Ulrich Noethen

den vielfach ausgezeichneten Schauspieler

Ulrich Noethen
Ulrich Noethen im Gespräch mit Hanno Gerwin
Ulrich Noethen im Gespräch mit Hanno Gerwin

Er ist ein vielfach ausgezeichneter Schauspieler. Für sein Leinwanddebüt bekam Ulrich Noethen den Deutschen und den Bayerischen Filmpreis, dann den Goldenen Löwen und den Bayerischen Fernsehpreis. Ob als Herr Taschenbier in „Das Sams“, Kurt in „Gripsholm“ oder Dietrich Bonhoeffer in „Die letzte Stunde“, Ulrich Noethen brilliert als vielseitiges Schauspieltalent in anspruchsvollen Filmen. Zuletzt spielte er den Vater der kleinen Hexe Bibi Blocksberg.

 

Ulrich Noethen, in dem Film „Bibi Blocksberg“ geht Ihnen die Hexerei ein bisschen auf den Wecker. Wären Sie nicht doch lieber so ein wilder Hexenmeister gewesen?
Ja, sicher. Ich habe es sehr bedauert, dass Bernhard Blocksberg als Normalsterblichem der Zugang zum Blocksberg verwehrt ist. Das ist traurig. Dass man immer wieder darauf zurückgeworfen wird, mit beiden Beinen auf dem nüchternen, grauen Boden der Tatsachen mitten im Alltag zu stehen, während die anderen so locker vor sich hin hexen, das ist schon etwas betrüblich. Aber so ist das, und das muss auch so sein.

Und wenn Sie hexen dürften, was würden Sie hexen?
Die Frage ist natürlich ganz unvermeidlich. Ich denke, das ist wie mit den Wünschen von der guten Fee. Man würde wahrscheinlich erst mal ausprobieren, wie weit die Kräfte überhaupt reichen. Dann würde man versuchen eine bessere Welt zu schaffen. Irgendwann würde man merken, dass in dem Moment, wo man anfängt zu regulieren und irgendwelche Sachen besser zu machen, man den Dualismus, auf dem die Welt besteht, abschafft. Es wäre alles nur noch Friede, Freude, Eierkuchen. Das wäre vielleicht für alle Menschen eine gute Sache, aber ich weiß es nicht.

Es muss Gut und Böse geben. In dem Film geht es auch um Gut und Böse. Wie würden Sie „böse“ definieren?
Das Böse ist für meine Begriffe einfach das Durchsetzen der eigenen Interessen, ohne Rücksicht auf das, was der andere Mensch bedarf.

Wie gehen Sie damit um? Das erleben Sie ja auch im Alltag.
Bosheit? Ich versuche immer, ihr aus dem Weg zu gehen.

Sind Sie ein Kämpfer, der sagt, ich zwinge dich nieder?
Man muss wissen, wo die Grenzen sind. Es gibt doch diesen Spruch, den die Kinder immer lernen: Der Klügere gibt nach! Es kommt sicher irgendwann der Punkt, an dem klar ist, dass es damit nicht getan ist, denn ich treffe auch auf andere Menschen, die das nicht respektieren oder die dann sagen: Ha! Er hat nachgegeben! Diese Menschen deuten dies so, dass man immer weiter nachgeben wird. Es muss auch mal ein Schlussstrich gezogen werden.

Fällt es Ihnen leicht, einen Schlussstrich zu ziehen oder tun Sie das sehr ungern?
Nein. Ich habe nicht gelernt, nein zu sagen. Darum fällt es mir eher schwer.

Was ist für Sie ein guter Mensch, vielleicht sogar ein Vorbild?
Was ist ein guter Mensch? Einer, der verantwortlich denkt, nicht nur an sich, der mit anderen zusammen leben kann.

In dem Film geht es ums Hexen, wobei das Hexen etwas Übernatürliches ist. Es hat nichts mit Religion zu tun, aber es steckt etwas davon mit drin. Die guten Hexen, die reinigen und helfen, sie sind dem Guten in der Welt verpflichtet. Diese Hexensprüche erinnern mich in gewisser Weise an Gebete, Meditationen oder Beschwörungsformeln.
Ja, das ging mir auch so, als ich den Film gesehen habe. Es ist in gewisser Weise eine Art Liturgie, die da gefeiert wird. Das hat mich schon sehr eigentümlich berührt.
Durch diese Formelhaftigkeit der Liturgie erhält das gesprochene Wort eine besondere Kraft, durch die immer wiederkehrende Wiederholung des Wortes. Ich glaube, es ist für Kinder sehr, sehr wichtig, solches zu sehen. Es ist beeindruckend.

Wie sehen Sie übernatürliche Dinge? Wie sehen Sie die Religion? Haben Sie einen Sinn dafür?
Mein Vater ist Pfarrer. Ich bin in einem Pfarrhaus groß geworden und da war es selbstverständlich, dass man jeden Sonntag in die Kirche gegangen ist. Ich hab\'s gewissermaßen mit der Muttermilch aufgesogen und habe mir über vieles überhaupt keine Gedanken gemacht. Erst Jahre später habe ich über einen anderen Umweg, z.B. die bildende Kunst, wieder einen Zugang zur Religion gefunden und all dies für mich neu hinterfragt. Ich habe schon einen Draht dazu, ich sehe es aber mit einer gewissen Gelassenheit. Ich würde sagen, Übernatürliches und Religion sollte man nicht in einen Topf werfen. Das sind zwei Paar Stiefel.

Wenn Sie sagen, das sei zweierlei, wie würden Sie das unterscheiden?
Wenn wir von übernatürlichen Phänomenen reden, so stehe ich dem ausgesprochen gelassen gegenüber. Es scheint Erscheinungen in dieser Welt zu geben, die wir zunächst mit den Naturwissenschaften nicht erklären können. Da stehe ich rätselratend davor, aber ich akzeptiere das. Ich weiß es nicht, andere wissen es auch nicht. Mehr will ich auch gar nicht wissen.
Religion...- Für den Menschen ist eine gewisse spirituelle Grundausstattung wichtig. Darum bin ich für meine religiöse Erziehung ganz dankbar. Ich kenne die kritischen Stimmen zur Kirche. Ich bin deswegen dankbar, weil mir sozusagen dieser Weg erspart bleibt, irgendwelche neumodischen Sachen ausprobieren zu müssen und völlig zu scheitern. Meine Religiosität ist eine nüchterne, sachliche Religiosität, die mir hilft, ab und zu über manche Sachen hinwegzukommen. Trotzdem würde ich auch das ganz gelassen sehen.

Also verbinden Sie mit Religiosität auch Persönliches, was mit Ihnen zu tun hat, während das Übernatürliche vielleicht eher etwas Unpersönliches ist.
Ja, dem Übernatürliche in dem Sinne begegne ich nicht. Darum existiert es für mich auch erst mal nicht. Religiosität hingegen hat was mit meinen Gedanken, mit meiner Phantasie zu tun.

Sie kennen das Sprichwort: Pfarrers Kinder, Müllers Vieh geraten selten oder nie...
... Sind sie dann mal doch geraten, gibt\'s nen ganz besonderen Braten! So geht der Spruch weiter.

Wie ist das für Sie mit dieser Vergangenheit? War das Pfarrhaus eine Hilfe für Sie, oder haben Sie sich davon auch mal getrennt und gesagt, ich muss mich in Glaubensdingen erst mal emanzipieren?
Ich bin groß geworden in einer Kleinstadt. Daher war es so, dass man auf die Kinder vom Herrn Dekan besonders geschaut hat. Es war etwas schwieriger, weil etwas reglementierter. Ansonsten unterscheidet sich das nicht von anderen Elternhäusern. Die Emanzipation muss natürlich immer statt finden, und so war das bei mir auch der Fall.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?
Ich weiß es nicht, ich bin sozusagen ein optimistischer Agnostiker. Wollen wir mal hoffen!

Haben Sie Angst vor dem Alter? Das spielt in dem Film auch eine Rolle. Da geht es stets um diese Jugenddroge oder die Jugendformel, die die böse Hexe, die große Angst vor dem Altern hat, auf jeden Fall finden will.
Nein. Aber mit einer gewissen Betrübnis sieht man schon in meinem Alter, dass es nicht mehr so funktioniert, wie vor zwanzig Jahren. Dieser Prozess des allmählichen körperlichen und geistigen Abbaus ist einfach betrüblich. Um das Alter zu simulieren , gibt es Anzüge, in die man schlüpfen kann, um sich zu fühlen wie ein - was weiß ich - Achtzigjähriger, wo die Bewegungsfreiheit und der Blickwinkel wahnsinnig eingeschränkt ist.
Ich habe mir heute, vor dem Interview gesagt, sicher würde man mich fragen: „Was würden Sie sich denn zaubern? Was würden Sie sich wünschen?“ Und dann für einen Moment dachte ich mir, na ja, was ist zu wünschen? Man stößt, wie ich vorhin schon gesagt habe, immer an seine Grenzen. Mir ging so durch den Kopf, dass ich mir einen friedvollen, schmerzfreien, angstfreien Tod wünsche. Ich sagte mir: Das kannste ja nicht sagen! Wie kommt das denn an! Du bist doch gerade erst 43 und dann sprichst du: Ich wünsche mir, dass ich schön sterbe! Ich fühle mich noch ein bisschen zu jung dazu, um jetzt daran zu denken. Tatsächlich ist es aber der Gedanke an den Tod, der uns das ganze Leben hindurch begleitet.

Es ist nicht schlecht, das im Blick zu haben. Das heißt nicht, dass man unmittelbar davor steht. Man soll doch klug werden, wenn man an den Tod denkt.
Sie haben in „Bonhoeffer - Die letzte Stunde“ mitgespielt, ein sehr eindrucksvoller Film, der intensiv in den Kirchen und auch sonst von religiös interessierten Menschen aufgenommen wurde. Wie geht es Ihnen mit einer Figur wie Dietrich Bonhoeffer? Er ist jemand, der einen Tod stirbt, den er sich nicht ausgesucht hat, dadurch aber zu einem Held wird, zu einem stillen Held.

Ich habe großen Respekt davor, wenn jemand das, was er für richtig erkannt hat, konsequent weiterverfolgt. Ich habe deshalb großen Respekt davor, weil ich meine Zweifel habe, ob ich so einen Weg gehen könnte.

Auch in einer Situation, wie sie Bonhoeffer erlebte?
Auch in einer solchen Situation. So geht es mir damit.

Sind Sie der Meinung, dass der Glaube dabei helfen kann?
Ja, ganz sicher. Da bin ich fest davon überzeugt. Glaube hat eine große Kraft in sich, gleichzeitig birgt der Glaube aber auch eine genauso große Gefahr in sich. Diese Kraft kann zum Guten, aber auch zum Schlechten eingesetzt werden. Ganz einfach zu begreifen ist das durch den Fundamentalismus. Wir wissen, unsere Religion ist jetzt 2000 Jahre alt und auch da hat es furchtbare Fundamentalisten gegeben. Es gibt auch heute noch Fundamentalisten im Christentum. Das Augenmerk liegt im Moment eher auf der Weltreligion Islam, da sind die Fundamentalisten im Moment stark zu Gange. Und die Kraft, die Glaube entwickeln kann, die ist natürlich enorm. Ich muss dabei immer an Archimedes denken, der gesagt hat: „Gebt mir einen festen Punkt, und ich hebe Euch die Welt aus den Angeln!“ Der Glaube ist so was wie ein fester Punkt und lässt sich auch durch Argumente nicht mehr beeinflussen, denn der Glaube ist die Grundlage, die feste Basis und durch Argumente nicht zu erschüttern.

 

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