vielen Einflüssen ausgesetzt, forciert durch die Kommunikations- und Medienindustrie. Gibt es etwas, was Sie für Ihre Kinder gerne anders machen würden?
Ich würde gerne mithelfen, dass Sie die Gabe der Konzentration nicht verlieren. Z.B. Schularbeiten machen, während der Fernseher läuft. Da schreite ich ein, und zwar nicht, weil ich etwas gegen das Fernsehen habe, sondern weil ich glaube, die Schularbeiten werden besser.

Sind Sie mit den Leistungen Ihrer Kinder zufrieden?
Das ist unterschiedlich, das hängt auch von der Phase ab, in der sie gerade sind, von den Freunden, die sie beeinflussen. Aber ich kann insgesamt nicht klagen.

Wie wichtig ist Ihnen Leistung oder Karriere?
Karriere ist mir nicht wichtig. Mein Sohnwollte mit zwölf Jahren gerne Clown werden und besuchte eine Zirkusschule. Er hat extra italienisch gelernt, um jonglieren lernen zu können. Ich finde, ein Kind muss sich ausleben. Was er später werden möchte, das ist seine Sache.

Lassen Sie da freien Lauf?
Ja, völlig.

Wie wichtig ist Ihnen Macht? Sie haben ein unheimlich langes politisches Mandat in Nordrhein-Westfalen.
Macht hat man nicht. Macht hat die Deutsche Bank oder die Allianz, unsereiner hat bestenfalls Einfluss und Gestaltungsmöglichkeiten. Aber Macht in dem Sinne, wie man früher Politik beschrieb, ist in der pluralistischen Demokratie nicht mehr zu haben. Auch Kohl hatte keine Macht. Er hatte Einfluss, und er hat die Fähigkeit, die Leute zu fördern oder aber wegzuschieben.
Macht im klassischen Sinne hat vielleicht der amerikanische Präsident, aber nicht ein Berufspolitiker aus Nordrhein-Westfalen.

Wie wichtig ist Ihnen der Einfluss?
Er ist schon wichtig. Ich bin in einem Land von 80 Millionen Einwohnern Regierungschef, wir haben immmer wieder große Probleme. Wie schrecklich wäre das, wenn ich nicht sagen könnte, ich komme und wir reden über das, was geschehen muss, wir versuchen die Kräfte der Gesellschaft zu wecken, die Unternehmen, die Gewerkschaften, um sie zusammenzuführen. Aber das ist nicht Macht im klassischen Sinne.

Wovor haben Sie Angst?
Zuerst einmal die ganz profane Angst, dass mir und meinen Angehörigen etwas geschehen könnte, Krankheiten oder Unglück. Außerdem habe ich Angst davor, dass in einer Zeit, in der die Politik zwischen Allmachtsgebärden und Ohnmachtgefühlen schwankt, eines Tages wieder Menschen kommen, die auf alles eine Antwort und auf nichts eine Lösung haben.

Also eine politische Angst?
Das wäre eine politische Angst.

Was ist Ihre größte Hoffnung, wenn Sie in die Zukunft blicken?
Dass es friedlicher wird und zwar nicht nur in der Abwesenheit von Krieg, sondern auch in der Art, wie die Menschen miteinander umgehen. Ich wünsche mir immer noch, nicht nur das himmlische Jerusalem, sondern auch eine Zeit, deren Symbol nicht der Ellenbogen ist, sondern die ausgestreckte Hand. Nicht die Faust, sondern die fünf Finger.

Wie feiern Sie Weihnachten?
Das Kernstück ist die Weihnachtsgeschichte, die der Vater vorliest. Wir versuchen das Weihnachtsfest zu feiern, erstens als Familie und zweitens mit guten Freunden. Das ist natürlich besonders abwechslungsreich, weil auch die Freunde unserer Kinder wechseln. Ich versuche terminfrei zu sein. Nicht immer gelingt es, aber an den Weihnachtsfeiertagen.

Haben Sie denn Zeit, sich was zu wünschen?
Ja, das habe ich. Obwohl ich jetzt in einem Alter bin, in dem ich gestehen muss, dass man noch spezielle Wünsche hat, z.B. eine bestimmte CD mit einem ganz bestimmten Musiker oder Dirigenten. Was wir sonst zum Leben brauchen, haben wir längst.

 

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